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Real Madrid feiert »La Decima«

Real Madrid's Ramos celebrates after scoring a goal against Atletico Madrid during their Champions League final soccer match at Luz stadium in Lisbon
REUTERS
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Real gewann das Champions-League-Finale gegen Atletico mit 4:1. Iker Casillas, Torhüter und der Mann für Risikospiele, applaudierte den Torschützen Ramos, Bale, Marcelo und Ronaldo.

Lissabon. Es war ein Finale, das es in dieser Form in der Champions League noch nie gegeben hat. Denkwürdig, weil das große Endspiel zu einem Stadtderby avancierte, das nicht nur Madrid elektrisierte. Zwei Klubs standen einander gegenüber, die unterschiedlicher nicht sein können. Auf der einen Seite das „Weiße Ballett“, immer als die „Königlichen“ bezeichnet und mit Geld und Ruhm geschmückt. Auf der anderen Seite der Arbeiterklub, der sich soeben erstmals seit 1996 den Meistertitel geschnappt hat und mit dem Sechstel des Real-Etats sein Auslangen finden muss.

Jedes Finale schreibt seine eigenen Geschichten, so auch das Endspiel im Estadio da Luz in Lissabon. Hier widerfuhr zuerst Atletico-Star Diego Costa Gespenstisches. Er wollte zeigen, dass eine Muskelverletzung tatsächlich ausheilen kann, wenn man eine serbische „Wunderheilerin“ einfliegen und sich von ihr Zellen einer Pferde-Plazenta spritzen lässt. Er stand für nur neun Minuten auf dem Platz . . .

Atletico Madrid sah trotzdem 93 Minuten lang wie der verdiente Sieger aus. Ein Kopfball-Treffer von Diego Godin (36.) ließ die Elf von Diego Simeone träumen. Die Spieler liefen, kämpften, sie arbeiteten, so wie man es von ihnen gewohnt ist. Torhüter Iker Casillas wähnte sich schon als Buhmann, sein Fehler nach dem Eckball hatte die „Königlichen“ ins Hintertreffen geführt. Im Finish aber verließen die Rotweißen die Kräfte, Real drückte. Und Sergio Ramos (93.) schoss Real Madrid noch in die Verlängerung.

Von diesem Zeitpunkt an war Real Madrid nicht mehr aufzuhalten. Da war das Verlangen, „La Decima“, also der Wunsch nach dem zehnten Erfolg im Europacup der Landesmeister oder der Champions League, zu landen, zu groß. Und Atleticos Spieler waren leer. Di Maria nützte einen Konter, Gareth Bale (110.) stand goldrichtig – das dritte Kopfballtor des Abends bedeutete das 2:1. Die Entscheidung gelang Marcelo (116.), der Joker erzielte das 3:1. Den Schlusspunkt setzte Cristiano Ronaldo vom Elfmeterpunkt, das 4:1 ist sein 17. Treffer in dieser CL-Saison.

Für Trainer Carlo Ancelotti, 54, ist es ein Meilenstein. Er ist erst der zweite Coach, der dreimal den Meistercup bzw. die Champions League gewinnt. Der bisher einzige war Bob Paisley, der Liverpool zu den Triumphen 1977, 1978 und 1981 geführt hat.

Das Monument. Ein ganz besonderes Spiel war es für Iker Casillas. Ein Torhüter im vielleicht besten Alter, mit 32 hat da Dino Zoff, der bis zum 40er auf der Linie gestanden ist, noch vor Jugendlichkeit gesprüht. Aber bei Real ist nicht alles, aber doch so manches anders. Casillas ist ein Teilzeitarbeiter geworden. Ein Schlussmann, der in seiner Heimat verehrt wird, von den Fans sogar die „Heiligkeit“ zugesprochen. „San Iker“ wurde zum Begriff, weil er in der Lage ist, mit seinen schnellen Reflexen gegnerische Offensivspieler zu entnerven. Auch Bayern München musste diese Erfahrung machen. Gegen Casillas und Co. war heuer für den Titelverteidiger Endstation.
Casillas ist, wenn man so will, ein Teilzeitheiliger. „Eine angekratzte Ikone“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“, ein Monument, das Risse bekommen hat. Denn der 32-Jährige, Sohn aus einfachen Verhältnissen aus dem Madrider Arbeiterviertel Mostoles, darf sein Können nur selten zeigen. Aber immer dann, wenn es besonders wichtig ist. In K.-o.-Spielen, aber nicht in der Meisterschaft. In der spanischen Liga steht er seit einem Jahr nicht mehr im Tor, da ist der Galizier Diego López, ein Riese von 1,96 Metern, die Nummer eins. Ein solider Keeper, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Zumindest kein Fußballheiliger.

Wenn Casillas zur Untätigkeit gezwungen ist und er seinen Kontrahenten bei der Arbeit zusehen muss, dann verkriecht er sich am liebsten. In den hinteren Reihen der Real-Ersatzbänke. Wenn das kleine Dach einen Schatten auf sein Gesicht wirft, verzieht er keine Miene. Dann ist er ganz in sich zurückgezogen. Seine Bühne ist die Champions League. Und auch der Cup, die Copa del Rey. Die hat Real Madrid heuer auch gewonnen.
Casillas hat in seiner Karriere alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Er hat zweimal die EM mit Spanien geholt, ist Weltmeister, damit Titelverteidiger in Brasilien. Und er dreimal in der Champions League triumphiert. Mit neun Jahren kam er zu Real, mit 19 war er Stammtorhüter. Fabio Capello wagte es als erster Trainer, an der Institution zu rütteln; zumindest ganz vorsichtig. Er traute sich aber nicht drüber, der Anfang vom Ende in der Meisterschaft wurde erst von einem eingeläutet, der keine „Heiligen“ mag: José Mourinho. Der Startrainer verdächtigte seinen Tormann, zu intrigieren und nicht genug hart zu trainieren. „San Iker“ verlor diesen Machtkampf, der Kapitän wurde nach seinem Handbruch im Jänner 2013 gestürzt. Nur in Risikospielen darf er noch ran. Dann ist er wieder „San Iker“, Madrids bekanntester Teilzeitarbeiter.