Frühstück nach der Revolution

Singen ist bei Feiern zum Mai anscheinend strengstens verboten.

An Sonn- und Feiertagen, wenn der Morgen graut, gehen mein Sohn und ich frische Semmeln und Kipferln holen. Es ist halt doch von Vorteil, dass die Bäckerei-Kette unserer Wahl ihre Mitarbeiter davon überzeugt hat, dass man der Kundschaft sieben Tage die Woche zur Verfügung stehen darf. Ein bisschen schlechtes Gewissen habe ich dabei, wegen der Ausbeutung schlecht bezahlter Arbeitskräfte, aber die ganze Familie freut sich, wenn wir nach einer halben Stunde Herumstreunens und wichtiger Männergespräche wieder mit dem duftenden Gebäck in unserer Wohnung auftauchen. Wie mythische Helden mit köstlicher Kriegsbeute fühlen wir uns.

Diesmal aber war es ein ganz besonderer Tag. 1.Mai und Christi Himmelfahrt in einem! So viel Transzendenz ist fast nie. Während ich also noch überlege, was denn nach dem Frühstück Priorität habe, ein Kirchenbesuch mit nachösterlicher Freude oder ein kurzer Ausflug zum großen Festakt auf den Rathausplatz, ereilt uns auf der Meidlinger Hauptstraße eine unheimliche Begegnung der dritten Art. Eine Gruppe seriöser Bürger mit roten T-Shirts oder zumindest roten Accessoires marschiert feierlich und still in Richtung U-Bahn-Station. Dann erklingt sogar ein wenig Jazz.

„Was machen die da?“, fragt mein Sohn. „Sie feiern den Tag der Arbeit. Einmal im Jahr darf man stolz darauf sein, dass man sein Geld ehrlich verdient“, sage ich und denke mir, der Altersdurchschnitt der Solidarität liegt heute sogar schon über jenem bei der Frühmesse in Maria Lourdes. Kirche, SPÖ und andere Konservative sind endgültig ein Hobby für den Lebensabend. Junge wirken bei deren festlichen Anlässen wie Exoten.

„Singen ist anscheinend strengstens verboten“, meint eine belesene Freundin am Abend, als die tapferen Durchhalteparolen am Rathausplatz längst verklungen sind und anderswo das „ite missa est“. Der 1. Mai sei für sie vorbei, seit sie nicht mehr wie früher durch eine johlende Menge um sechs Uhr aufgeweckt werde.


War's einst im Mai wirklich so toll? Ich kann mich zwar nicht mehr so genau erinnern, aber vor 50 Jahren redete man an Feiertagen wirklich anders. Damals beschloss die SPÖ ein neues Parteiprogramm, im Redaktionsteam saßen gebildete Männer wie Kautsky und Kreisky. Statt des üblichen Gesuderes hieß es forsch: „Die SPÖ kämpft für eine neue, klassenlose Gesellschaft und damit für einen neuen sozialistischen Humanismus.“ Der Sozialismus stehe zwischen Kapitalismus und Diktatur: „Er muss seine Ziele im Kampf gegen beide erreichen: Denn er kann sich weder mit dem Kommunismus noch mit dem Kapitalismus versöhnen.“

Wer so redet, weckt ohne Zaudern die Nachbarn auf. „Haben wir die verbilligten Laugenbrezen eh nicht vergessen?“, frage ich meinen Sohn.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2008)

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