Daimler-Chef Zetsche glaubt nicht an den Hybrid-Motor und erwartet starke Konkurrenz aus Indien und China. Das Auto der Zukunft soll komfortabler und wesentlich sicherer sein.
Die Presse: Nach der spektakulären Trennung von Daimler und Chrysler hört man zumindest von Chrysler vor allem Hiobsbotschaften. Wie geht es Ihnen dabei?
Dieter Zetsche: Ich habe dort fünf Jahre verbracht und viele Freunde gewonnen. Ich wünsche mir, dass Chrysler nun in seiner neuen Eigentümerstruktur erfolgreich sein wird. Das Umfeld im US-Markt ist allerdings sehr schwierig. Ich glaube jedoch, dass es bei Chrysler auch positive Entwicklungen gibt.
Wie froh sind Sie, das Kapitel Chrysler geschlossen zu haben?
Zetsche: Emotional war das eine schwierige Entscheidung. Aber wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Risiken die Chancen deutlich übersteigen. Zwei Wochen später wäre eine solche Transaktion aufgrund der Turbulenzen an den Finanzmärkten übrigens nicht mehr möglich gewesen. Jetzt sind wir hervorragend aufgestellt und finanziell kerngesund.
Auch Magna war an Chrysler interessiert. Wie weit war man in den Verhandlungen?
Zetsche: Wir haben auch mit Magna intensiv verhandelt. Aber ich glaube, es ist nicht hilfreich, wenn ich jetzt im Nachhinein über Rollen und Inhalte rede. Wir haben die für Daimler und Chrysler beste Lösung gefunden.
Mehr wollen Sie dazu auch im Nachhinein nicht sagen?
Zetsche (lächelt): Nein.
Daimler war ja auch für Magna Steyr in Graz immer ein wichtiger Kunde. Jetzt wurden einige Modelle abgezogen. Welche Bedeutung hat Magna Steyr für Daimler?
Zetsche: Magna ist für uns ein wichtiger Zulieferer, mit dem wir sehr gut zusammenarbeiten. Aber durch die fortschreitende Technologie in der Produktion wird mehr Flexibilität möglich. Dadurch sind kleine Serien, die früher den Produktionsbetrieb in unseren Werken gestört haben, nun leichter möglich. Daher gibt es weniger Möglichkeiten für Kooperationen zwischen uns und anderen Autokonzernen, mit Magna Steyr und deren Mitbewerbern. Aber Magna bleibt ein wichtiger Partner.
Anderes Thema: Die EU hat sich das Ziel gesetzt, dass Neuwagen ab 2012 im Schnitt nur noch 120 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen sollen. Wird man das schaffen?
Zetsche: Grundsätzlich unterstützen wir die Pläne der EU. Allerdings dauern unsere Produktzyklen etwa sieben Jahre. 60 Prozent der Fahrzeuge, die 2012 neu verkauft werden, sind bereits in dieser Form am Markt. Konzeptionelle Änderungen werden erst bei jenen Modellen möglich, die neu auf den Markt kommen. Die gemeinsame Position der Industrie ist daher, dass ein Übergangszeitraum bis 2015 ein sinnvoller Weg ist.
Gerade die deutschen Premium-Hersteller (Mercedes, BMW, Audi, Anm.) sind ins Schussfeld der Kritik geraten. Da wurden die Autos medial als Stinker bezeichnet. Ärgert Sie das?
Zetsche: Das Auto war und ist ein sehr emotionales Thema. Die Diskussion war daher sicherlich nicht immer sachgerecht. Aber das muss man aushalten. Wir stellen uns der Herausforderung, den CO2-Ausstoß deutlich zu reduzieren. Innovationen sind historisch gesehen vor allem von den Premium-Herstellern gekommen und über die Zeit auch in andere Fahrzeugsegmente eingeflossen. Es ist daher Unsinn, jetzt einen Konflikt zwischen Herstellern und Kunden großer und kleiner Fahrzeuge aufbauen zu wollen.
Es gibt zwar immer sparsamere Motoren, trotzdem verbrauchen die Autos nicht weniger Treibstoff, weil sie schwerer sind, weil mehr Energie in Sicherheit und vor allem in Komfort gesteckt wird ...
Zetsche: Es ist nicht richtig, dass die zusätzliche Komfort- und Sicherheitsausstattung die Verbrauchsverbesserungen komplett aufgefressen hätte. Mercedes-Benz hat bei seiner Flotte seit 1995 den Verbrauch im Schnitt um 23 Prozent gesenkt. Und es ist nun mal auch so, dass sich der Geschmack der Kunden verändert, und er nicht mehr nur die klassische Limousine will. In der Marktwirtschaft wird den Kunden nicht vorgeschrieben, was sie fahren sollen. Unsere Aufgabe ist, dass in allen Fahrzeugklassen möglichst effizient mit der Energie umgegangen wird.
Aber gerade SUVs waren ja keine Erfindung der Kunden sondern der Hersteller.
Zetsche: Das gesamte Auto ist nicht vom Kunden erfunden worden. Geländewagen werden schon lange als Nutzfahrzeuge verwendet. Die Kunden haben daran halt immer stärker Gefallen gefunden. Inzwischen basieren diese Fahrzeuge außerdem immer häufiger auf Pkw-Fahrgestellen, weshalb sie nur noch einen geringfügig anderen Verbrauch als die anderen Fahrzeugmodelle auf dieser Plattform haben.
Wenn in Ihrer Branche von Umweltschutz die Rede ist, dann wird sehr schnell das Hybrid-Auto (Kombination von Verbrennungs- und Elektromotor) genannt. Japanische Hersteller haben schon längst Hybrid-Autos auf dem Markt. Haben Sie die Technik verschlafen?
Zetsche:Der Hybrid ist nicht die einzige Innovation, die in den letzten 20 Jahren stattgefunden hat. Und bei vielen Innovationen war Mercedes-Benz ganz vorn dabei. Es ist ein Faktum, dass Toyota wesentlich früher als die Mitbewerber Hybrid-Autos auf den Markt gebracht hat. Es ist aber auch so, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis beim Hybrid sehr vom Einsatzzweck abhängt. So ist der Nutzen in der Stadt deutlich höher als Überland. Wir haben das Thema stärker von der rationalen Seite betrachtet. Es hat sich aber gezeigt, dass der Hybrid auf der emotionalen Ebene besonders punktet – wofür Kunden auch bereit sind mehr zu zahlen. Dafür sind wir schon jetzt mit unserer BlueTec-Technologie führend, dem saubersten Diesel der Welt.
Entwickeln Sie den Hybrid jetzt nur, um auch einen zu haben, oder glauben Sie inzwischen auch an die Technik?
Zetsche: Das hängt sehr vom Einsatzzweck des Fahrzeuges und den Abgaswerten ab, die erreicht werden müssen. Und da kann es auch sein, dass ein Hybrid notwendig ist.
Erwarten Sie eigentlich noch Konsolidierungen in der Autobranche? Rover, Jaguar und Land Rover wurden zuletzt ja von chinesischen und indischen Herstellern übernommen.
Zetsche: Der Verkauf von Jaguar und Land Rover war ja keine Konsolidierung, da die beiden Firmen schon zuvor nicht mehr eigenständig waren. Ich glaube nicht, dass die Zahl der unabhängigen Autokonzerne noch sinken wird.
Welche Rolle werden die chinesischen und indischen Hersteller zukünftig spielen?
Zetsche: Es wird ähnlich wie bei den japanischen und koreanischen Herstellern sein, nur wird es schneller geschehen.
Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Wie werden die Autos aussehen, mit denen wir in zehn bis 15 Jahren fahren?
Zetsche:Sie werden noch komfortabler sein. Und sie werden gleichzeitig entscheidend weniger verbrauchen und zu einem Teil komplett emissionsfrei sein. Überdies werden sie vor allem wesentlich sicherer sein. Wir arbeiten schon an dem unfallfreien Fahrzeug und ich glaube, dass wir dieser Vision schon sehr nahe kommen werden. Der Fahrer wird zwar weiterhin die Kontrolle haben. Aber er wird mit einem Sicherheitsnetz aus Systemen umgeben, das eingreift, sobald er eine existenzgefährdende Entscheidung trifft.
ZUR PERSON
Als „Dr. Z“ wurde Dieter Zetsche in einer Werbeoffensive eingesetzt – wenig erfolgreich, die Kampagne wurde gestoppt. Erfolgreicher war der in Istanbul geborene Elektrotechniker als Boss von Daimler (bei seinem Amtsantritt 2006 DaimlerChrysler). Unter seiner Führung kam Chrysler wieder in die Gewinnzone. Trotz Werksschließungen und Massenkündigungen wird er in der Belegschaft sehr geschätzt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2008)