Gianfranco Giustina kümmert sich seit 37 Jahren um das Grün auf den Borromäischen Inseln im Lago Maggiore.
Er entspricht so gar nicht dem gängigen Klischee des klassischen Italieners: Laute Gefühlsausbrüche sind ihm fremd – eine gewisse Ruhe strahlt er aus, freundliche Zurückhaltung, außerdem wird ihm eine große Bescheidenheit nachgesagt. Und so brach der 61-Jährige auch nicht gleich in Jubel aus, als ihn Ende März die Nachricht erreichte, dass ihm die Veitch Memorial Medal 2014, die königliche Medaille der britischen Royal Horticultural Society, verliehen werde. „Es ist eine sehr große Ehre für mich, von einer so renommierten botanischen Gesellschaft geehrt zu werden“, sagt er, „gleichzeitig spüre ich aber auch die Verantwortung, die mit diesem Preis verbunden ist.“ Tatsächlich könnte die Auszeichnung nicht größer sein – die Veitch Memorial Medal gilt in Gartenkreisen als eine Art Nobelpreis des Gartenbaus.
Spion als Lehrmeister. Verliehen wurde sie ihm in erster Linie für seine Verdienste um die Park- und Gartenanlagen der Adelsfamilie Borromeo auf den Borromäischen Inseln auf dem Lago Maggiore, der Isola Madre und der Isola Bella. Seit 37 Jahren betreut der Meistergärtner sie mit einem Team von neun Mitarbeitern schon und in dieser Zeit hat er sie zu einem botanischen Juwel geformt, das jährlich Zehntausende von Besuchern anzieht. Eine mindestens ebenso große Rolle haben bei der Jury-Entscheidung aber auch Giustinas Beitrag zur Entwicklung neuer Gartentechniken und seine Lehr- und Vortragstätigkeit an wissenschaftlichen und künstlerischen Institutionen gespielt.
„In Gedanken bin ich die meiste Zeit bei meinen Pflanzen“, erzählt der Familienvater von seiner Passion, die er schon in frühester Kindheit entdeckt hat. „Bereits im Alter von fünf oder sechs Jahren habe ich mich am liebsten in unserem großen Garten herumgetrieben, mit zehn bekam ich erstmals meinen eigenen.“ Diese Leidenschaft für Pflanzen, die ihm nach eigenen Angaben von seinen Großeltern vorgelebt wurde, hat ihn nie mehr losgelassen und so war es ein mehr als logischer Schritt für ihn, sich nach der Pflichtschule in die berühmte Pflanzenschule Domenico Aicardi in Sanremo einzuschreiben. Es folgte die Inskription am Institut für Agrarwirtschaft in Sanremo, ein Studium, von dem er sich allerdings enttäuscht abwandte, „da ich feststellen musste, dass Agrarwirtschaft etwas ganz anderes ist als Gartenbau“.
Am meisten gelernt habe er von Sir Peter Smithers, erzählt er, einem passionierten britischen Gärtner, der während des Zweiten Weltkriegs als Spion gegen die Deutschen zum Einsatz kam, und dessen schillernde Persönlichkeit Ian Fleming angeblich als Inspiration für die Figur des James Bond diente. Smithers verbrachte die letzten 30 Jahre bis zu seinem Tod 2006 damit, im schweizerischen Vico Morcote oberhalb des Luganosees einen großen Garten zu kultivieren, in dem er über zehntausend unterschiedliche Pflanzenarten heranzog.
Giustina hörte sich seine Vorträge an, besuchte ihn häufig in seinem Domizil und schon bald wurden sie enge Freunde. Smithers war es auch, der ihn mit seiner Leidenschaft für Kamelien und Rhododendren ansteckte, die er ungeniert auf der Isola Bella und Isola Madre ausleben konnte, als er – gerade einmal 24 Jahre alt – zum Gartenmeister der Familie Borrromeo ernannt wurde.
Experimentierfreudig wie er war, blieb es nicht bei Kamelien und Rhododendren und wenn Guistina davon erzählt, ist sein Enthusiasmus kaum noch zu bremsen. Es folgt eine Elogie auf die Schönheit der Glycinien, Wisterien, Bougainvilleen, Azaleen und wie sie alle heißen. Einer seiner größten Erfolge sei aber die Aufzucht einer Kollektion von Proteen unter freiem Himmel gewesen, die erste in Italien und eine von ganz wenigen in Europa. „Drei Jahrzehnte haben wir herumexperimentiert, bis es uns gelungen ist, diese außergewöhnlichen, aus Australien stammenden Pflanzen im Freien anzusiedeln.“
Dem Sturm getrotzt. Daneben gab es auch Rückschläge: Pflanzenexperimente, die nicht glückten, oder Stürme wie jener im Jahr 2006, der eine jahrhundertealte Himalaya-Zypresse auf der Isola Madre entwurzelte. „Trotz allem haben wir aber nie aufgegeben, die Zypresse etwa haben wir einfach wieder aufgestellt und konnten sie schlussendlich retten.“ Auch von den Schäden auf der Isola Bella, verursacht durch eine Windhose, die 2012 über dem Lago Maggiore gewütet hat, ist heute nichts mehr zu sehen, die fantastischen Gärten erstrahlen nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten heute wieder im alten Glanz.
So glücklich ihn seine Arbeit macht – eines bedauert er dann doch ein bisschen. Seine Frau habe durchaus Verständnis für seine Arbeit, meint er selbstironisch, „meine Pflanzenverrücktheit mit ihr zu teilen, ist aber schwierig“. Das Gleiche gälte für seine zwölfjährige Tochter, die zwar ein unglaubliches Gespür für die Natur mitbringe, „aber es ist doch etwas anderes, wenn man in den Pflanzen seinen Lebenssinn sieht“.