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Biologie: Wie Männer gute Mütter werden

(c) APA (ROBERT JAEGER)
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Wenn Kinder kommen, verändern sich die Gehirne der Eltern, und das geschlechtsspezifisch. Sind beide Elternteile Männer, werden auch die weiblichen Hirnregionen aktiviert.

Verändert sich einer, in Wahrnehmung und/oder Verhalten, weil er Vater geworden ist? Bei den Mäusen tut er das, und wie! Mäusemännchen, vor allem die, die noch nie Vater gewesen sind, attackieren Mäusejunge, oft hart, oft bis zum Tod. Das ändert sich komplett, wenn eigene Jungen kommen, dann nehmen die Väter eher mütterliche Verhaltensweisen an, sie gesellen sich zu den Jungen, lecken sie etc.

Wie das zugeht, hat Catherine Dulac (Harvard) erkundet, es läuft über zwei Stufen (Nature 509, S. 295). Die erste ist das vomeronasale Organ (VNO), das ist ein Geruchssinn, der auf Pheromone anspricht: Ist er bei Mäusemännchen defekt – oder schaltet man ihn gentechnich aus –, tun sie Jungen nichts. Ist das VNO aktiv, führt es zu Aggression gegen Junge. Sind es eigene, wird sofort ein Teil des Gehirns umgebaut.
Und so bleibt es exakt 90 Tage. Dann sind die Jungen von den Müttern unabhängig, und die Mütter bekommen neue.

„Primary caregiving mothers“

Denen begegnen die Männchen zunächst wieder aggressiv, bei eigenen Jungen stellen sie gleich wieder um. So ist das bei den Mäusen. Bei den Menschen ist alles natürlich ganz anders, sie haben kein VNO, und sie leben meist in Zweierpaaren – Mäuse leben in größeren Gruppen –, in denen von Natur her zunächst die Mütter enge Bindungen zu den Kindern entwickeln, sie tragen sie aus, gebären und säugen sie, sind „primary caregiving mothers“ (PC-Mothers).

Beim Aufbau des emotionalen Bezugs werden sie unterstützt von einem mächtigen Hormon, Oxytocin, es leitet die Wehen ein und die Milchproduktion, es sorgt nach der Geburt für soziale Nähe. Es wird auch im Gehirn der Väter aktiv – der „secondary caregiving fathers“ (SC-Fathers) –, aber dort sorgt es für einen anderen Umbau: Bei PC-Mothers stärkt es in der Amygdala die Emotion, bei den SC-Fathers – die kümmern sich schon auch liebevoll, sind aber eben nicht die ersten Bezugspersonen – wird eine andere Hirnregion aktiviert, der Superior temporal sulcus (STS). Der geht mehr auf Kognition, schätzt Bedürfnisse der Kinder ab, plant künftige Versorgung.

Diese Differenz zeigte sich Ruth Feldman (Bar-Illan University, Israel) in bildgebenden Verfahren (fMRI): Die Forscherin besuchte Paare mit Neugeborenen in deren Wohnung, sie drehte Videos, in denen die Eltern mit dem Kind zu sehen waren, in anderen gab es nur das Kind oder die Eltern. Sie spielte sie den Eltern später im Labor vor, dabei zeigte sich in den Gehirnen, dass die Szenen entschieden, auf denen Eltern und Kind zu sehen waren. Zudem zeigten sich geschlechtsspezifische Aktivitäten. Die Mütter hatten ihre gleich, die Väter erlernten ihre erst. Das Ergebnis ist dasselbe: Väter und Mütter synchronisieren ihr Verhalten mit dem ihrer Kinder.

„Primary caregiving fathers“

Und wenn die Väter gar keine Väter sind? Und wenn es in den Familien gar keine Mütter gibt, sondern zwei Väter, beide „primary caregiving fathers“. Feldmann nutzte die Gunst der geschichtlichen Stunde: In manchen Gesellschaften können homosexuelle Paare Kinder adoptieren. Und in den Gehirnen dieser Männer wird nicht nur STS aktiviert, auch die Amygdala wird es, und das nicht etwa, weil diese Männer irgendwie „weiblicher“ sind als andere Männer, das zeigten Zusatztests: „Es gibt ein globales Eltern-Fürsorge-Netzwerk im Gehirn, das unter verschiedenen Eltern konsistent ist“, schließt Feldman, und sie vermutet, dass das aus alten Zeiten stammt, in denen Gruppen-Mitglieder bei Bedarf auch fremde Kinder versorgten, als „Allo-Eltern“ einsprangen (Pnas, 26. 5.).
Ob die beobachteten Veränderungen in den Gehirnen der Menschen mit denen in den Gehirnen der Mäuse zu tun haben, ist nicht geklärt, Dulac vermutet es.

Die beiden Arbeiten haben jedoch keinen Bezug zueinander, sie erschienen fast zeitgleich. Sicher hingegen ist, dass Mütter in heterosexuellen Paaren drohende Aggression der Väter gegen die Kinder anders abzuwehren versuchen als Mäusemütter: Letztere verpaaren sich mit möglichst vielen Männchen, sie wiegen sie alle in dem Glauben, sie könnten die Väter der Jungen sein. Bei den Menschen hingegen hat sich gezeigt, dass Frauen ihren Männern gerne wieder und wieder versichern, das Kind sehe ihnen, den Vätern, sehr viel ähnlicher als ihnen, den Müttern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2014)