Sommerreich Niederösterreich: Ganz schön viel Grün im Land und Glas

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Unsere Serie der schönsten Urlaubsziele in Österreich geht weiter – mehr oder weniger kurz vor die Haustür. Niederösterreich: von wegen bekanntes Terrain ...

Ein Fahrrad, das mit einem nicht durchbrennt, ein gemütliches Bankerl zwischen Weinreben oder Obstbäumen, und die Muße, ein dicht gepflanztes Kulturprogramm zu genießen: Mehr braucht der Niederösterreich-Urlauber in diesem Sommer offensichtlich nicht. Sommerfrische, irgendwie neu.

Aus der Fahrrad-Perspektive muss man sich Niederösterreich wie einen Schnittmusterbogen vorstellen: Sieben große Routen zerteilen Wald und Wiese, alpines Gelände und Flusslandschaften. Dabei fällt eine gewisse Nähe von Flüssigkeiten zu Radwegen auf, als Wasserweg, als Weinkeller, als Brauerei. Manchmal kann das Fahrwasser auch eine Thermenlinie sein.

Was hingegen nicht einleuchtet: Warum sich manche Radrouten in Niederösterreich weitaus steiler und schweißtreibender ausnehmen als man einem weiten Land zugesteht.

Die Lösung: Mindere Höhe wird durch Steilheit wettgemacht. Offensichtlich zahlt es sich bei mickrigeren absoluten Höhen nicht aus, Schotter und Asphalt für viele Serpentinen zu verplempern, und planiert daher gleich eine Direttissima auf den Berg hinauf. So plagt sich der Radler im Wienerwald, im Mostviertel oder in der Buckligen Welt mindestens genauso wie auf einem Stückerl Alpenhauptkamm. Nicht einmal auf der 422 Kilometer langen Kamp-Thaya-March-Route wird es richtig flach. Maximal am Thermenradweg, wo man von Baden nach Wiener Neustadt donnert.

Unter den Radfahrern gibt es natürlich Streber, ein Auftrag an sie lautet, wenigstens den niederösterreichischen Abschnitt der „Eurovelo 9“ (von der Ostsee an die Adria) zu absolvieren, schon deswegen, weil man dabei mit fast allen anderen Radrouten in Berührung kommt. Man beginnt also auf einer stillen Weinviertler Nebenstraße, rollt noch recht entspannt nach Wien, verschnauft auf dem Thermenradweg und plagt sich langsam, aber sicher den Wechsel hinauf. Hier würde der Patriot dann guten Gewissens umdrehen.

Wilde Hunde

Für die Mountainbiker hat Niederösterreich sein Netz kontinuierlich ausgebaut, heuer zählt es 5700 landwirte- und wanderertechnisch gesehen konfliktfreie Kilometer, und macht Niederösterreich zum Land mit dem größten MTB-Angebot. Vier Regionen haben sich beim Wald- und Wurzelradler etabliert: Mostviertel, Waldviertel, Wiener Alpen und der Wiener Wald. In Letzterem kann man sich an 16 Stellen ins Routennetz einklinken (www.mtbwienerwald.at). Vor den wirklich wilden Hunden, den Downhillern und Freeridern, weiß man sich in Sicherheit, denn die hat man schön auf den Semmering expediert – in einen suprigen Bikepark.

Grüner Veltliner respektive Riesling oder Birnenmost, Kurzurlaubsentscheidungen laufen zwangsläufig auf ein paar Volumsprozent hinaus – so dominant ist das Thema in einem niederösterreichischen Sommer. Der Vernünftige kombiniert das Abhaken der 1000 Termine im Weinstraßenkalender und der zahlreichen Daten im Moststraßenkalender freilich mit Radfahren, Weitwandern oder Nordic Walken – Cabriofahren besser nicht.

So schafft es der halbwegs Aktive zwischen Weinfesten, Mostverkostungen, Prämierungen, Präsentationen und kulinarischen Events nicht auf der Strecke zu bleiben. Manchmal kann man eine antialkoholische Etappe einschieben: einen Abstecher zum Marillenkirtag in der Wachau oder zu einem Kürbisfest im Weinviertel. Eine gute Unterlage schafft er mit Produkten aus den zehn niederösterreichischen Genussregionen – etwa Ybbstaler Forelle, Wagramer Nuss, Schneebergland Schwein.

Viertelliterklasse

So ein Sommer in diesem selbst ernannten „Land für Genießer“ gipfelt dann in einem Fanal oder Finale (je nach persönlicher Eichung): dem Weinherbst mit seinen 800 Veranstaltungen in über 100 Weinorten – Hauptort wird Rohrendorf bei Krems sein.

Seine schwankenden Befindlichkeiten schläft man in einem Genießerzimmer aus, was riskant, nicht gerade ernüchternd ist, wenn man bedenkt, dass manche Zimmerwirte wiederum Winzer oder vielleicht sogar Most-Barone sind.

Es gibt freilich auch pragmatische Zugänge zu dem Thema: Angeraten sei hier ein Marsch durch das Weinkellerlabyrinth unter Retz – größer als das Straßennetz der Stadt selbst, oder ein Besuch im modernen Loisium. Wer's herber und ebenso gehaltvoll mag, stattet dem MostBirnHaus im Stift Ardagger einen Besuch ab.

All das startet freilich nicht im Trockenen, zur Eingewöhnung läuft schon einmal der Weinfrühling, und der muss ausgekostet werden: Poysdorfer Weinparade, Weinfestival Baden oder die Retzer Weinwoche.

Dem niederösterreichen Festivalsommer kann man nur eines wünschen – gutes Wetter. Sein Publikum hat er schon. Die akustischen Überschneidungspunkte zwischen den Festivals sind nicht sehr groß, größer ist aber schon die Schnittmenge bei den Besuchern. Möglich, dass jene, die am Lunzer See bei den Wellenklängen (4. bis 26. Juli) eintauchen und einen Abstecher zum „Nuke“ bei St. Pölten machen, auch beim Festival „Glatt & Verkehrt“ (13. bis 17. Juli) auftauchen. Das Programm ist ja ziemlich interessant gestrickt, man stellt in Göttweig, Krems und Spitz zeitgenössische Musik im besten Sinne auf die Bühne, freilich mit erhöhtem Folk- oder ethnischem Klanganteil.

Die Klassikhörer pilgern nach Grafenegg: Zum zweiten Mal stehen hier internationale Kaliber auf der Wolkenturm-Bühne und damit halb im Freien. Falls es regnet, hat Intendant Rudolf Buchbinder mit dem Auditorium aber einen neuen Konzertsaal. Mit dabei: das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich oder die English Baroque Soloists, Termin: 21. August bis 7. September.

Grüner Finger

Grafenegg ist Schauplatz einer wachsenden Kultur: Der historische Schlosspark wurde als zweiter Standort in die große niederösterreichische Gartenschau in Tulln eingebunden – 50 Hektar Paradies bis 26. Oktober.

Die neue Gartenschau ist quasi auch ein Manifest, um Niederösterreich als ein Land der Gärten beim Reisenden, Ausflügler und Kurzbesucher zu positionieren. Auf der Plattform „Land der Gärten“ finden sich naturgemäß prachtvolle Anlagen wie jene beim Kaiserlichen Festschloss Hof, bei der Schallaburg oder bei Schloss Laxenburg, aber auch die Arche Noah oder der Archäologische Park Carnuntum gehören zu dieser Vernetzung.

Vernetzt ergibt das Reiserouten durch 26 Anlagen: historische Kloster- und Schlossgärten, neue experimentelle Gartenprojekte, innovative Schaugärten und auch Privatgärten mit moderne ökologischer Bewirtschaftung. Ganz schön viel Grünzeug.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2008)


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