Von Rückenschule bis Seelentröster

Gesundheitsmanagement. Die Psyche rückt infolge wachsender Burn-out-Fälle in den Fokus von Corporate-Health-Strategien. Führungskräfte sind mit der Früherkennung überfordert.

Die OMV, die in Österreich 3700 Menschen beschäftigt, unterhält in Wien ein unternehmeneigenes Ambulatorium. „Einen weiteren Schwerpunkt unseres betrieblichen Gesundheitsmanagements bilden die Gesundheitsvorsorge und Notfalleinrichtungen für unsere Expatriates“, erläutert OMV-Human-Resources-Chef Georg Horacek.
Fitnesscenter im Keller, Chillingzone auf dem Dach, Gesundenuntersuchung im Konferenzzimmer, Shiatsu am Arbeitsplatz, Karriere- und Mentalcoaching, Biokost mit Kalorieninfo in der Kantine, in der neuerdings auch mittags zu DJ-Klängen abgetanzt werden darf. Derzeit überbieten sich Unternehmen mit Angeboten, die die Gesundheit ihrer Mitarbeiter fördern und die Wellness am Arbeitsplatz steigern sollen.

Anreiz: Gesundes Leben
„Schönwetterprogramme“, nennt das Christian Havranek, geschäftsführender Gesellschafter von Deloitte Human Capital, und sieht in diesen Formen betrieblichen Gesundheitsmanagements eine Komponente des Anreizwesens neben Gehalt, Bildung und Mobile Working.

Altersgerechtes Arbeiten sieht er als ein echtes Thema in der Produktion, wo es Lösungen zu finden gilt, wie Menschen auch in körperlich belastenden Berufen länger in der Erwerbstätigkeit zu halten sind. „Die Frage lautet: Wie müssen sich Arbeitsplätze verändern, damit Leute ab 55 plus nicht jedes Jahr länger in Krankenstand gehen?“, sagt Havranek.

Franz Nigl, Leiter der Personalabteilung der Österreichischen Post: „Das Pensionsalter wird hinaufgesetzt, die Arbeit nicht leichter. Es gilt vor dem Hintergrund längerer Lebensarbeitszeiten, die Mitarbeiter länger fit zu halten. Die arbeitsmedizinische Betreuung von Schwerarbeitern nach dem State of the Art, die schon bei der Einschulung beginnt, hat bei der Post eine lange Geschichte.“

Den heikelsten Teil betrieblichen Gesundheitsmanagements sieht Personalberater Havranek aber dort, wo es nicht um physische, sondern um psychische Belastungen geht. Und diese sind keine Randerscheinung: „Stress ist das zweithäufigste arbeitsbedingte Gesundheitsproblem in Europa“, weiß Julia Nedjelik-Lischka, Expertin der Arbeiterkammer-Abteilung Sicherheit, Gesundheit und Arbeit. Stress vernichtet nicht nur individuelle Gesundheit, sondern verursacht enormen betriebs- wie volkswirtschaftlichen Schaden: Laut Studien betragen die Folgekosten psychischer Arbeitsbelastungen 1,2 Prozent des BIPs oder 3,3 Milliarden Euro jährlich.

Verpflichtende Evaluierung
Eine Novelle des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes im vergangenen Jahr rückte die Evaluierung psychischer Belastungen stark in den Mittelpunkt. Im Rahmen der EU-Kampagne „Den Stress managen“ versuchen die Sozialpartner und die Arbeitsinspektion, das Thema Evaluierung psychischer Belastungen in die Betriebe zu transportieren. Anlass dafür gab die epidemische Zunahme an Burn-out-Erkrankungen, oft bei jüngeren Menschen. Dabei brauchten auch die Vorgesetzten Coaching, nicht nur die Erkrankten, sind sich Managementexperten einig.
„Mit der Psyche der Mitarbeiter sind wir in völlig neuer Form konfrontiert. Hier gilt es, nicht nur die Mitarbeiter zu betreuen, sondern auch die Führungskräfte zu schulen“, konstatiert Nigl.

Die Post, die im Gegensatz zu anderen Großunternehmen die Gesundheitsbetreuung ihrer Mitarbeiter nicht ausgelagert hat, sondern noch neun Arbeitsmediziner beschäftigt, setzt hier auf einen ganzen Maßnahmenkatalog. Neben der subjektiven Stressmessung und Evaluierung durch ein externes wissenschaftliches Institut wurden Hotlines eingerichtet und externe Vertrauensärzte und -coaches miteingebunden. Auch laufende Mitarbeiterbefragungen, deren Evaluierung und das anschließende Schnüren von Maßnahmepaketen gehören zum Programm Gesundheit.

Laut Nedjelik-Lischka liegt die Quelle krankmachender Faktoren oft in der Unternehmensorganisation selbst begründet. Fehlende Eigenkontrolle, Anerkennung und/oder soziale Unterstützung würden die Belastungen erhöhen. Sicherer Arbeitsplan, faire Entlohnung und Aufstiegschancen wirkten sich hingegen positiv auf die (seelische) Gesundheit aus.

Dass das Stressempfinden individuell stark divergiert, weiß auch Nigl: „Manche Mitarbeiter fühlen sich in den Filialen an den Schaltern schon enorm gestresst, wenn drei Leute davor angestellt sind. Andere bleiben ganz ruhig und arbeiten einfach einen Auftrag nach dem anderen ab.“

Was bringen Stressmessungen?
Wie weit die inzwischen gesetzlich vorgeschriebenen Stressmessungen und -evaluierungen zu einem objektiven Ergebnis führen können, bleibt aber noch abzuwarten. In jedem Fall werden Mitarbeiter nicht nur bei der Post vermehrt dazu angehalten, selbst rechtzeitig zu kommunizieren, wenn sie sich überfordert fühlten, unter zu starkem Zeitdruck, unter Lärmbelästigung oder sonstigen Beeinträchtigungen stehen.

„Bringschuld oder Holschuld? Diese Frage stellt sich wie jene nach der Eigenverantwortung um das persönliche psychische Wohl“, meint Havranek, der erlebt, dass nicht nur Führungskräfte, sondern auch Betriebsärzte mit der geforderten Früherkennung von Burn-out-Symptomen überfordert sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2014)

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