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"The Marrabenta Solos": Eine Art Breakdance aus Mosambik

(c) Arthur Fink
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Panaibra Gabriel Canda erzählt eine kurze Geschichte aus seiner Heimat - von der 400 Jahre währenden portugiesischen Kolonialzeit bis zur Gegenwart. Ein minimalistisches, vielschichtiges, zeitloses Spiel über die Zerstörung von Identität.

Ein riesiges Monument am Tejo in Lissabon erinnert an Heinrich den Seefahrer (1394–1460): Sieghaft blickt er in die Ferne, hinter ihm Honoratioren, betend, mit Flagge, darunter Pedro Álvares Cabral, der Brasilien für Portugal in Besitz nahm, Vasco da Gama, Entdecker des Seewegs nach Indien, sowie der Nationaldichter Luís de Camões. Der Schriftsteller und Psychiater António Lobo Antunes setzte den dreien in seinem Buch „Die Rückkehr der Karavellen“ seinerseits ein etwas schrilles Denkmal: Pedro Álvares Cabral steigt herab ins Rotlichtviertel, Vasco da Gama verdient Geld mit kleinen Gaunereien, und Luís de Camões notiert sein Renaissance-Epos „Lusiaden“ auf einem Kellnerblock.

Das Heinrich-Monument in Lissabon entstand 1960 unter Diktator Salazar, als sich schon abzeichnete, dass das älteste koloniale Weltreich Europas zerfallen würde, 15 Jahre später war es so weit. Doch die Befreiung ging nicht friedlich vonstatten... All dies kommt einem in den Sinn bei „The Marrabenta Solos“, was ein gutes Zeichen ist für den Reichtum dieser etwa einstündigen Geschichte von Mosambik, die Samstag bei den Festwochen im Brut Premiere hatte. Panaibra Gabriel Canda, Sohn einer portugiesischen, evangelischen Schneiderin und eines Angehörigen der Bitonga, die zur Sprachfamilie der Bantu gehören, schildert die Verwerfungen seiner Heimat: Kolonie, Befreiungskrieg, Kommunismus, Bürgerkrieg, und er demonstriert, was das Leben mit der Identität macht. Das geht jeden an.

 

Körper im Mahlstrom der Geschichte

Marrabenta ist eine Mischung aus europäischem und lokalem Tanz, teils volkstümlich, teils ambitioniert, an Breakdance erinnernd. Bei dieser Form der Hip-Hop-Bewegung gilt: Wer sich nicht biegt, der bricht. Candas gestählter Körper bricht natürlich nicht, aber er zeigt seine Schmerzen. Mit hektischen Bewegungen streift Canda alles ab, was an ihm spontan und ursprünglich war, schließlich sogar seine Haut. Er schnallt sich Rasseln an die Beine, zieht sich lange, schwarze Ärmel über und tanzt zum Fado, dem elegischen portugiesischen Gesang über verlorene Liebe und Sehnsucht. Jorge Domingos, der anfangs ganz friedlich mit Hut auf dem Boden liegend Siesta zu machen scheint, hetzt Canda mit seiner E-Gitarre über die Bühne, streckenweise wirkt der Tänzer wie ein Puppet on the String, zappelnd, sich verrenkend zu den mitunter monotonen Skalen, die Domingos, gelegentlich fies grinsend, auf der Gitarre spielt. Mit den Portugiesen soll Canda ein Portugiese sein, mit den Kommunisten ein Kommunist, mit den Bürgerkriegskämpfern ein Bürgerkriegskämpfer. Er gibt sein Bestes, streift sich den Helm mit dem Riemen aus Patronen über. Manchmal spricht er einige Sätze ins Mikrofon, manchmal schnauft er nur atemlos vor Anstrengung. Am Schluss liegt er erschöpft auf dem Boden, in der Gegenwart angekommen...

Die Aufführung ist grandios. Sie spielt mit Klischees vom „schwarzen Körper“, erzählt aber v.a. vom Tanz als Ritual und Kampfform: Körper und Geist im Kampf, der Körper als Objekt, Opfer geistiger, politischer Kämpfe. Abgehoben vom speziellen Fall werden der Preis der Zähmung, die Konsequenz des Sich-und-anderen-Gewalt-Antuns deutlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2014)