Das Stift Klosterneuburg gönnt sich zum 900-Jahr-Jubiläum zehn künstlerische Interventionen jüngerer Künstlerinnen und Künstler. Und alle waren sie ganz, ganz brav.
Gab es strenge Auflagen? Religiöse Einführungskurse? Vertuschte Skandale – oder zumindest verworfene Arbeiten? Nein. Alles friedlich, fast schon verdächtig harmonisch abgelaufen ist die zeitgenössisch-künstlerische Offensive, in die das Chorherrenstift Klosterneuburg mit fachlicher Unterstützung von Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich und der Section.a gegangen ist.
Am überraschtesten davon scheint man im Stift selbst gewesen zu sein – aber nichts gab es auszusetzen an lilafarbenem Glitzersand vor dem Stiftseingang (Nicole Wermers), an über und zwischen die Dächer gespannten silbernen Partyglitzergirlanden (Manuel Gorkiewicz), an bunten Schmetterlingskränzen vor dem Altar (Steinbrener/Dempf) oder am pinkfarbenen Gitterkäfig mitten im Kreuzganggarten (Eva Chytilek).
Glaube, Friede, Eierkuchen
Alles sehr hübsch. Alles sehr gemäß des wenig aussagekräftigen Jubiläumsmottos „Glaube – Begegnung – Friede“. Aber hätte man sich nicht auch in diesem inhaltlichen Rahmen mehr Konfrontation erwarten dürfen? Wenn ein Stift schon einmal alle Bereiche zeitgenössischen Künstlern öffnet – nicht einmal das kunsthistorische „Herz“ der Anlage, den prächtigen mittelalterlichen Verduner Altar, tabuisierte man. Clemens Wolf hat ihn raffiniert verschwinden lassen, indem er die ihn schützend umgebenden schwarzen Gitter rundum schlicht verspiegelt hat – genau wie die Mauern des relativ kleinen Raums. Ein toller Effekt, der diesen Ort weiter, kostbarer, geheimnisvoller macht.
Im Vorraum zur Sebastianikapelle trifft man auf zumindest ein wenig politisch Kontroversielles in diesem Kloster, das der Sage nach am 12.Juni 1114 dort gegründet wurde, wo man den verwehten Schleier der Agnes, der Frau des später heilig gesprochenen babenbergischen Markgrafen Leopold III., fand. Die in Wien, Istanbul und New York lebende Künstlerin Nilbar Güreş spielt hier mit dem Motiv des Schleiers zwischen den Kulturen und den Geschlechterverhältnissen, mehrere Fotos zeigen eine weibliche, vermummte Imkerin (Achtung, Männerdomäne!) und ein anscheinend türkisches Kopftuch, das sich in einem Gebüsch verfangen hat. Immerhin. (Der Agnes'sche Schleier wird übrigens ab 16.Juni auch nach Wien flattern, wenn ein derart benanntes Bild von Arnulf Rainer aus den 1990er-Jahren in Mega-Aufblähung den Ringturm verhüllen wird.)
Dem Klosterneuburger Jubiläum kommt man heuer also anscheinend nicht aus. Bis zum Leopoldi-Kirtag Mitte November werden die Interventionen zu sehen sein, die bis auf Ausnahmen weniger an religiöse Inhalte als vielmehr an dieses Volksfest anknüpfen, aus dessen Tumult das Stift jedes Jahr ragt (heuer gibt es dort eine Attraktion mehr), das zehn Meter hohe, urige, handbetriebene Eisenriesenrad, das Christoph Meier zusammenschweißen und im Apothekerhof hat aufstellen lassen. Bis Leopoldi finden sich bei Bedarf vielleicht jeweils ein paar Chorherren, die den Mutigen hier antauchen.
Wallas Sonderbriefmarke
Künstlerisch am mutigsten im Jubiläumsjahr, muss man sagen, ist die Wahl des Sonderbriefmarkenmotivs, das sich die Klosterneuburger ausgesucht haben: Es stammt zwar immerhin von einem lokalen Hero, aber von eindeutig zweifelhaft christlicher Ausrichtung: August Walla, 2001 verstorbener Star der berühmten Gugginger Künstlergruppe der 1970er-Jahre. Sein zwanghaftes Universum war so bild- wie wortstark und bevölkert von götterhaften Mischwesen zwischen Himmel und Hölle. So lautet die Inschrift des gewählten Bildes – das übrigens aus dem Privatbesitz eines der Chorherren stammt und die Stiftskirche zeigt: „Riesiggroße große Stiftskrichen im Klosterneuburg von Propheten Sattttus im Weltallende“. Also kündet jetzt „Sattus“, Wallas „Weltallendegott“, der Welt vom 900-jährigen Bestehen des Chorherrenstifts. Und von dessen prinzipiellem Willen, sich Dingen und Aussagen zu öffnen, die ihnen nicht immer unbedingt angenehm sind.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2014)