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Afrikas Gigant taumelt: Was wurde nur aus Nigeria?

Smoke rises after a bomb blast at the market district in Jos
(c) REUTERS (STRINGER)
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Attentate, Entführungen, Korruption: Präsident Goodluck Jonathan versagt im Kampf gegen die Terrorsekte Boko Haram. Die Kluft zwischen dem islamischen Norden und dem christlichen Süden wächst.

Sein christlicher Taufname sollte für Goodluck Jonathan wohl eine Verheißung sein, und bis zu seiner Wahl zum Präsidenten vor vier Jahren hat es das Schicksal auch gut mit ihm gemeint. Danach endete jedoch bald die Erfolgssträhne des 56-Jährigen, der sich als Markenzeichen einen schwarzen Hut zugelegt hat. Inzwischen hat Nigerias Präsidenten das Glück längst verlassen. Auf den studierten Zoologen und seine Regierung stürzt das politische Unheil momentan in geballter Form ein.

Als Jonathan in der Vorwoche einen Besuch in der Stadt Chibok im Nordosten des Landes – jenem Ort, aus dem die islamistische Terrorsekte Boko Haram Mitte April mehr als 200 Mädchen aus einer Schule verschleppt hatte – in letzter Minute wegen der labilen Lage absagte, bewies er zwar Überlebensinstinkt, nicht jedoch politische Zivilcourage. Ohnehin musste er sich Häme und bittere Kommentare über seine arg verspätete Reaktion auf die Massenentführung gefallen lassen, die die Welt unter dem Motto „#BringBackOurGirls“ in Furor versetzt hatte – von Michelle Obama bis hin zu Hollywoodstars bei den Filmfestspielen in Cannes.

Nicht nur verhöhnte ihn Boko-Haram-Führer Abubakar Shekau als Repräsentanten der Staatsmacht in einem Video, auch die Angehörigen der Mädchen und die Bewohner der Unruheprovinz Borno verloren ihren letzten Glauben an die Zentralgewalt in der Hauptstadt Abuja. Der muslimisch dominierte Norden Nigerias fühlt sich gegenüber dem christlich geprägten Süden, wo im Nigerdelta die Ölquellen und also die Reichtümer sprudeln, traditionell vernachlässigt.

(C) DiePresse

Misstrauen der Moslems

Die Nordhälfte gilt als Armenhaus, ohne die Segnungen der Infrastruktur und der modernen Zivilisation, geschlagen mit einer extrem hohen Analphabetenrate. Dem Präsidenten, einem Christen, und der korrupten Machtelite in Abuja bringen die Moslems gemeinhin massives Misstrauen entgegen.

Zu mehr als zu hohlen Phrasen zur Beschwörung des Kampfs gegen den Terror und des Engagements für die Menschenrechte – eine Verschleierung der Ohnmacht und Passivität – mochte sich Goodluck Jonathan als Reaktion auf zwei Terrorakte dann auch jetzt nicht aufraffen. Soeben zurückgekehrt von einem viel beachteten regionalen Antiterrorgipfel im Pariser Élysée-Palast unter der Ägide des französischen Präsidenten hatten ihn zwei Anschläge zurück auf den Boden der Realität geholt.

In Jos, an der Grenze zwischen dem Norden und dem Süden des Landes, forderte ein perfides Doppelattentat in der Manier der al-Qaida mehr als 120 Tote. Gerade, als die Rettungskräfte die Opfer teils in Schubkarren abtransportierten, detonierte auf dem von Straßenhändlern belebten Markt eine zweite Bombe. Zugleich attackierten mutmaßliche Kämpfer der Boko-Haram-Milizen mehrere Dörfer im Nordosten, darunter just auch die leidgeprüfte Stadt Chibok.

Seit fünf Jahren überzieht die fundamentalistische Boko-Haram-Gruppe, mitunter als „Taliban Nigerias“ punziert und von den USA offiziell als Terrororganisation geführt, das Land mit einer Gewaltserie, deren Blutzoll auf mehr als 3000 Tote stieg. In den vergangenen Monaten änderte sie ihre Taktik, sie agiert noch aggressiver. Die Milizionäre überfallen Kirchen, Schulen und Dörfer, stecken sie in Brand und schlachten die Bewohner ab. Zuletzt verlegten sich die Muslimterroristen vermehrt auf Bombenattentate, etwa auf zwei Busbahnhöfe an der Peripherie der Hauptstadt Abuja mit Dutzenden Toten – eine unmissverständliche Kriegserklärung an die Regierung, die sich gerade anschickte, ihren wirtschaftlichen Erfolg zu zelebrieren.

 

Größte Volkswirtschaft Afrikas

Denn beim Weltwirtschaftsforum in Abuja vor zwei Wochen wollte sich die mit rund 170 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Nation Afrikas auch als die reichste des Kontinents hofieren lassen. Jüngst erst hat Nigeria Südafrika als größte Volkswirtschaft Afrikas abgelöst, wodurch dem Land automatisch auch eine politische Führungsrolle zuwächst. Aufgrund des Ölreichtums – Nigerias Ölproduktion rangiert unter den Top Ten der Opec-Staaten – nahm das Land seit dem Ölboom der 1970er-Jahre eine ökonomische Sonderstellung innerhalb Afrikas ein. Von den Petro-Dollar profitiert indes nur eine Elite, Korruption und Nepotismus florieren in Abuja und der Wirtschaftsmetropole Lagos, der früheren Hauptstadt.

Bei Friedensmissionen in Afrika erwarb Nigerias Armee eine Reputation, beim Kampf gegen Boko Haram hat sie bisher aber völlig versagt. In drei Nordprovinzen hat der Staat den Ausnahmezustand verhängt, doch die Position der Terroristen hat sich seither nur gefestigt. Ein Fünftel des Budgets pumpt Nigeria ins Militär, wo indes auch die Korruption grassiert: Die Generäle kassieren Schmiergelder – unter anderem von Boko Haram, die sich mit Kriegsgerät eindeckt. „Unsere Armee ist in einem schrecklichen Zustand“, konstatierte jüngst die Schriftstellerin Chinemanda Adichie, die derzeit mit ihrem Roman „Americanah“ für Furore sorgt.

Goodluck Jonathan raunte einmal von „finsteren Mächten“, die den Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden instrumentalisieren und daraus Kapital schlagen. In einem Essay klagte Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka: „Was ist nur aus diesem Land, diesem bunt gefleckten Raum, geworden?“ Die Hymne sei zur Totenklage mutiert, die Flagge zum Leichentuch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2014)