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Pop

„Xscape“: So kann man Michael Jackson modernisieren

Michael Jackson
Michael Jackson(c) EPA (STR)
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„Xscape“, das zweite posthume Album von Michael Jackson, ist gar nicht schlecht.

Der Tod mag von vielem erlösen, vom Geldverdienen nicht. Das gilt zumindest in der Beletage der Popmusik. Ob Elvis Presley oder Amy Winehouse, Jimi Hendrix oder 2Pac: Die posthume Existenz wird oft noch gnadenloser als das reale Leben der Musiker zur Geldmaschine getrimmt. Von manchen Künstlern wurde post mortem mehr veröffentlicht als zu Lebzeiten.

Bei Michael Jackson ging es da bisher vergleichsweise dezent zu: „Xscape“ ist erst das zweite posthume Album. Diese Zurückhaltung hat mehrere Ursachen. Die wichtigste: Niemand wird von pekuniären Zwängen getrieben. Bereits im Juni 2010, ein Jahr nach seinem Tod, wurde mit Jacksons Nachlass eine Milliarde Dollar lukriert. Das war schon mehr, als jeder andere Künstler nach seinem Ableben umgesetzt hat. 2013 machte Jackson mit 160 Millionen Dollar mehr Umsatz als die erfolgreichste lebende Künstlerin, Madonna, die „bloß“ auf 125 Millionen kam. Umso mehr liegt dem Rechtsnachfolger, dem Michael Jackson Estate, daran, den Mythos des gottgleichen Demiurgen zu behüten. Das führte dazu, dass bisher nur enge musikalische Vertraute Jacksons Zugang zu dessen Archiv erhielten. Bei „Michael“, dem ersten posthumen Opus, erschienen im Dezember 2010, war das v. a. der Produzent Teddy Riley: Mit dem unnachahmlich groovenden „Hollywood Tonight“ hob er damals ein Juwel.

Bei „Xscape“ zog nun Antonio L. A. Reid, Musikproduzent und Geschäftsführer von Epic Records, die Register. Ihn attackierte Patrick Carney, der Schlagzeuger des Retro-Bluesduos The Black Keys, der auch gern über Justin Bieber lästert, schon vor Erscheinen des Albums: Es sei „fucking bullshit“ und nur deshalb gemacht worden, weil Reid ein neues Boot brauchen würde.

Doch andere Motive dürften weit wichtiger gewesen sein. „Wir sind in erster Linie Fans“, sagte das norwegische Produzentenduo Stargate. „Sie haben zuerst sogar höflich abgelehnt, als ich sie gebeten habe, mitzumachen“, erzählt Reid. Selbst Beat-Experte Timbaland, der den Mund gern vollnimmt, nahm sich bewusst zurück: „I was not oversteppin' the boundaries. I had to dig into a place deeper than music.“ So passte er seine zuweilen ziemlich abstrakten Beats ganz den Erfordernissen von Jacksons Stimme an.

Ein Song mit Paul Anka

Die Auswahl der Tracks besorgte Reid. „Es sind ausschließlich Songs, die Jackson mehrmals eingesungen hat“, betont er, „Songs, die er zweifelsohne gern mochte.“ So versammelt „Xscape“ acht entschlossen modernisierte Lieder aus allen Schaffensperioden seit 1983. „To contemporize them“, das war laut Reid die Absicht. Während eine Band wie The Black Keys das Heil in kunstvoll verstaubten Retrosounds findet, geht es heutigen R&B-Künstlern eben stets um einen State-of-the-Art-Sound mittels modernster Technologie. Dass ein alter Sound authentischer sein könnte als das, was man mit zeitgenössischer Technologie zusammenbringt, diese Idee ist ihnen fern.

Einen Goldgriff tat Reid mit dem geschmeidigen Opener „Love Never Felt So Good“. Er stammt von Paul Anka, einem Entertainer, der es in seiner langen Karriere verstand, zur richtigen Zeit zu schweigen. In den USA gilt er nämlich als Komponist von „My Way“, obwohl er bloß den englischen Text zum Chanson von Claude François geschrieben hat. Er berichtigte es nie, wenn Sinatra ihn als Urheber des Klassikers nannte. Obwohl er sich durchaus im Licht eigener Hits wie „Diana“ sonnen konnte, nahm er den falschen Ruhm auch noch mit. Deshalb mochte man es einst nicht recht glauben, wenn er in Interviews behauptete, er habe 1983 mit Michael Jackson gearbeitet. Schließlich war dieser damals auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, Anka galt als abgehalfterter Las-Vegas-Veteran. Umso erstaunlicher, dass damals etwas von dieser Qualität entstand, was trotzdem nicht das Licht der Öffentlichkeit sah.

Auch „Loving You“, ein sanft pulsierendes Outtake der „Bad“-Sessions von 1987, ist hörenswert: Es kündet von Jacksons emotionaler Unerlöstheit jener Jahre. Die größte Überraschung aber ist Jacksons kantige Lesart von „A Horse with No Name“ aus dem Repertoire der Softrockband America. Das Stück kam kürzlich zu neuer Popularität, weil es in der TV-Serie „Breaking Bad“ der Chemielehrer Walter White auf einer rasanten Autofahrt durch die Wüste mitsang. Bei Jackson heißt die alte Hippiehymne nun „A Place with No Name“ und ist auf elegante Art zum rattenscharfen Funk-Floorfiller mutiert.

Alle an „Xscape“ Beteiligten beteuern übrigens treuherzig, dass der Geist Jacksons mit im Studio war. Die Fans werden es gern glauben. Es dürstet sie nach weiteren Variationen von Jacksons signifikanter Ästhetik. Da ist so ein „Revamping“, wie es hier mit Lässigkeit und Extravaganz passiert ist, eine Wohltat, die auch strengste Kritiker befrieden sollte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2014)