Eine allzu klassische Ausstellung von „Meisterzeichnungen“. Von Hannes Mlenek nur zart irritiert.
Die monströse Meisterhand dräut gleich zu Beginn, im großen Foyer der unteren Ausstellungsebene des Leopold Museums. Hier hat Hannes Mlenek sein Basislager aufgebaut, mit – tatsächlich – einer aus dem Boden ragenden, meterhohen weißen Hand-Skulptur, die an Wand und Decke zu malen scheint, was Mlenek eben so malt – kräftige, muskulöse Körper, die sich einmal mehr, einmal weniger in Strichgebirgen auflösen. Männliche Akte sind es meist bei ihm, was ihn so sympathisch macht, was einen an Anton Kolig denken lässt und, in Verbindung mit der großen Geste, mehr noch an Koligs geschätzten Michelangelo.
Doch weniger die Sixtinische Kapelle mit ihren posthum schamhaft vom „Hosenmaler“ Daniele da Volterra verhüllten Männerakten eröffnet sich einem hier im Weiteren. Sondern das ganz normale Puff der Kunstgeschichte – also nackerte Frauen überall, festgehalten von ihren männlichen „Verehrern“. Das fällt umso greller ins Auge, als es die Kuratoren Franz Smola und sein prominenter Kollege Fritz Koreny, ehemaliger Albertina-Kurator, geschafft haben, unter 40 Künstler keine einzige Künstlerin zu mischen. Nicht einmal als das Feigenblatt, das man sich hier tatsächlich manchmal wünschen würde.
Die Aussage, es ginge eben ausschließlich um die Qualität, ist so schockierend gestrig wie vielleicht auch wahr: Schließlich stand als Depot ausschließlich die „Sammlung 1“ von Rudolf Leopold zur Verfügung, also der Bestand, der in die Stiftung eingebracht wurde. Aus der „Sammlung 2“, um deren Verbleib hinter den Kulissen intensiv verhandelt wird, ist diesmal nichts vertreten, hier wären auf jeden Fall jüngere, hoffentlich auch jüngere Arbeiten von Künstlerinnen zu finden.
Die paar wenigen noch lebenden Künstler der Ausstellung beschränken sich auf Hollegha, Rainer, Oberhuber und Mlenek. Das Gros ist den Wienern um 1900 gewidmet, mit besonderen Schwerpunkten auf Klimt, Schiele, Kokoschka und Kubin. Einige der Blätter kennt man bereits gut, andere wurden im Zuge der Ausstellung aufgearbeitet, schließlich hat man einen beeindruckenden Wust von Grafik in der Sammlung – von 5700 Werken sind rund 4000 Arbeiten auf Papier. Darunter vor allem tatsächliche, unglaublich sensibel kolorierte Meisterzeichnungen Egon Schieles wie „Die grüne Hand“ und der „Liegende Knabe“, aber auch schlicht-schöne Möbelentwürfe von Josef Hoffmann zum Beispiel.
Feine Entdeckung eines Unbekannten
Eine Überraschung ist die unheimlich moderne Farbkreidezeichnung vom nahezu unbekannten Maler Ludwig Ferdinand Graf, eine traumhaft verschwimmende grüne Flusslandschaft, noch dazu ein Spätwerk von 1931, ein Jahr später war der Wiener gestorben. Kunsthistorisch spannend auch eine Schwangere von Gustav Klimt, eine Studie zum Gemälde „Die Hoffnung II“, 1904/05: In der Zeichnung kündigt sich der Stilwechsel Klimts an, vom dickeren zum dünneren, feinnervigeren Strich. Er verwendet hier sowohl den Kreide- wie auch schon den Silberstift.
Das sind Erkenntnisse, an denen man sich natürlich freuen kann. Man freut sich ebenso, dass sich Mlenek ungeplant auch auf die übrigen Ausstellungsräume ausgebreitet hat, seine so gesehen doppelt herrlichen Wandzeichnungen kommentieren sanft das darunter Hängende. Sanfter, als das hier geschieht, allemal.
Bis 20.Oktober, täglich außer Dienstag 10–18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Im Juni, Juli und August täglich geöffnet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2014)