Trotz Verlusten bleibt die ÖVP Erster bei der EU-Wahl. Die Taktik, auf den erfahrenen EU-Parlamentarier Karas zu setzen, ging auf.
Wien. Othmar Karas strahlt über das ganze Gesicht, als er Sonntagabend in der ÖVP-Wahlzentrale eintrifft. „Wir haben alle Wahlziele erreicht“, betont er. Über Parteigrenzen hinweg habe er Stimmen bekommen, und nur durch solche breiten Bündnisse könne Europa funktionieren. Auch Parteichef Michael Spindelegger lächelt zufrieden, wenngleich sein Gesichtsausdruck neben dem überglücklichen Karas fast noch verblasst: „Kompetenz setzt sich durch“, sagt Spindelegger und spricht Karas ein „Danke“ aus.
Auch wenn die ganze Partei feiert: Die gut 27 Prozent sind ein persönlicher Erfolg von Karas. Ganz bewusst hatte er sich im Wahlkampf von der zuletzt in einer Krise steckenden ÖVP abgegrenzt. Das Logo OK – für Othmar Karas – wurde in der Reklame statt dem Parteiemblem zur Schau gestellt. Am Wahlzettel kandidierte man als „Österreichische Volkspartei – Liste Othmar Karas“.
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Die Kompetenz des erfahrenen Europapolitikers Karas war im Wahlkampf in den Vordergrund gestellt worden. Der 56-Jährige aus Ybbs an der Donau stammende Politiker sitzt seit 1999 im Europäischen Parlament und ist auch dessen Vizepräsident. Der Persönlichkeitswahlkampf von Karas erschien insofern glaubwürdig, als das Verhältnis zwischen Karas und seiner Partei immer schon etwas gespannt war. Auch wenn der aus einem schwarze Elternhaus stammende Niederösterreicher eine klassische Parteikarriere via Schülerunion und Junge ÖVP (JVP) hinlegte und schon mit 26 Jahren im Nationalrat saß. Doch internen Ärger gab es immer wieder: Für die Nationalratswahl 1983 etwa wollte die Partei den damaligen JVP-Chef Karas nur auf den aussichtslosen 24. Listenplatz reihen. Nach monatelangen Querelen durfte Karas schließlich auf einen sicheren Listenplatz. Ein ähnliches Szenario wiederholte sich bei der EU-Wahl, wo man zunächst auch nicht an Karas glaubte. So hatte man ihm 2009 noch Ex-Minister Ernst Strasser als Spitzenkandidaten vorgesetzt, weil Ex-ÖVP-Chef Josef Pröll dem wenig charismatischen Karas nicht zutraute, die Wähler für sich zu gewinnen. Diesmal aber durfte Karas nach dem Fall des Ex-Innenministers in der Lobbyisten-Affäre als Spitzen ran.
An die 30 Prozent von 2009 kam die ÖVP aber nicht mehr heran. Zum einen, weil die Probleme der Partei auch nicht ganz spurlos am Wähler vorbei gingen. Zum anderen, weil die ÖVP 2009 mit einem internen Kampf eine Stimmenmaximierung schaffte: 113.000 wählten damals Karas per Vorzugsstimme - auch, um ihren Protest gegen den in der Europapolitik schon damals als wenig firm geltenden Strasser auszudrücken. Dieses interne Duell, das die Partei beflügelte, fehlte diesmal.
Wahlkampf bewusst gegen Neos
Und drittens kam dazu, dass diesmal mit den Neos eine neue europafreundliche Partei kandidierte. Sie kostete der ÖVP Stimmen, auch wenn der Wahlkampf von Karas teils zielgerichtet gegen die Neos ausgerichtet wurde. Pinke Ballons wurden verteilt, die in Wahrheit von der ÖVP stammten und darauf hinweisen sollten, dass von den Neos nur „heiße Luft“ komme. Karas betonte mehrfach extra, keine Privatisierung von Wasser voranzutreiben (eine Speerspitze gegen Neos-Kandidatin Angelika Mlinar). Zu guter Letzt wurde von der ÖVP vor der Wahl doch tatsächlich extra betont, dass alle einstigen ÖVP-Parteiobmänner Karas wählen. Das ist insofern bemerkenswert, weil Ex-Parteichef Erhard Busek nach der Nationalratswahl ja kundtat, Neos gewählt zu haben.
Auch wenn Karas vor allem als Einzelkämpfer auftrat, ist sein Wahlergebnis daher auch für Spindelegger und die gesamte Bundespartei eine Erleichterung. Sie will am Erfolg mitnaschen. „Personen und Parteien kann man nicht ganz trennen“, betonte etwa Außenminister Sebastian Kurz.
Der 56-Jährige aus Ybbs an der Donau trat in Jugendtagen der ÖVP bei, schon sein Vater war ÖVP-Politiker. 1983 zog das CV-Mitglied mit nur 26 Jahren in den Nationalrat ein, bis 1990 blieb er Abgeordneter. Da er kein Mandat mehr erhielt, zog sich der studierte Politikwissenschaftler vorläufig in die Versicherungswirtschaft zurück. Kritisiert worden war Karas einst, weil er trotz politischer Ämter eine Versehrtenrente erhielt (die ihm nach einem Autounfall zustand). Auf die Rente verzichtete Karas, als er 1995 ÖVP-Generalsekretär wurde. 1999 schaffte Karas erstmals den Sprung in das Europäische Parlament, derzeit ist er dort einer der 14 Vizepräsidenten. Karas ist mit Christa Karas-Waldheim, einer Tochter des einstigen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, verheiratet und hat einen Sohn.