Was wesentlich ist: Zweifel und Ungewissheit

Letzte Tage, vorläufige und endgültige Abschiede wollen begangen sein: Plädoyer für das revidierte Urteil.

Abschiede ohne Kalendersprüche sind wohl keine. "Mensch, werde wesent lich", smste mir eine Freundin das Motto ihres verstorbenen Vaters. Nicht für meine allerletzten Tage gedacht, Gott sei Dank, aber für Gedanken, die einen an letzten Tagen von Lebensabschnitten begleiten. Sie überkommen einen, noch recht vorhersehbar, am Zentralfriedhof, beim Abschied von Maria Lassnig, der großen, alten Malerin. (Fast) keine Politiker weit und breit, herrlich eigentlich. Keine Familie weit und breit. Auch herrlich? War sie deshalb einsamer als andere? Konnte sie deshalb so "wesentlich" sein?

"Zweifel und Gewissheit in der Kunst: Da es sowieso nur subjektive Erkenntnisse gibt, dürfte es auch keine Zweifel geben. Das Seltsame ist mir aber die Gewissheit", wird sie auf dem Gedenkkärtchen zum Mitnehmen zitiert. Ich trage es bei mir, auch mir ist sie suspekt, die Gewissheit. Und nicht einmal dessen bin ich mir so gewiss. Schließlich wird sie doch gerade von Kultur- und Kunstkritikern im Speziellen immer eingefordert - ist das jetzt gut oder schlecht? Das Urteil könne gar nicht klar und scharf genug ausfallen, meinen die Künstler und Galeristen und Direktoren und Kuratoren. Das Urteil über die anderen natürlich. Denn die sind ja die Hölle, sagt der Kalenderspruch.

Über sich selbst liest man lieber in geschönten Interviews, auf deren Redigierung man derart massiv besteht, dass es einem als Journalistin die Sprache verschlagen kann. Jeder Kunstszene die Kunstkritik, die sie verdient, kann man da nur einen weiteren Spruch hinzufügen. Aber das ist fast schon pathetisch. Daran muss natürlich gezweifelt werden.

Zweifel ist ein verlässlicher Begleiter durch ein wesentliches Leben. Darf man heute noch Ausstellungen moderner/zeitgenössischer Kunst zeigen, in denen keine einzige Künstlerin vertreten ist, wie es gerade das Leopold Museum in seiner Meisterzeichnungsschau tut? Ist es für eine Kunstuniversität gut, wenn ihr rund 20 Jahre lang derselbe Rektor vorsteht, wie es der Angewandten mit dem gerade bis 2019 verlängerten Gerald Bast geschieht? Ist die lokale "Quote" wirklich weniger wichtig als das Bedienen eines internationalen Netzwerks, wie in der Diskussion ums Grazer Kunsthaus? Lauter Suggestivfragen? Stimmt, ich würde alle aus dem Bauch heraus mit "Nein" beantworten. Aber dem Bauch soll man sowieso nie trauen, wie groß er auch ist.

Was ist also jetzt gute Kunst, wurde eine andere große Künstlerin unlängst gefragt. Rosemarie Trockel antwortete: wenn der Betrachter seine Grenze überschreite. Sich etwas verschiebe. Vorzugsweise der Horizont. Das geht natürlich nur, wenn man Grenzen kennt. Wenn man sich klare Urteile erlaubt. Nur revidieren muss man sie dürfen. Das ist wesentlich.

E-Mails:almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2014)

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