Erstmals wurden von Isa Genzken gestaltete Hemden aus ihrem privaten Fundus für ein Shooting zugänglich gemacht. Choreografische Inspirationen lieferte Michael Jackson.
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Die Öffentlichkeit scheut sie. Interviews sind ihr verhasst. Jegliche Kommunikation mit Journalisten überlässt sie Vertrauenspersonen, ihrem langjährigen Kölner Galeristen Daniel Buchholz etwa, der für sie mitunter ganze Pressekonferenzen bestreiten darf – etwa jene anlässlich ihrer bisher wichtigsten und größten Einzelausstellung im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) vergangenen Winter.
Die Kunstwelt liegt Isa Genzken trotzdem – oder gerade deswegen? – zu Füßen; außerdem hat der offizielle Kunstbetrieb die exzentrische Deutsche mit allen Weihen versehen, die er für seine Protagonisten bereithält: dreimalige Documenta-Teilnahme (1982, 1992 und 2002), dreimalige Beteiligung an der international wohl bedeutendsten Bestandsaufnahme zeitgenössischer Skulptur, dem „Skulptur Projekte Münster“ (1987, 1997 und 2007), 2007 dann die Nominierung für den deutschen Pavillon bei der Kunstbiennale-Venedig, Einzelausstellungen in allen wichtigen Museen, Ende letzten und Anfang dieses Jahres schließlich die Krönung mit der Personale im MoMA.
Kunstvagabundin. Isa Genzken ist eine Vollblutkünstlerin, die in und mit ihrer Kunst lebt. Eines der wenigen Interviews, die sie vor einer Kamera gegeben hat, hat ihr Künstlerkollege Kai Althoff angezettelt. Es dreht sich sozusagen selbstreflexiv um ihre Weigerung, Interviews zu geben: „Ein Interview hat immer etwas von Zwang“, spricht sie ihm da ins Mikrofon. „Man muss auf das antworten, was du gerade jetzt mich gefragt hast. Und dann ist es schwierig davon abzuschweifen und frei zu reden und Kunst zu machen. Also, es ist das Gegenteil von Kunst-zu-Machen.“ Das Interview ist im Grunde ein Fake, in einem gewissen Sinn aber auch ein Kunstwerk. Darum geht es Isa Genzken vor allem: Kunst zu machen – und die Freiheit haben abzuschweifen. Zu vagabundieren sozusagen.
Ihre „Hemden“ und „Jacken“, alle entstanden um 1998, sind Teil dieser Vagabundage, die immer wieder den Grenzbereich zwischen Kunst und Leben auslotet, ohne doch ins Persönliche zu kippen. Teilweise versehen mit Rüschen und Rosetten, teilweise mit der Anmutung von Clown-, aber auch von Bühnenkostümen hat Genzken sich über diese Kleidungsstücke nicht nur mit zumeist grellfarbigen Lacken hergemacht, sondern ist ihnen auch auch mit Materialien, wie sie sich in ihren neueren assemblageartigen Skulpturen wiederfinden, zu Leibe gerückt: mit Klebebändern, Postkarten, Glitzerfarbe aus der Spraydose und ab und zu auch mit der Schere, um ihnen neue Façon zu geben. Schlussendlich hat sie sie auch selbst getragen. Beim Ausgehen. Zum Tanzen. In der Nacht, in der Disco, Clubs, Bars.
Die (Ver-)Kleidung wurde damit einerseits zum Teil einer Performance in Form einer schillernden Selbstinszenierung als Star, Punk, Popqueen, andererseits auch zu einer sozialen Skulptur mit der Figur Isa Genzken im Zentrum. Zugleich implizieren die „Hemden“ Anspielungen auf Kunstfiguren, die Isa Genzken in ihrem Schaffen auf unterschiedlichste Weise reflektiert hat: Andy Warhol etwa oder Michael Jackson, den sie, so Galerist Daniel Buchholz, seit jeher verehrt hat und dem sie auch einen ganzen Werkblock, bestehend aus Fotozitaten und Stelen gewidmet hat: „Als er sich selbst als ,King of Pop‘ betitelte und deshalb von anderen dafür kritisiert wurde, fand sie das als Behauptung beeindruckend. Sie wollte in den 1980er-Jahren eine Band gründen, mit Michael Jackson, Andy Warhol und sich selbst. Als sie Andy Warhol fragte, ob er mitmachen wolle, sagte er ,Bring me Michael first!‘ Diese Antwort fand Isa perfekt.“
Vorhang auf für die Hemden. „I’m Isa Genzken, the Only Female Fool“ („Ich bin Isa Genzken, der einzige weibliche Narr“): Der von der Künstlerin selbst gewählte Titel der Ausstellung, die ab kommender Woche in der Kunsthalle Wien zu sehen ist, liest sich vor diesem Hintergrund denn auch wie ein ironischer Kommentar zu diesem Inszenierungs- und Verkleidungsgestus. Dieser freilich war lange Zeit nur jener Öffentlichkeit bekannt und vorbehalten, die sie mit ihm konfrontierte – eben, indem sie sich präsentierte und inszenierte. „Isa sieht die Hemden als eigenständige Kunstwerke“, sagt Buchholz.
„Bisher wurden sie allerdings nie in Ausstellungskontexten gezeigt. Das passiert nun in Wien zum ersten Mal. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass Isa die Ambivalenz dieser Hemden erhalten wollte und sie nicht losgelöst von ihrer eigentlichen Funktion als Kleidungsstücke einfach als Skulpturen ausstellen wollte.“ Dass sie die Erlaubnis erteilte, die Hemden im Rahmen eines Fotoshootings im Stil von Michael Jacksons „Thriller“-Video im Vorfeld ihrer Ausstellung in der Kunsthalle zu inszenieren, ist Ausdruck dieser funktionalen Ambivalenz.
Insgesamt beleuchtet die Schau, die an beiden Kunsthallen-Standorten, im Museumsquartier und am Karlsplatz, stattfindet, die immense Bandbreite des Skulpturenkonzepts, das die ursprünglich vom Minimalismus geprägte Künstlerin seit Mitte der 1970er-Jahre nicht nur hartnäckig verfolgt, sondern ebenso radikal erweitert hat.
Dem trägt auch die Integration von Arbeiten anderer – überwiegend männlicher – Künstler Rechnung: „Andere Künstler sind für Isa Genzken sehr wichtig als Inspiration und Adressat ihrer Werke“, sagt Nicolaus Schafhausen, Kunsthallendirektor und Ausstellungskurator. Dass sich darunter keine Künstlerinnen befinden, spiegelt aber auch den Zeitgeist wider: „Künstlerinnen mag sie nicht, vielleicht auch deshalb, weil sie sich in keinem Fall als feministische Künstlerin begreift. Das hat sicher mit der Generation und der Schwierigkeit zu tun, sich in der sehr männlich geprägten Kunstszene des Rheinlands in den 1980er-Jahren durchzusetzen.“
„I’m Isa Genzken, the Only Female Fool“. Die Ausstellung läuft ab 28. Mai in der Kunsthalle Wien. www.kunsthallewien.at