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Mit Wut gegen die Krise

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"No Country for Young Men" zeigt, wie griechische Künstler auf die Krise und Depression in ihrem Land reagieren. Eine emotionale, eine starke Ausstellung.

Alle warten, mit dem gut gefüllten Einkaufswagen an der Kassa im Supermarkt, vor dem Nachtclub, in einer Kirche, vor einem Geldautomaten. Immer fährt die Kamera unbeteiligt an den Menschen entlang. Zuletzt sehen wir eine lange, traurige Menschenschlange. Sie steht vor einer Essensausgabe, aber es reicht nicht für alle. Da stößt ein alter Mann den nächsten Wartenden um – und alles bricht zusammen. Wie Dominosteine fallen die Menschen, im Zeitraffer folgt die Kamera dem Chaos zurück bis zum Einkaufswagen, der jetzt ziellos durch die Straßen rollt und im Nichts stehen bleibt. Aber Yorgos Zois möchte mit seinem Film nicht nur die Einbahnstraße der Trostlosigkeit zeigen, sondern auch Hoffnung vermittelt: Der Einkaufswagen stoppt zuletzt vor den Füßen des alten Mannes.

Zois lebt in Athen. Sein Film thematisiert die Folgen der Krise. Er ist Teil einer Ausstellung, die in Brüssel unter dem prägnanten Titel „No Country for Young Men“ zeitgenössische griechische Kunst „in Zeiten der Krise“ zeigt. Der Titel variiert Cormac McCarthys Roman und referiert darauf, dass 64 Prozent der jungen Griechen unter 25 Jahren keine Arbeit haben.

Eigentlich lehne sie auf ein bestimmtes Land ausgerichtete Ausstellungen ab, erklärt Kuratorin Katarina Gregos. In Griechenland geboren, in Brüssel lebend, ist diese Schau ihr aber ein großes Anliegen. Denn sie möchte den kalten Fakten hier Bilder des Lebens hinzufügen. Wie reagieren die Künstler auf ihr Land, das seit sieben Jahren kurz vor dem Kollaps steht? 32 Künstler und Kunstkollektive lud sie ein, ließ eine klaustrophobische Architektur mit engen, tunnelähnlichen Gängen von Danae Giamalaki entwerfen, drängelt die Werke auf engstem Raum.

 

„Here Come the Investors“

Manchen mag diese Anti-White-Cube-Inszenierung zu düster und brachial sein. Aber eine klassisch-museale Präsentation wäre bei diesem Thema unpassend. Stattdessen konfrontiert uns Gregos mit einer chaotischen Ausstellung, herausfordernd für die Besucher in der thematischen Dichte und räumlichen Enge. Es beginnt mit einer Skulptur, die als fahrbares Gestell vor dem „Polizeiterror“ schützt (Zissis Kotionis), und leitet uns dann zu vier Themen: den ökonomischen, sozialen und öffentlichen, den existenziellen Aspekten und Bildern einer kollektiven Depression. Mit den drastischen Dokumentationen des Fotojournalisten Alkis Konstantinidis werden wir an die Aufstände seit 2010 erinnert, die auch in berührenden Zeichnungen aufgegriffen sind (Chris Valsamaki): Nur auf Menschen und Barrikaden konzentriert, betonen diese isolierten Szenen in jedem Detail die Brutalität in den Auseinandersetzungen. Daneben sehen wir böse lachende Köpfe, die auf Booten zu einem Steg rudern. Der Titel dieses düsteren Acrylbildes: „Here Come the Investors“ (von Michalis G. Kallimpopoulos). Manche Projekte sind aber auch real, wie der Versuch des Kollektivs Depression Era, ein künstlerisches Archiv der Krise anzulegen.

Dieses sei eine der unerwarteten Entwicklungen durch die Krise, erklärt Gregos: In Athen werden immer mehr Künstlerkollektive etabliert, die gemeinsam Wege der Bewältigung und auch des Überlebens suchen. So kämpfen die Guerrilla Optimists mit künstlerischen Aktionen wie etwa einem „psycho-akustischen Feld“ im öffentlichen Raum darum, „aus dem Bett aufzustehen und sich dem Tag zu stellen“.

Selten hat man eine Ausstellung gesehen, die ein politisches Thema so emotional umsetzt. Hier wird nicht mit einer politischen Geste, sondern aus individueller Anteilnahme heraus gearbeitet. In jedem Werk wird man mit der Situation in Griechenland konfrontiert. Dabei spürt man in keinem Beitrag Verzweiflung, nirgendwo Anklagen. In manchen Werken blitzt eine Spur Humor auf, und sei es nur schwarzer, manche erzählen vom Willen zum Optimismus. Eines aber ist all diesen Werken gemeinsam, und das macht auch die große emotionale Kraft dieser Ausstellung aus: Alles ist getragen von einer großen Wut.

Ausstellung im Kulturzentrum Bozar (Palais des Beaux-Arts), bis 3.August, Eintritt frei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2014)