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Balkan-Hochwasser: Angst vor Seuchen und Minen

Die Fluten hinterlassen Chaos, so wie hier in Krupanj, 150 Kilometer östlich von Belgrad.
Die Fluten hinterlassen Chaos, so wie hier in Krupanj, 150 Kilometer östlich von Belgrad.(c) APA/EPA (DRAGAN KARADAREVIC)
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Die EU will die Hochwasser-Gebiete in Bosnien, Kroatien und Serbien finanziell unterstützen. Außenminister Sebastian Kurz spricht von einem "irrsinnigen Drama".

Das Hochwasser-Drama am Balkan ist auch nach Ende der heftigen Regenfälle letzte Woche noch nicht ausgestanden. Die Totenzahl stieg auf über 40. Viele  Dörfer sind nicht bewohnbar. Die Behörden in Bosnien-Herzegowina warnen nun sogar vor dem Ausbruch von Seuchen. Hangrutschungen könnten weitere Katastrophen auslösen. Von den Überschwemmungen besonders betroffen sind die Gebiete entlang der Save.

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) hat angesichts der dramatischen Fluten in Serbien, Bosnien-Herzegowina und in Teilen Kroatiens finanzielle Unterstützung der Europäischen Union für den Wiederaufbau in den betroffenen Ländern gefordert. "Da muss natürlich auch die Europäische Union einen großen Beitrag leisten. Das werden wir heute ansprechen und auch einfordern", sagte Kurz am Montag in Brüssel.

"Es ist dort ein irrsinniges Drama", sagte Kurz, der nach eigenen Angaben mit den Außenministern und Regierungschefs Serbiens und Bosniens in Kontakt steht. "Die Verwüstung ist dramatisch. Es braucht jetzt eine sofortige Hilfe, um Menschenleben zu retten." Auch müsse weiter gegen das Hochwasser akut angekämpft werden.

Derzeit leistet die EU vor allem akute Nothilfe, doch werde es in Zukunft auch um den Wiederaufbau in den beiden Balkanstaaten gehen, sagte die zuständige EU-Kommissarin Kristalina Georgiewa am Montag in Brüssel. Der Einsatz in Bosnien-Herzegowina sei "sehr komplex": Dies liege nicht nur an der Teilung des Landes in verschiedene ethnische Gruppen, sondern auch daran, dass die Schäden zum Teil in Gebieten entstanden seien, die bisher noch nicht von Landminen freigeräumt worden seien.

Gefährliches Treibgut

Das Minenaktionszentrum MAC hat die Bevölkerung in Bosnien am Sonntag gewarnt, dass Landminen durch das Hochwasser "wandern" könnten. Die Sprengkörper aus dem Krieg in den 90er-Jahren könnten Hunderte Kilometer unter anderem bis zum Schwarzen Meer geschwemmt werden. Die Minenaktionszentren in Bosnien, Kroatien und Serbien stellten ein Team zusammen, das die Gefahr der Sprengkörper aus dem Krieg in den 90er Jahren einschätzen soll. "Es gibt keine nicht-tödliche Mine", sagte Sasa Obradovic vom MAC am Montag in Sarajevo.

Aus dem Krieg zwischen Serben, Kroaten und Muslimen liegen noch rund 120.000 Landminen in Bosnien-Herzegowina. Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen. Die Gegenden um die Städte Doboj und Olovo, die jetzt besonders hart vom Hochwasser betroffen sind, sind noch stark vermint.

Österreich schickt Hubschrauber

Vier Bundesheer-Hubschrauber haben beim größten Hochwasser seit über 120 Jahren in Bosnien in den vergangenen Tagen in 160 Einsätzen mehr als 800 Personen in Sicherheit gebracht. Drei "Alouette 3" und ein "Black Hawk" haben laut Verteidigungsministerium am Sonntag seit Tagesanbruch in Maglaj, Tuzla und Zenica Schwangere, Dialyse-Patienten und vom Hochwasser eingeschlossen Frauen, Männer und Kinder ausgeflogen.

In Bosnien war die Lage in Orasje besorgniserregend. An der Save wurde ein Schutzdamm aus zwei Millionen Sandsäcken errichtet, meldeten Medien. Im Gebiet von Zenica wurden unterdessen Dutzende Erdrutsche registriert. Im Dorf Serici, das nur mit Hubschraubern erreichbar ist, wurden mehrere Häuser von Schlammmassen mitgerissen.

Auch der niederösterreichische Landesfeuerwehrverband hat am Wochenende 48 Mitglieder mit acht Booten zu einem Hilfseinsatz nach Bosnien-Herzegowina entsandt

Zwei weitere Todesfälle in Serbien

In Serbien sind am Montag zwei weitere Menschen ums Leben gekommen. Sie hatten sich nahe der Kleinstadt Savac geweigert, ihre Häuser zu verlassen. Die Zahl der Hochwassertoten im Land ist damit auf 19 gestiegen. In den Hochwassergebieten geht die Angst vor Plünderungen um. Innenminister Nebojsa Stefanovic kündigte ein rigoroses Vorgehen der Polizei an, um derartige Vorkommnisse zu verhindern. Sondereinheiten sind bereits in der größtenteils unter Wasser stehenden Stadt Obrenovac unterwegs, um Plünderer zu fassen. Die Bewohner werden erst zurückkehren können, wenn Militär und Gesundheitsdienste die gröbste Desinfektion vorgenommen haben. Veterinärdienste, die Tierkadaver beseitigen, sind seit Sonntag im Einsatz.

Große Sorgen bereitete in Obrenovac auch das Kohlekraftwerk, auf das zusammen mit jenem in Kostolac drei Viertel der Stromproduktion des Landes entfallen. Bei Kostolac wurde die Save in einen neu errichteten Kanal umgeleitet.

Mittlerweile gehen auch die Sandsäcke aus.  Freiwillige würden gebeten, sich beim städtischen Roten Kreuz zu melden. Arbeitskräfte wurden auch an der Mündung der Save in die Donau in Belgrad gesucht, dort wo sich beim Schönwetter normalerweise beliebte Treffpunkte der städtischen Jugend befinden. Es galt Schutzdämme zu bauen, die verhindern sollten, dass ein beträchtlicher Teil Neu-Belgrads, eines des größten Wohngebiete der serbischen Hauptstadt, überflutet werden.

In Samac, wo die Gefahr bereits gebannt schien, wurde am Montag die Evakuierung umliegender Dörfern angeordnet. Am Montagvormittag galt die größte Aufmerksamkeit der Situation in Sid und Sremska Mitrovica an der Grenze zu Kroatien, wo die Save, die in Kroatien über die Ufer getreten ist, die Region zu überschwemmen drohte. Hilfsmannschaften aus 17 Staaten, darunter Österreich, wurden in die Region entsandt. In Mali Zvornik, einer serbischen Kleinstadt an der Grenze zu Bosnien, drohte ein massiver Erdrusch den Grenzfluss Drina zu blockieren. Dadurch war auch die bosnische Stadt Zvornik am gegenüberliegenden Flussufer von Überflutungen bedroht.

Evakuierungen in Kroatien

Im Osten Kroatiens sind etwa 15.000 Menschen vom Hochwasser bedroht, viele von ihnen haben ihre Häuser verlassen müssen. Am Wochenende starb ein Mann, zwei Menschen gelten als vermisst. Die Hochwassergefahr sei noch nicht gebannt, sagte Ivica Plisic, Generaldirektor der Wasserwirtschaftsbehörde "Hrvatske Vode". Evakuierungen waren noch im Gange.

In zahlreichen Ortschaften in Slawonien im Osten des Landes brachen die Dämme der Save. Bilder aus der Krisenregion zeigten, dass das Wasser ganze Orte verschluckt hat, teilweise, wie etwa in Gunja, ragten nur die Dächer hervor. In Slavonski Brod wurden in der Nacht auf Montag präventiv 715 Menschen in Sicherheit gebracht. Im Landesteil Slawonien-Baranja bleiben die Schulen in dieser Woche geschlossen.

(c) APA

(APA)