Schweiz: Tunnels gegen Lkw-Lawine

(c) AP (Frank Augstein)
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Mit einem ehrgeizigen Ausbauprogramm soll das Transitproblem gelöst werden. In der Schweiz hat die Zahl der alpenquerenden Lkw seit 1994 von 980.000 auf 1,26 Mio. Fahrten pro Jahr zugenommen.

Bern. Gabi I und ihre Schwester Gabi II sind gewaltig: 400 Meter lang, knapp zehn Meter hoch, 3000 Tonnen schwer. Jeden Tag fressen sich die beiden Gabis rund 60 Meter in das Gesteinsmassiv der Mittelschweiz südlich des Vierwaldstätter Sees. Gabi I und Gabi II sind Tunnelbohrmaschinen. Sie arbeiten am Gotthard-Basistunnel für die Bahn. Mit seiner Inbetriebnahme am Ende des kommenden Jahrzehnts soll in der Schweiz gelingen, was sich die Verkehrsexperten und -politiker in den meisten Ländern wünschen – die Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene.

Österreich: Fünfmal mehr Lkw

Der Güterverkehr in Europa hat in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. Besonders problematisch ist dies in den Alpenregionen, wo der gesamte Nord-Süd-Verkehr zwischen den großen Nordsee-Häfen und der oberitalienischen Industrieregion über einige wenige Autobahnen führt. In der Schweiz hat die Zahl der alpenquerenden Lkw seit 1994 von 980.000 auf 1,26 Mio. Fahrten pro Jahr zugenommen. In Österreich hat sich diese Zahl sogar von 2,9 auf 6,5 Mio. erhöht.

Die Zahl der auf der Schiene transportierten Güter hat in beiden Ländern zwar ebenfalls zugenommen, allerdings weit schwächer als der Straßenverkehr. In der Schweiz werden derzeit 66 Prozent der Güter per Bahn transportiert – Anfang der 80er Jahre waren es noch weit über 90 Prozent. In Österreich beträgt der Schienen-Anteil im Alpenverkehr 24,2 Prozent, insgesamt rund ein Drittel. Im Europavergleich sind diese Zahlen immer noch gut, EU-weit werden nur rund zehn Prozent der Güter auf der Schiene transportiert.

Dennoch hat sich die Schweiz in einer Volksabstimmung vor rund zehn Jahren ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Die Zahl der alpenquerenden Lkw soll auf 650.000 pro Jahr gesenkt werden. Dies soll neben Beschränkungen der Straße durch die Attraktivierung der Schiene erreicht werden. Kernstück sind dabei der Gotthard- und der Lötschberg-Basistunnel. Der Lötschberg wurde im Vorjahr eröffnet, der Gotthard soll 2017 fertig werden.

Mit den Tunnels soll die Kapazität der Bahn gesteigert werden. Noch wichtiger für die Konkurrenzfähigkeit gegenüber der Straße dürfte sein, dass die Bahn dadurch auch flexibler wird. Bei der Überquerung des Passes muss aufgrund der starken Steigungen nämlich eine zweite oder sogar dritte Lok vorgespannt werden – das kostet und braucht Zeit. Durch den Tunnel kann der Zug problemlos mit einer Lok geführt werden. Abgerundet wird die Attraktivierung der Schiene durch mehr Wettbewerb. Inzwischen rittern bereits rund 15 Bahnunternehmen auf den beiden Strecken um Aufträge.

Mit 57 Kilometern Länge wird der Gotthard-Basistunnel der längste Tunnel der Welt sein. Dieser Weltrekord ist nicht kostenlos. Rund sieben Mrd. Franken (4,3 Mrd. Euro) soll der Bau des Gotthard-Tunnels kosten. Der Gesamtausbau der beiden Bahnstrecken wird auf 19,1 Mrd. Franken taxiert.

Lkw-Maut finanziert Tunnelbau

Die Finanzierung erfolgt dabei durch einen Fonds, der von zweckgebundenen Steuern gespeist wird. So fließt die Lkw-Maut zur Gänze, die Mineralölsteuer zu 25 Prozent und die Mehrwertsteuer zu einem Tausendstel in den Fonds. „Die LSVA (Lkw-Maut, Anm.) verteuert die Lastwagenfahrten und finanziert den Schienenausbau“, sagt der Schweizer Verkehrsminister Moritz Leuenberger. In der Schweiz ist die Lkw-Maut mit 67 Cent je Kilometer für einen 40-Tonner auch mehr als doppelt so hoch wie in Österreich. Hierzulande müssen die Einnahmen aus der Lkw-Maut für den Straßenbau herhalten. Dieser wird in der Schweiz durch die Mineralölsteuer finanziert. In Österreich fließt die Möst seit 1987 ins allgemeine Budget.

Leuenberger sieht die Einführung der Lkw-Maut und den bereits erfolgten Schienenausbau als Grund für die seit 2000 gebremste Zunahme des Lkw-Verkehrs. Laut Prognosen des Schweizer Verkehrsministeriums würde die Zahl der Lkw-Fahrten ohne diese Maßnahmen heute um 400.000 pro Jahr höher liegen.

Allerdings läuft auch in der Schweiz manches schief. So wurde der Ausbau der zweiten Röhre des Lötschberg-Tunnels aus Kostengründen gestoppt. Auf einer Strecke von 15 Kilometern gibt es nun ein gebohrtes Loch – aber keine Schienen.

AUF EINEN BLICK

Der Transitverkehr durch die Alpen nimmt seit Jahren zu. Pro Jahr fahren 1,26 Mio. Lkw durch die Schweiz und 6,5 Mio. Lkw durch Österreich.

Die Schweiz will durch Tunnels und mehr Wettbewerb die Schiene attraktiver machen und die Verkehrsströme verlagern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2008)

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