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Tinnitus, der Terror in den Ohren

(c) Bilderbox
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Therapien. Es gibt rund 400 Ursachen für Ohrgeräusche. Vielfältig sind auch die Behandlungsmöglichkeiten – von Psychotherapie bis Elektrostimulation.

Manche werden fast verrückt dabei: Es zischt, es pfeift, es hämmert, es klingelt, es brummt – ununterbrochen hört man etwas, nie Stille, nie Ruhe. Unter Tinnitus, den lästigen bis quälenden Ohrgeräuschen, leiden 800.000 bis eine Million Österreicher. Manche so sehr, dass sie nicht mehr schlafen können, depressiv werden, Job und Lebensfreude verlieren.


Schnitt sich das Ohr ab

Von Vincent van Gogh wird berichtet, dass er sich sein linkes Ohr abgeschnitten habe – auf Grund des unerträglichen inneren Surrens. Und der von Tinnitus geplagte Komponist Ludwig van Beethoven schrieb: „Meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort, ich kann sagen ich bringe mein Leben elend zu“. Das war im Jahr 1801.

Heute hat die Wissenschaft noch immer nicht einen eindeutigen Auslöser für die Ohrgeräusche gefunden. Es gibt angeblich 400 Gründe für Tinnitus – von Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen und Kiefergelenks-Schäden über zunehmende Lärmbelastung in Freizeit und Beruf, Fehlernährung, Halswirbelsäulen- und Schilddrüsen-Erkrankungen bis zu lang dauernden Ohr-Entzündungen, Beeinträchtigung der Haarzellen im Innenohr und massiven psychischen Belastungen.


Tinnitus im Kopf, nicht im Ohr

„Es kommt sehr häufig vor, dass Nervenzellen der Ohrbahnen gestört sind und die senden falsche Signale ans Gehirn“, weiß die Wiener HNO-Ärztin Dr. Anna Zimmermann, seit Jänner 2005 selbst von Tinnitus betroffen. „Da steckt aber keine Krankheit dahinter, das ist eine Funktionsstörung.“

Häufig lässt sich auch keine konkrete körperliche Ursache finden. „Eines ist unbestritten: Stress und Überforderung haben unglaublich viel mit Tinnitus zu tun“, vermerkt der Wiener HNO-Facharzt Dr. Andreas Wolken, der sich seit Jahren mit diesem Phänomen auseinandersetzt.


Der Hilflosigkeit entkommen

Neuere Forschungen gehen in Richtung Gehirn: Bestimmte Tinnitus-Formen, so die These, seien nicht Problem des Gehörs, sondern des Gehirns. „Man hat mittels bildgebender Verfahren eine höhere Aktivierung im auditiven Cortex, einem Bereich der Großhirnrinde, der der Verarbeitung und dem Bewusstwerden von akustischen Reizen dient, nachgewiesen“, sagt Dr. Karoline Verena Greimel, Psychologin und Leiterin der Tinnitus-Ambulanz am LKH Salzburg. Sie hat letzte Woche beim internationalen Tinnitus-Symposium in Graz über „Psychologie und Hören“ referiert.

„Wir Psychologen haben in der Tinnitus-Therapie immer schon versucht, beim Gehirn anzusetzen und eine Veränderung der Bewertung der Geräusche und der dadurch ausgelösten Gedanken und Gefühle zu erreichen.“ Jede akustische Wahrnehmung werde immer auch individuell verarbeitet und beurteilt. Daher ginge es in der Psychotherapie zum einen darum, die Ohrgeräusche mit positiveren Emotionen zu belegen und anders zu bewerten. „Und zum anderen ist es wichtig, dass die Patienten aus der Hilflosigkeit herauskommen, dass sie den Geräuschen nicht mehr ausgeliefert sind, dass sie wieder Kontrolle darüber erhalten.“

Wenn die Gedanken ständig um den Tinnitus kreisten und man immer wieder und immer mehr auf die Geräusche hinhorchen würde, „dann verstärkt sich die Aufmerksamkeit darauf, das ist wie ein Vergrößerungsglas auf unsere Wahrnehmung. Dann wird Tinnitus viel intensiver erlebt.“

Tinnitus-Bewältigungsprogramme brächten sehr gute Erfolge. „Nicht im Sinne der Geräusch-Beseitigung, sondern bezüglich der Bewältigung.“ Der Tiger Tinnitus würde dann zum zahmen Kätzchen, „man kann ihn dann betrachten, wie das Geräusch eines PCs oder Kühlschranks.“

Ebenfalls auf eine Verhaltensänderung zielt die Grinberg-Methode ab. „Ich zeige den Menschen, wie sie Anspannungen im Augen-, Nacken- und Schulterbereich reduzieren und Entspannungsfähigkeit aufbauen können“, schildert die Grinberg-Trainerin Marion Weiser. Sie hält Tinnitus-Workshops, die sie als Art „Training zur Selbsthilfe“ versteht. In einem zweiten Level wird dann trainiert, wie man emotionalen Stress erkennen und bewältigen kann. „Ich lerne, in meinen Körper hineinzuspüren, damit ich überhaupt loslassen kann.“

In einer dritten Stufe geht es dann darum, den Lärm im Kopf loszulassen, quälende Gedankenspiralen zu reduzieren, Stille aufzubauen und aus sich selbst Kraft zu schöpfen, um aus dem Rad herauszukommen. Das soll unter anderem durch spezielle Konzentrations-, Atem- und Stille-Übungen erreicht werden. „Je mehr ich spüre, was mir Kraft gibt und was mir Kraft nimmt, desto besser kann ich auch mit Tinnitus umgehen“, ist Weisers Devise.


Wechselfelder gegen Geräusche

Die Devise des Kärntner Technikers Gerald Neuwirth: „Ein Magnetfeld-Therapiegerät erzeugt schwache elektromagnetische Wechselfelder. Nach dem Prinzip der Elektrostimulation werden somit gestörte Nervenzellen im Innenohr oder entlang des Hörnervs stimuliert und reaktiviert, die Durchblutung im Innenohr wird verbessert. Damit können in vielen Fällen Ohrgeräusche reduziert werden.“ Neuwirth, selbst elf Jahre lang von Tinnitus geplagt und ärztlicherseits „austherapiert“, hat sein Leiden mit seiner eigenen Erfindung „Tiex“ kuriert.


Gute Erfahrungen

Das Gerät, das aussieht wie ein Walkman mit übergroßen Kopfhörern, wurde vom norwegischen Arzt und Tinnitus-Spezialisten Dr. Paal Bentsen im Rahmen einer Studie an 44 Patienten von durchschnittlich 63 Jahren getestet. Ergebnis: Bei 55 Prozent der Patienten zeigte sich eine Besserung (von einer mittleren Geräusch-Reduktion bis zur kompletten Tinnitus-Heilung).

Auch Dr. Wolken hat gute Erfahrungen mit Tiex gemacht, jedoch nicht in diesem Ausmaß: „Bei meinen Patienten sah ich eine Erfolgsrate von rund 20 Prozent.“ Allerdings, so Wolken, habe es sich vielfach um Patienten gehandelt, die schon viele Therapien erfolglos ausprobiert hatten. Und mehr als 20-prozentiger Erfolg, so der Wiener HNO-Arzt, sei derzeit bei keiner einzigen anderen Tinnitus-Therapie möglich.


Entschleunigung enorm wichtig

Was aber nicht heißt, dass ein Patient, der auf Therapie X nicht anspricht, nicht von der Behandlung Y profitieren würde. „Niemand soll die Hoffnung zu früh aufgeben, jeder sollte für sich Bewältigungsstrategien finden, um die Ohrgeräusche zu kompensieren“, betont die Ärztin Anna Zimmermann und rät vor allem auch zur Prävention. Unter anderem durch Reduktion von Lärmbelastung und Stress. „Wenn wir nicht schleunigst beginnen, uns zu entschleunigen, wird das Leiden Tinnitus noch mehr explodieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2008)