Kritik: Theater: Die zwei Gesichter der Marlene

Volkstheater in den Bezirken: Susa Meyer spielt die Dietrich voller Herzblut.

Susa Meyer ist eine hervorragende Sängerin. „I'm the laziest girl in town“, trällert sie, und das Publikum klatscht begeistert nach mehr. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, haucht sie, der Jubel im Saal steigert sich noch. Ihr musikalisches Talent hat die Schauspielerin vor zwei Jahren in der feinen Show „My Way“ als Ava Gardner bewiesen. Jetzt nimmt sie sich den nächsten Super-Vamp vor. Im Volkstheater in den Bezirken in der Längenfeldgasse gab es am Mittwoch die österreichische Erstaufführung von „Marlene“. Sie ist durchaus gelungen.

Mit dieser Hommage an die Dietrich (1901–1992) feierte die britische Schriftstellerin Pam Gems 1977 in London einen Triumph. In der Regie von Andy Hallwaxx wurde die anhaltende Attraktivität dieses Kammerspiels bestätigt. Zwei Seiten der Diva werden gezeigt, eine glamouröse und eine zutiefst menschliche.

Vor der Pause sieht man hinter die Bühne. Die Dietrich, eine erbitterte Gegnerin Hitlers, emigrierte 1930 in die USA und nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Sie trat entschlossen gegen die Nazi-Diktatur auf. 1960 kehrt Marlene Dietrich erstmals nach Berlin zurück, wo ihre Karriere als Schauspielerin unter Max Reinhardt am Deutschen Theater begonnen hat. Als „Der blaue Engel“ in Josef von Sternbergs Verfilmung von Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“, wurde sie 1930 weltberühmt. Jetzt aber, mit 58, ist die Dietrich bei der Probe nervös, hat offenbar getrunken. Aus dem Dialog mit ihrer streng frisierten, geschäftsmäßig eleganten Assistentin Vivian (Annette Isabella Holzmann) erfahren wir, dass sich zwar die Prominenz um sie bemüht, aber aus einem Brief des Berliner Oberbürgermeisters Willy Brandt lässt sich auch schließen, dass viele unbelehrbare Deutsche sie als Verräterin ansehen.

„Ich hab noch einen Koffer in Berlin“

Wir sehen die Vorbereitungen einer tapferen, klarsichtigen, kapriziösen Frau, die sich dieser Herausforderung stellt. „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“, singt sie wie eine Kampfansage. Die patente Offizierstochter greift zu Besen, gelben Gummihandschuhen und Scheuerlappen, um den Raum, der voller Koffer steht, auf Hochglanz zu bringen. Sie repariert eine Lampe. Dazwischen gönnt sie sich einen Schluck aus der Whiskyflasche, gibt der „New York Times“ ein Interview, und bei der Plauderei, dem Herumkommandieren und Belehren der devoten, verliebten, aber auch zielgerichteten Assistentin (Holzmann kann das alles gleichzeitig) entsteht eine Vorstellung davon, wer diese Marlene ist, wie sehr sie den Auftritt fürchtet und ersehnt.

Im ersten Akt werden die Lieder (viel von Porter und Hollaender, zudem Brel, Hirsch) nur angesungen, im zweiten Akt kommt die große Show. Bühnenbildner Hans Kudlich hat die frugale Garderobe in einen Glitzertempel verwandelt, ganz in rosa oder hellblau. Marlene im fantastischen Pailettenkleid und üppigem Pelz (Kostüme: Erika Navas) ist nun ganz Star. Susa Meyer liegt das. Wirkte ihre Sprache anfangs etwas aufgesetzt und übertrieben, laut und mit wenig Modulation, sind ihre Mimik und Gestik, das Brüchige in der Stimme nun perfekt. „Kinder, heut Abend“ spielt sie, oder „Sag mir, wo die Blumen sind“ (Seeger), ganz beseelt, und rührt damit. Wäre Meyers Stimme in den Soul-Passagen nicht verräterisch besser als das Original, man glaubte, die echte Marlene vor sich zu haben.

Nächste Aufführungen: 2.5., Haus der Begegnung, Brigittenau; 3.5., VH Heiligenstadt; 4.5., VHS Ottakring; jeweils 19.30

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2008)

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