Lokalaugenschein. Das hessische Boxcamp von Lothar Kannenberg zur Resozialisierung Jugendlicher polarisiert.
Diemelstadt. Dario hat mit seinen 17 Jahren schon eine beträchtliche kriminelle Karriere vorzuweisen. Nach Schlägereien und Drogenhandel lernte er das Jugendgefängnis von innen kennen. Sein Freund Nikolai erzählt von seinem Opfer, das mit Schädel-Hirn-Trauma auf die Intensivstation kam.
Jetzt sind die beiden im „Trainingscamp Lothar Kannenberg“ im hessischen Diemelstadt – und sehen plötzlich eine neue Perspektive im Leben. Für Dario kam die Erkenntnis eines Nachts: „Ich habe mir gesagt, ich will einmal eine Frau und Familie haben. Aber welche vernünftige Frau nimmt schon einen drogenabhängigen Knastbruder?“ Das Trainingscamp ist für sie eine letzte Chance – und die wollen sie nutzen.
Ehemaliger Straftäter als Helfer
Lothar Kannenberg ist für viele eine Reizfigur. Der ehemalige Boxer hat selbst eine kriminelle Karriere hinter sich. Nach einer Krebserkrankung kam der Gesinnungswandel und der Wunsch, jugendlichen Straftätern auf dem Weg zurück in die Gesellschaft zu helfen. Im hessischen Wahlkampf forderte Ministerpräsident Roland Koch (CDU) ein härteres Vorgehen gegen Gewalttäter und stellte Kannenbergs Camp als positives Beispiel hin. Von den Linken wird er abgelehnt, was nicht nur an den politischen Kontakten, sondern auch am Wording liegen dürfte: „Respekttrainer“ heißen seine Betreuer, das Einhalten von Regeln hat einen hohen Stellenwert.
Untergebracht ist das Trainingscamp in einer ehemaligen Waldarbeiter-Schule, die aus mehreren Holz-Blockhäusern besteht. Abgezäunt ist das Gelände nicht, hier kann man offensichtlich ungehindert ein- und ausgehen. Und auch sonst erinnert nichts an Boot-Camps amerikanischer Prägung, in denen mit militärischem Drill und Brechen der Persönlichkeit gearbeitet wird.
Ein „Startschuss“ für eine bessere Zukunft soll das Projekt sein, sagt Lothar Kannenberg den Besuchern. Rund sechs Monate sind die Klienten dort untergebracht und haben dort einen strukturierten Tagesablauf – etwas, was sie „draußen“ nicht kennen gelernt haben. Um 5.55 Uhr läutet der Wecker, dann geht es zum gemeinsamen Zähneputzen in den Hof (auch das lernen viele erstmals kennen). Der Rest des Tages besteht aus sehr viel Sport, wobei das Boxen nur ein – allerdings gerne angenommenes – Angebot ist. Dazu kommt das Saubermachen der eigenen Unterkünfte und „Respekttraining“. Betreuer halten Vorträge über unterschiedlichste Themen und es gilt: Diesen muss auch aufmerksam zugehört werden. Eine Vorbereitung auch auf die Schule, die viele der Jugendlichen nach dem Camp besuchen sollen.
Die Betreuung ist intensiv: 20 Klienten befinden sich im Camp, 20 Mitarbeiter hat Kannenberg zur Verfügung. Viele von ihnen arbeiten schon jahrelang für ihn. Die Jugendlichen durchlaufen eine Hierarchie in der Gruppe, die auch optisch gekennzeichnet ist: Die Anfänger erhalten ein weißes T-Shirt und dürfen in einer sechswöchigen Eingewöhnungsphase keinen Kontakt zur Außenwelt halten.
Wer sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt hat und als „gefestigt“ gilt, erhält ein hellblaues T-Shirt. Und die „Ablösephase“ der letzten ein bis zwei Monate ist durch ein blaues T-Shirt gekennzeichnet. Neulinge bekommen einen erfahrenen „Paten“ zur Seite gestellt. Gruppendynamische Prozesse werden genutzt.
Ein wesentliches Element ist das Fehlen jeder Ablenkung. Handys und MP3-Player sind tabu, Fernsehen, Internet und Spielekonsolen gibt es nicht. Einmal die Woche wird gemeinsam ein Film angesehen, Musik gibt es während des Trainings. „Die Jugendlichen sollen sich mit sich selbst auseinandersetzen“, sagt Kannenberg. „Und sie sollen reden lernen.“ Mit sich selbst auseinandersetzen heißt auch: Die eigene Vergangenheit begraben. Dies passiert auch in einer symbolisierten Form: Wer so weit ist, hebt ein echtes Grab aus und versenkt dort Symbole seines bisherigen Lebens.
Nachbetreuung notwendig
Mit den sechs Monaten ist das Programm nicht zu Ende. „Ich suche für jeden einzelnen Jugendlichen einen passenden Platz“, sagt Kannenberg. Passend heißt: Es muss eine Betreuung und eine Tagesstruktur geben. Ansonsten würden die Betroffenen bald wieder in alte Verhaltensmuster abgleiten.
Ob das Projekt Vorbildfunktion haben kann? Kannenberg will es jedenfalls ausweiten. So sollen seine Betreuer, die jahrelang mit ihm gearbeitet haben, selbst eigene Camps leiten. Er selbst will als Berater in den Hintergrund rücken.
Und der Erfolg der Trainingscamps? Laut Kannenberg sind nur 20 Prozent seiner bisher 300 Klienten rückfällig geworden – was im Vergleich etwa zu Jugendgefängnissen eine sensationell niedrige Quote wäre. Derzeit ist ein unabhängiger Wissenschaftler dabei, den Erfolg zu evaluieren. Für Kannenberg wird das die Stunde der Wahrheit.
„TRAININGSCAMPS“: Politische Reaktionen
Hannes Missethon, ÖVP-Generalsekretär, sieht nach einem Lokalaugenschein das Trainingscamp als „ernsthafte Alternative“ zu derzeitigen Methoden. Im Herbst will er eine Enquete zu dem Thema veranstalten.
Justizministerin Maria Berger (SPÖ)sagte, sie setze lieber auf „professionelle Sozialtherapie“. Das Ministerium arbeite am Ausbau von Anti-Gewalt-Trainings. Außerdem passiere aufgrund jahrzehntelanger Erfahrung in der Justizanstalt Gerasdorf längst das, was Missethon fordere.
Die Grünen sehen in den Camps „Unterwerfung unter eine unbedingte Autorität“. Dies sei der falsche Weg. Missethon solle Gerasdorf besuchen oder mit den Beratern des Bewährungshilfe-Vereins Neustart reden.
Neustart selbst sieht die Trainingscamps als „sinnvollen Ansatz“ unter der Voraussetzung, dass eine Nachbetreuung gewährleistet sei.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2008)