Als originellstes Projekt der Wiener Festwochen hat sich die Off-Schiene „Into the City“ etabliert. Sie gibt auch Aufschluss über neue Sehweisen. Eintritt frei. Heuer geht es um Integration und Fußball.
Night of Love Songs: 20.000 Menschen drängten sich bei diesem der Prostitution gewidmeten Festwochen-Abend 2006 am Gürtel. Erstmals begegneten hier einander öffentlich zwei Gruppen, die es sonst nur im Geheimen treiben: Freier und Huren.
Als elitäre Veranstaltung für eingeweihte Kunst-Liebhaber gelten die Festwochen. Aus dieser Falle versuchen sie immer wieder auszubrechen – seit 2006 mit der von Musik-Journalist Wolfgang Schlag programmierten Schiene „Into the City“. Heuer gibt es nur vier, dafür etwas aufwendigere Produktionen: Für eine Ausstellung im „Zoom“-Kindermuseum haben Migranten-Kids ihre Welt aufgenommen („Schwarz/Weiß“ 16.-24. 5. im MQ. Der Katalog erscheint im Folio-Verlag). Zur Ausstellung passt eine Filmpräsentation im Votivkino: „The Black List“, Interviews mit afroamerikanischen Persönlichkeiten, Athleten, Wissenschaftlern, Politikern (18./25. Mai).
Im Augarten gibt es ein Fußball-Picknick mit der Linzer Hiphop-Band Texta und Musik aus dem Kosovo (1. Juni ab 14h). Budapester Künstler erzählen von der Josefstadt, in Budapest und in Wien, wo sie gleichermaßen der achte Bezirk ist („Mitten im Achten“ 6., 7., 8. Juni). Was macht die „neuen“ Kulturkonsumenten aus? Sie drängen sich bei Events. Sie lieben exotische Häppchen und Plätze. Sie sitzen ungern still. Sie sind geprägt durch Bild, Film, Musik, nicht mehr durch das Wort oder durch Bücher? „Mir ist am liebsten das Wort Flanieren, weil das ein stadthistorisches Phänomen ist“, sagt Schlag. Klar, das Abhaken von Orten, Events gehört dazu. Es gibt aber auch genügend Fans epischer Darbietungen, diese kommen heuer bei der Wissenschafts-Performance in der Technischen Universität auf ihre Kosten („science.art.music“ 24. 5., ab 19h).
Dass solche Shows derzeit groß in Mode sind, hört Schlag nicht so gern. Das Besondere der Festwochen-Performance sei, dass sie zeige, wie Künstler die Wissenschaft inspirieren. Schlag kauft bewusst keine teuren Produktionen und Promis von weither ein: „Ich kenne das Potenzial in Österreich sehr gut. Es ist hervorragend. Texta sind eine der besten Hiphop-Bands im deutschen Sprachraum, bei Festivals wie Frequency (in Salzburg) oder Nova Rock (in Nickelsdorf) kommen sie aber nicht vor.“ Was ist der Auftrag von „Into the City“? Das angestammte Festwochen-Publikum und die Jungen zusammenzubringen, an ungewöhnlichen Orten, bei ungewöhnlichen Themen, siehe Night of Love Songs; ferner Migration, Fremde. Wer weiß, dass in Wien 25.000 Kosovaren leben? Ost-Kultur soll die nächsten Jahre verstärkt präsentiert werden. bp
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2008)