Die Wellen im Spiegel

Ihr Sohn wurde, wie sie sagt, ihr Lehrer, sie seine dauerhafte Bewunderin. Als André gehört er der Öffentlichkeit, wenn sie über ihn spricht, nennt sie ihn unverändert Franz: Elisabeth Heller, Jahrgang 1914. Begegnung mit einer Dame.

Wenn der Mond leuchtet, scheint keine Sonne. Wenn André Heller die Sonne ist, dann ist seine Mutter Elisabeth der Mond. Es sind zwei unterschiedliche Persönlichkeiten auch in ihrem Leuchten – und gerade deswegen erkennbar eng miteinander verwandt. Elisabeth Heller ist einen Meter und 79 Zentimeter groß, schlank und wohl eine der attraktivsten Damen, die derart rüstig ihren 94. Geburtstag feiern kann. Das silberweiße Haar leuchtet, die Falten erzählen tiefe Geschichten. Sie erzählen sie leicht und durchwandern dennoch fast das gesamte 20. Jahrhundert.

Elisabeth Heller wurde 1914 in Wien geboren. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zwang sie schon als Baby zum Aufbruch. Die Mutter schickte die Kleine auf das sicher scheinende Land, nach Südtirol. Fern von der Großstadt verbrachte Elisabeth Heller die nächsten vier Jahre in der Heimat der Großmutter Karoline Scholdan. Diese stammte aus Kaltern und war die uneheliche Tochter eines Adeligen. Baron Di Pauli wusste sich durchaus seiner zumindest finanziellen Verantwortung als Vater zu stellen. Als Karoline, noch nicht 20 Jahre, einen Wiener heiratete, schenkte die Noblesse dem Paar zur Hochzeit ein ganzes Haus. In der Walfischgasse 7 eröffnete der Ehemann einen in der Folge durchaus florierenden Weinhandel und die später berühmte „Paulistube“, die auch als „Di Paulische Kellerei“ bekannt war. Da die Großmutter im Wiener Hochzeitsgeschenk mit dem Weinhandel und vielleicht auch mit dem Ehemann nicht wirklich glücklich war, mietete sie in ihrer südlichen Heimat ein Haus. Fern der Großstadt war das Leben leichter und sicherer, und so nahm sie ihre Enkelin zu sich.


Der Rabe der Großmutter

Die Zeit während des Krieges verbrachte das Mädchen mit ihr geschützt auf dem Land. Die Großmutter besaß einen zahmen Raben, Rabsi genannt. Der schwarze Vogel, der sie, auf der Schulter sitzend, durch den Garten begleitete, machte auf das Kind einen tiefen Eindruck. Als das kleine Mädchen zu seiner Mutter zurückkehrte, hatte sich diese bereits scheiden lassen und wieder geheiratet. Den engen bürgerlichen Heiratskodex wird die Mutter erfolgreich weiter durchbrechen und noch öfter ihr Ja-Wort geben.

Elisabeth wuchs zusammen mit ihrem Halbbruder in einer geräumigen Hietzinger Villa auf. Die war von Adolf Loos umgebaut worden und besaß drei Stockwerken. Man führte ein feines Leben, gab Gesellschaften und besuchte Oper oder Theater. Als für Elisabeth die Lehranstalt der Dominikanerinnen vorgesehen war, opponierte sie einfallsreich und mit allen Kräften. Sie warf sich auf den Boden und weinte so lange, bis sie die Volksschule und das Reformrealgymnasium in der Wenzgasse besuchen durfte. Anschließend verbrachte sie ein Jahr in Frankreich und trat dann in die Handelsakademie über. Sie war schlank und jugendlich schön, jedoch zu groß für ihr eigenes Empfinden. Es verunsicherte sie, über die Köpfe der anderen hinausblicken zu können, und daher hielt sie sich, um kleiner zu wirken, oft gekrümmt.

Wie ihre Mutter heiratete sie früh, mit 19 Jahren, statt die Matura zu absolvieren. Der Auserwählte war Stephan Heller. Er stammte noch aus dem 19. Jahrhundert und war fast 20 Jahre älter. Zudem war er um drei Zentimeter kleiner als die Braut und ließ sich daher höhere Absätze auf die Schuhe fertigen. Als Sohn des gleichnamigen Gründers einer Wiener Zuckerlfabrik, der durch die Erfindung der „Wiener Zuckerln“ berühmt und reich geworden war, konnte auch er vom Florieren des Unternehmens profitieren.

Die Hochzeit fand 1933 im Stillen und in kleinem Kreise statt. Ein Jahr später – 1934 wurde das erste Kind, Sohn Fritz, geboren. Es war wieder ein Jahr politischer Turbulenzen. Österreich erlebte einen blutigen Bürgerkrieg, der Austrofaschismus hatte begonnen. Elisabeth Heller bezeichnete sich zu dieser Zeit als unpolitisch. Ihr Mann, ein jüdischer Industrieller, war äußerst gebildet und belesen. Als Mitglied der Heimwehr, des paramilitärischen Arms der Christlichsozialen, war er zudem ein überzeugter Anhänger von Benito Mussolini, der ihm als Garant für die Unabhängigkeit Österreichs erschien. Als sein Verehrer und finanzkräftiger Industrieller hatte er sogar des Öfteren persönliche Audienzen beim Duce erhalten.

Die politischen Verhältnisse entwickelten sich in den Dreißigerjahren besorgniserregend. Auch die Ehe war für Elisabeth Heller nicht einfach. Sie hätte gerne einen Beruf ergriffen, aber eine „Heller“, so musste sie sich sagen lassen, „arbeitet nicht“. Zudem machte sich der Alterunterschied der beiden bemerkbar: Die junge Frau wurde von ihrem Mann wie ein Kind behandelt und wehrte sich kaum gegen die Bevormundung.

Die schwierige Zeit währte fünf Jahre. Im März 1938 marschierte Hitler in Wien ein, umjubelt von vielen Begeisterten. Am 18.März läutete die Glocke, und vier Männer in schwarzen Uniformen stürmten mit vorgehaltener Pistole ins Haus. Stephan Heller wurde inhaftiert, Elisabeth Heller musste ihren gesamten Schmuck abgeben, das Auto wurde beschlagnahmt. Während ihr Mann am nächsten Tag als Jude gezwungen war, als Zeichen der Erniedrigung in Favoriten mit der Zahnbürste die Straße zu putzen, fasste sie den Mut zu einer besonderen Aktion. Als sogenannte „Arierin“ machte sie sich in das Hotel Astoria auf, wo die nationalsozialistische Parteispitze Quartier bezogen hatte. Mit einer ihr ungewohnten Resolutheit verlangte sie ihren gestohlenen Schmuck zurück. Ihre Überzeugungskraft wirkte, sie erreichte tatsächlich ihr Ziel.

Es waren die harten Jahre des Zweiten Weltkrieges, in denen sich Elisabeth Heller emanzipierte und eine eigenständige Persönlichkeit entwickelte. Um sie wegen seiner jüdischen Herkunft nicht zu gefährden, ließ sich ihr Mann scheiden, floh über Italien nach Paris und schließlich nach England. Ein Jahr lang erhielt die Zurückgelassene noch eine Apanage von der Fabrik, dann wurde das gesamte Vermögen eingezogen, und die Quelle versiegte. Elisabeth Heller begann zum ersten Mal in ihrem Leben zu arbeiten, um ihr finanzielles Auskommen zu sichern. Zuerst half sie dem Großvater in seiner Weinhandlung, dann schickte man sie nach Nancy. Über die Vermittlung eines Onkels wurde sie als Stabshelferin des 305. Luftwaffenregiments nach Frankreich beordert. Hier arbeitete sie als Sekretärin des Generals. Sie bewegte sich in den Kreisen von Industriellen und Fabrikanten, war mit gutem Essen versorgt und verdiente ihr eigenes Geld, das sie nach Wien weiterleitete. 1944 wurde sie, politisch galt sie als unzuverlässig, in das Luftwaffenlazarett nach Bad Ischl geschickt. Sie hatte immer wieder heimlich Feindsender gehört und war dabei verraten worden. Zweimal wurde sie vor das Standgericht geladen, konnte sich jedoch mit Hilfe eines Freundes jedes Mal vor den verheerenden Folgen bewahren. Mit ihrem geschiedenen Mann hielt sie den Kontakt auch während des Krieges aufrecht. Stephan Heller arbeitete in London als Verbindungsoffizier der französischen Exilregierung zu den Amerikanern.

Als sie ihn 1945 in Österreich wiedersah, war er mit einer amerikanischen Uniform bekleidet. Er fuhr mit einem Jeep und kam als Sieger. Ein Jahr später waren sie erneut verheiratet. 1946 kam der zweite Sohn, Franz André, wie sein Vater zunächst französischer Staatsbürger, in Wien zur Welt. Das neue Glück währte nicht lange. Die alten Schwierigkeiten zeigten sich im neuen Gewand. Aber Elisabeth Heller war älter und ihrem Mann gegenüber durchsetzungsfähiger geworden. An die Stelle von Duldsamkeit war Konfliktbereitschaft getreten.

Ihr Mann entzog sich durch ein Doppelleben zwischen Wien und Paris. Der ältere Sohn, Fritz, trat in das restituierte Hellersche Familienunternehmen ein und arbeitete in den Filialen in Irland und Italien. Der jüngere Sohn, Franz André, forderte die Erwachsenen schon bald durch seine ungewöhnlichen Talente. Da sein Vater in einer radikalen Hinwendung zum Katholizismus wollte, dass der Sohn Kardinal werde, schenkte er Franz André einen transportablen Holzaltar. Dieser diente ihm zum Messelesen und zur Einübung der Priesterwürde. Kamen Gäste, so musste das Kind Gottesdienste abhalten – und spielte diese Rolle derart überzeugend, dass das Theater die Wirklichkeit überholte.

Als Franz André zwölf Jahre alt war, starb der Vater plötzlich an einem Herzinfarkt. Ökonomisch war seine Mutter durch die Vermietung des Elternhauses zwar nicht reich, aber finanziell durchaus abgesichert. Als engagierte Mitarbeiterin des Haute-Couture-Salons der legendären Gertrude Höchsmann musste sie für ihren Lebensunterhalt allerdings dazuverdienen. In ihrem Leben gewann nun ein anderer Mann an Bedeutung: ihr Sohn!

Er wurde, wie sie sagt, ihr Lehrer – sie seine dauerhafte Bewunderin. Je älter ihr Körper wurde, desto jünger wurde ihr Geist. Auch gewann sie neue politische Konturen. Von den frühen Wahlkämpfen für Bruno Kreisky über das Anti-Zwentendorf-Volksbegehren, von der Friedensbewegung bis zum Lichtermeer auf dem Heldenplatz begleitete sie den Sohn. Sie verfolgte die künstlerische Karriere von Franz André, der sich nun ausschließlich André nannte, nicht nur, sondern war in all seinen psychischen Tiefen doch stets von seinem Erfolg überzeugt.


Versetzter Schmuck

Als ihm mit seinen Feuerwerksunternehmungen in Lissabon ein finanzielles Desaster in Millionenhöhe drohte, versetzte sie ihren Schmuck und nahm eine Hypothek auf das Haus auf. Wenn André Heller öffentliche Eklats verursachte, erhielt Elisabeth Heller als Zeichen des Protests Briefe mit Fäkalien. Sie blieb ihm dennoch stets überzeugte Anhängerin und ist dadurch auch wesentliche Voraussetzung für seinen Erfolg. Als André gehört ihr Sohn der Öffentlichkeit, wenn sie über ihn spricht, nennt sie ihn unverändert Franz. Seine Kreativität erhält sie jung. Mit ihm lebt sie sich auf den Lebenswellen weiter, aber die „Wellen nehmen die Sicht auf das Laub am Boden des Teichs“. So signierte der Sohn ein Bild für die Mutter. Was kümmert es diese, wenn sich das Spiegelbild im Wasser durch die Wellen wandelt. Der schatzvolle Grund einer Alterswachen kann trotz der Turbulenzen nicht mehr verloren gehen.

In ihrer Drei-Zimmer-Wohnung ist sie von fast 100 Jahren Geschichte umgeben. Die intarsierten Einbaukästen aus Schleiflack stammen noch aus den Dreißigerjahren und dem Junggesellenbesitz ihres Mannes. Biedermeierkunst und moderne Malerei schmücken abwechselnd die Wände, dort, wo sie nicht von Bücherregalen dicht bedeckt werden. Auch im Kamin, der nicht mehr geheizt wird, deponiert sie Bücher. Lesen ist ihre Leidenschaft. Aufrichtig sitzt sie in ihrem Sessel und sinniert über den Tod und seine Möglichkeitswelten. Und manchmal trifft sie die Melancholie. Aber ihre Neugierde ist noch bereit und leuchtet mondhell in die kommenden Jahre. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2008)