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Die ganz große Illusion

Thomas Pynchon hat einen monumentalen Roman geschrieben. „Gegen den Tag“ ist eine fantastische Zeitreise durch die Anfänge der Moderne. Einen möglichen Beginn setzt er etwa mit den Energie-Experimenten Nikola Teslas an.

Im Frühjahr 1960 veröffentlichte ein 22-jähriger New Yorker in der „Kenyon Review“ eine Kurzgeschichte von 18 Seiten, die er als College-Student geschrieben hatte und „Entropy“ nannte. Sie handelt aber nicht wirklich von Thermodynamik, sondern von der etwas aus den Fugen geratenen Party des Meatball Mulligan, die atmosphärisch die Fünfzigerjahre spiegelt. Diese Geschichte von Thomas Pynchon endet in einem seltsamen Equilibrum; eine Fensterscheibe wird zerbrochen, außen und innen herrschen bald hoffnungslose 37 Grad Fahrenheit, nah am Gefrierpunkt: „a tonic of darkness and the final absence of all motion.“

Das Projekt hat sich ausgewachsen. Ein halbes Jahrhundert später trifft der Leser von Pynchons gargantueskem Roman „Gegen den Tag“ auf einen gewissen Alonzo Meatman, der von Zeitreisenden weiß, die mehr über die Unumkehrbarkeit von Prozessen wissen. Ein „Mister Ace“ sagt den jung gebliebenen Luftschiffern der „Inconvenience“, die immer wieder im Roman auftauchen wie die Knaben in der „Zauberflöte“: „Wir sind hier unter Ihnen, weil wir Zuflucht vor unserer Gegenwart – Ihrer Zukunft – suchen – einer Zeit weltweiten Hungers, erschöpfter Brennstoffvorräte, hoffnungsloser Armut – dem Ende des kapitalistischen Experiments. Sobald wir die schlichte thermodynamische Wahrheit begriffen hatten, dass die Ressourcen der Erde begrenzt waren, ja sogar bald zur Neige gehen würden, fiel die ganze kapitalistische Illusion in sich zusammen.“ Denen, die dies erkannten und die als Ketzer geschmäht wurden, „blieb kaum eine andere Wahl, als in jene dunkle, vierdimensionale See mit Namen Zeit zu stechen“.

Tief ist der Brunnen der Geschichten bei Thomas Pynchon, unerschöpflich sind seine Assoziationen. Menschen auf der Flucht und auf der Suche nach erlösenden Mysterien bevölkern die sechs Romane, die er seit 1963 veröffentlicht hat, sie kommen immer wieder in neuer Gestalt vor, geplagt von Verfolgungswahn und dem vernichtenden Urteil der Endlichkeit. In seinem Alterswerk hat der nunmehr 70-Jährige US-amerikanische Autor einen interessanten Akzent verstärkt: Webb Traverse (dessen vier Kinder unter den hunderten handelnden Personen am ehesten als Hauptfiguren erachtet werden können) ist ein Anarchist, ein Sprengmeister mit dem bezeichnenden Fantasienamen „Kieselguhr Kid“, der an der Wende zum 20.Jahrhundert im Wilden Westen den Räuberbaron Scarsedale Vibe herausfordert und von dessen Killern ermordet wird.

Ein seltsamer Zufall: Der einflussreichste Sprachforscher der USA, Noam Chomsky, ist in seinen politischen Schriften vom Anarchismus geprägt, er bekämpft das imperiale Amerika, und auch der wohl sprachmächtigste Romanschriftsteller der Gegenwart liebäugelt mit diesen radikalen Ideen, die den Common Sense verweigern. Sind Amerikas große Denker verrückt? Oder sind sie nur hellsichtig in finsteren Zeiten?

Pynchon hat seinem Roman, dessen Titel ein Zitat aus dem Zweiten Petrusbrief
(„gegen den Tag des Gerichts“) ist, ein dunkles Motto des Jazz-Musikers Theolonius Monk vorangestellt: „It's always night, or we wouldn't need light.“ Trotzdem beginnt die große Luftschifffahrt mit dem optimistischen nautischen (oder linguistischen) Befehl „Now single up all lines!“, ehe der Erzähler für die folgenden 55.000 Zeilen loslegt. „Vorspring und Achterleine loswerfen!“, heißt es in der gewissenhaft kreativen Übersetzung von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. Die haben voll Bewunderung bekannt, dass ihnen kein einziger sachlicher Fehler Pynchons untergekommen sei.


Elegant wie der alte Henry James

Das ist bemerkenswert bei den vielen Registern, die er beherrscht. „Gegen den Tag“ ist ein Groschenroman, ein Abenteuerbuch, ein Western, er quillt über von Geschichte und Naturwissenschaft, imitiert mit seinen langen, eleganten Satzperioden die längst vergangenen Zeiten des späten Henry James und besitzt doch die äußerste poetische Verknappung, die auch nicht vor Kalauern oder obszönen Songs halt macht.

Als überfrachtetes, kaum lesbares Monster erschien der Roman vielen englischsprachigen Rezensenten nach der Veröffentlichung Ende 2006. Das ist ein einschränkendes, billiges Urteil. Seine Qualität entwickelt dieses humorvolle Werk im Wieder-Lesen und Wider-Lesen. „In reading Ulysses you learn how to read Ulysses“, sagte ein kluger Kritiker über das Jahrhundertbuch des James Joyce. Den neuen Pynchon kann man als fantastisches Jugendbuch zu rezipieren beginnen, um dann in der Wiederholung die Raffinessen des talentiertesten Schülers Nabokovs schätzen zu lernen. „Gegen den Tag“ ist nicht so streng wie Pynchons apokalyptisches Hauptwerk „Gravity's Rainbow“ (1973), aber leichter lesbar, abgeklärter als die Irrfahrten des genialen Frühwerks „V“ (1963), nicht so heiter wie „Mason & Dixon“, doch überraschend kurzweilig bei aller lexikalischen Fülle.


Das Zeitalter der Nervosität

Wie kann man die Handlung von Thomas Pynchons Romans zusammenfassen? Der durchgängige dramatische Strang ist jener der Familie Traverse. Die Kinder des bald
ermordeten Webb Traverse sind auf Achse von Mexiko bis Ostasien. Bergbauingenieur Frank rächt den Vater, während seine Schwester Lake einen der Mörder ehelicht und der jüngste, das Rechengenie Kit, vom Auftraggeber Vibe das Studium finanziert bekommt. Kit lernt in Yale den Thermo-
dynamiker Willard Gibbs kennen, in Göttingen eine Schülerin Georg Riemans. Reef schließlich, der Kartenspieler, seinem Vater Webb am ähnlichsten, ist auf Vibes Spur und gerät dabei in Europa in die Balkanpolitik. Die Dinge werden kompliziert, emotionell, sexuell. Sie geschehen während der ersten Blüte der Psychoanalyse. Sigmund Freud hat eben seine „Traumdeutung“ geschrieben.

Es ist auch das Zeitalter der Nervosität. Man bekommt den Eindruck, der Erzähler möchte zurück in jene spätbürgerliche Ära vor dem kurzen „Jahrhundert der Extreme“, bevor alles schiefging im August 1914. Der Leser wird Zeuge eines manichäischen Kampfes zwischen Licht und Dunkelheit. In Ostende trifft der talentierte Kit auf einen Kongress von Quaternionisten – Mathematiker, die eine vierte Dimension für ihr Rechnen einführen. Sie liefern sich erbitterte Debatten mit den Vektoristen, die sich schließlich durchgesetzt haben. Die Quaternionisten mit ihrem Raum-Zeit-Kontinuum sind für den Erzähler die Anarchisten, die Kabbalisten der Mathematik. Für sie ist der Raum imaginär, nur die Zeit ist real.

Immer wieder tauchen auch historische Figuren auf. Der trinkfeste Habsburger Thronfolger Franz Ferdinand besucht die Weltausstellung in Chicago und will dort Schweine schießen, Nikola Tesla verblüfft mit gigantischen Energie-Experimenten. Seine Erfindung einer unfassbar mächtigen Maschine könnte nach Pynchon schuld
an der Katastrophe von 1908 in der Taiga gewesen sein, als bei Tunguska 800 Quadratkilometer Wald auf einen Schlag zerstört wurden, mit Energie, die der einer riesigen Atombombe vergleichbar war. Tesla ist im Gegensatz zu seinem Auftraggeber
Vibe bei seinen Forschungen nicht an Profit orientiert, der Plutokrat jedoch, der den
Anarchismus mit aller Macht verfolgt, schwärmt von der Zeugungskraft des Geldes. Der Siegeszug des Kapitals sei nicht aufzuhalten.


Unheimliche Gegenwelten

Vibes Kontrapunkt ist nicht nur die Außenseiter-Familie Traverse, sondern auch die uneigennützige, im Dienste der Zukunft stehende Mannschaft der Luftschiffer. Verbunden sind diese beiden Welten durch den Fotografen Merle Rideout und seine Tochter Dahlia. Sie begegnen anfangs den Buben in Chicago, später stoßen sie auf Webb Traverse in Colorado. Dahlia, diese wunderbar leichte Frauengestalt, lässt sich schließlich mit Kit ein. Wir treffen sie im Epilog nach dem Krieg in Paris, der Forscher ist „irgendwo in der West-Ukraine, auf seiner großen Suche nach irgendwas, von dem sie nicht wusste, was es sein mochte. Sie wusste nur, dass dort noch immer gekämpft wurde.“

Wir wissen auch, dass die „Chums of Chance“ immer auf Abenteuer aus sein werden. Sie machen fantastische Reisen mit ihrem wasserstoffbetriebenen Zeppelin, fahren mit einer Fregatte unterirdisch durch den Sand der Wüsten Asiens, kommen über die Arktis tief ins Erdinnere, sind unterwegs von Pol zu Pol, auf der Suche nach dem geheimnisvollen Stoff Islandspat oder nach dem utopischen Ort Shambhala. Die Luftikusse, deren Erlebnisse, vom Erzähler immer wieder liebevoll in Erinnerung gerufen, in einer Serie von Jugendbüchern erscheinen, haben auch eine Art Doppelgänger-Schiff aus Russland mit weiblicher Besatzung. Alles bei Pynchon wird gespiegelt; dem englischen Forscher Renfrew entspricht ein deutscher Kollege namens Werfner; irgendwo draußen im All oder drinnen in der Zeit muss es also auch eine Gegenwelt zu unserer geben – das ist die Dimension des Unheimlichen bei Pynchon, sein Universum ist ein paranoides.

Die Knaben aber bleiben ewig jung. Mit welchem Mephisto haben sie einen faustischen Pakt geschlossen? Ihr Pudel jedenfalls ist ein Hund, Pugnax, der die späten Romane des Henry James liest. Und ohne zu viel vom Schluss zu verraten, auch die „Chums of Chance“ zieht es hinan: „Sie werden die geschwärzten Brillen aufsetzen, um die Herrlichkeit sehen zu können, die den Himmel zerreißen wird. Sie fliegen der Gnade entgegen.“ Das Entscheidende ist bei Pynchon nicht mehr die Schwerkraft, sondern das Annehmen des Himmels.


Der enttäuschte Wissensglaube

Thomas Pynchon hat einen monumentalen Roman geschrieben, seine Zeitreise durch die Moderne bringt uns die Schrecken des 20. Jahrhunderts aus der Retrospektive der wissensgläubigen Blüte des Kapitalismus vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges näher. Es ist ein nostalgisches Alterswerk, eine brillante Summa der bisherigen Romane, ein Kosmos im Chaos des Erzählflusses.

Wie soll man also dieses Werk lesen? Vielleicht sogar laut, wie ein dramatisches Gedicht, denn es ist voller Rhythmus und Musikalität. Pynchon hat dem Roman „Gegen den Tag“ ein Motto von Monk vorangestellt: „It's always night...“ Irgendwann ist Reef Traverse auf seiner Suche auch in New Orleans gelandet. Dort spielen „Dope“ Breedlove und seine Band in der Maman Tant Grass Hall, einer Musikkneipe in einer Nebenstraße der Perdido Street im Herzen des Bordellviertels. Man schwärmt in einer Pause von der Land League. Näher sei die Welt der vollkommenen anarchistischen Organisation nie gekommen, meint ein junger Mann. Der Begriff wäre ein Widerspruch in sich selbst, sagt Dope. „Aber wenn deine Band spielt, stelle ich das Gleiche fest – den erstaunlichsten sozialen Zusammenhalt, als teiltet ihr euch alle ein und denselben Verstand“, so der junge Mann. Der Bandleader stimmt zu, aber Organisation könne man das nicht nennen. „,Wie denn dann?‘ ,Jazz.‘“

Es herrscht die Nacht bei Thomas Pynchon, in ihr entstehen Ungeheuer. Aber immer wieder blitzt bei ihm etwas auf, das tröstet und hilft. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2008)