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Macbeth im Herzen der Finsternis

(c) APA/NICKY NEWMAN (NICKY NEWMAN)
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Verdis „Macbeth“, musikalisch bearbeitet von Fabrizio Cassol und inszeniert von Brett Bailey: ein Blick in die brutale Realität der Demokratischen Republik Kongo.

Patria oppressa“: Als Leitmotiv des Leids durchzieht Verdis beklemmendster, bitterster Opernchor diesen Abend und behält zu Recht sogar das letzte, in stummer Klage erstarrende Wort. Die geknechtete Heimat wird nicht von einer in dumpfem a-Moll-Marschtritt aufziehenden Soldateska befriedet, und auch der knappe f-Moll-Siegesruf nach Macbeths Tod aus der Erstfassung des Werks bleibt aus. Stattdessen ist der Rest Schweigen angesichts des Grauens, das die Kämpfe um Macht, Geld und Waffen weiterhin anrichten: als Arbeitskräfte in Coltanminen oder als MG-Futter missbrauchte Kinder, vergewaltigte Frauen, ermordete Männer, Verstümmelung, Vertreibung, Versklavung durch brutale Milizen, jede angeführt von einem potenziellen Macbeth. Denn wir befinden uns nicht im Schottland des elften Jahrhunderts, sondern im heutigen Kongo.
In der britischen Polit-Sitcom „Yes, Minister“ erklärt das abgebrühte Beamten- und Bürokratiegenie Sir Humphrey Appleby einmal, dass es in Staaten, die Worte wie „demokratisch“ oder „Republik“ in ihrer amtlichen Bezeichnung trügen, mit Demokratie und republikanischer Ordnung meist nicht weit her sei. Die Demokratische Republik Kongo, wie das frühere Zaire und einst als „Kongo-Freistaat“ vom belgischen König Leopold II. als sein „Privatbesitz“ auf menschenverachtende Weise ausgepresste Land heute heißt, bildet da trotz Fortschritten keine Ausnahme: Fünfeinhalb Millionen Menschen haben allein in den letzten 20 Jahren seit dem Genozid im benachbarten Ruanda und entsprechenden Flüchtlingsströmen bei vielfältig motivierten Ausschreitungen ihr Leben verloren; Millionen weitere sind direkt oder indirekt betroffen, weil multinationale Konzerne sich mit korrupten Machthabern den Profit für die heiß begehrten Ressourcen teilen – auf dem Rücken der Ärmsten.

Afrikanische Aneignung

Seit Jahren holt der aus Südafrika stammende Theatermacher Brett Bailey auf vielfältige Weise die Situation postkolonialer Gebiete auf die Bühne, etliche davon waren auch bei den Wiener Festwochen zu erleben. Mit großer Begeisterung und auch Betroffenheit wurde nun im Wiener Odeon Baileys dritte „Macbeth“-Deutung aufgenommen, ein weiteres Beispiel einer afrikanischen Aneignung und subjektiven Durchdringung eines ursprünglich europäischen Kunstwerks. Dieser Zugang passt zum belgischen Jazzer Fabrizio Cassol, der sich auch durch moderne Neudeutungen klassischer Partituren einen Namen gemacht hat. Verdis „tinta musicale“, der jeweils individuelle Klang seiner Partituren, bleibt bei Cassols „Macbeth“-Bearbeitung für zwölf Musiker gewahrt, weil er die ausweglose Nachtschwärze zwar mit manch klangfarblich grellen Blitzen erhellt, sie vor allem aber noch bekräftigt durch einige wenige hinzukomponierte Passagen, die sich nur einmal weit vom Original entfernen. Die Singstimmen tastet Cassol in seiner auf etwa 100 Minuten komprimierten Lesart praktisch nicht an, unterlegt ihnen nur fallweise neue Klänge oder biegt manches überhaupt um – die Brindisi-Reprise etwa in gespenstisch fahles Moll.
Nobulumko Mngxekeza wandelt sich als fulminante, stimmlich leuchtkräftige und virtuos differenzierte Lady von der Waschfrau zur lasziven Discoqueen und schließlich zum Häufchen Elend, Owen Metsileng ist ein lyrisch hell timbrierter, aber kerniger Macbeth, Otto Maidi ein profund strömender Banquo – schade, dass Premil Petrović sie am Pult des No Borders Orchestra manchmal hetzt.
Mit einfachen szenischen Mitteln, aber ergänzt durch teils witzig aktualisierte Übertitel und Filmprojektionen mit expressiven Bildern und Hintergrundinfos auch zu den Mitwirkenden, erzählt Bailey die Story mit den drei großartigen Protagonisten und einem wandlungsfähigen Chor als düsteres Beispiel für den alltäglichen Aufstieg und Fall eines Militärs. Die Welt wird er damit nicht ändern können. Vielleicht aber Menschen.

Weitere Termine: 27. und 28. Mai, 20 Uhr