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Wie die Blumenwiese verschwindet

Loewenzahnwiese - a meadow gay with dandelion
(c) www.BilderBox.com

Seit den 1970er-Jahren werden artenreiche Wiesen von stark gedüngten Wiesen verdrängt. Ökologen warnen vor Verlust der Artenvielfalt – und finden vorerst nur bei Hobbygärtnern Gehör.

Wien. Der Biene ist es zu verdanken, dass langsam, aber doch die bunte und artenreiche Blumenwiese ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt. Wenn auch mit ordentlicher Verspätung, wie manche Ökologen und Naturschützer meinen. Immerhin ist die klassische bunte Blumenwiese, allen voran die Magerwiese, in den vergangenen 30 Jahren immer seltener geworden. So selten, dass nicht nur die Bienen, sondern ganz allgemein die Artenvielfalt bedroht ist.

„Vor 30, 40 Jahren hat man die normale Futterwiese zwei bis drei Mal gemäht und kaum gedüngt, dadurch war die Wiese automatisch bunt und hatte 30 bis 40 verschiedene Pflanzenarten“, erklärt Georg Grabherr, Ökologe an der Uni Wien. Heute hingegen habe sich das durch die Intensivierung der Landwirtschaft massiv geändert. „Heute kommt eine Wiese auf fünf bis zehn Arten, gemäht wird bis zu sieben Mal im Jahr.“ Wobei das kein österreichisches Problem ist. So habe man in der Schweiz die Glatthaferwiese untersucht. „Früher war das eine tragende Säule der Milchwirtschaft, heute sind in der Schweiz davon nur noch vier Prozent vorhanden. Bei uns wird das ähnlich sein“, so Grabherr.

 

Rückgang bis zu 80 Prozent

Mitschuld an dieser Entwicklung seien auch die Fortschritte in der Rinderzüchtung. So gab eine Kuh vor 40 Jahren jährlich bis zu 5000 Liter Milch, heute sind es bis zu 12.000 Liter. Grabherr ist, ähnlich wie seine Kollegen, aber darum bemüht, nicht den Landwirten die Schuld zu geben, immerhin haben sich diese – wie alle anderen eben auch – auf Produktionssteigerung konzentriert. „Die haben das gemacht, was alle tun, eine Lösung genommen, die ihnen Erleichterung bringt“, sagt er in Hinblick auf die heutige Silage-Fütterung. Das Verschwinden der Artenvielfalt auf den Wiesen ist allerdings eher ein Problem in den Tallagen. „Auf den Bergwiesen schaut es noch um einiges besser aus.“

Hans Uhl von Birdlife Österreich spricht gar von einem Rückgang der artenreichen Blumenwiesen von 70 bis 80 Prozent. „Betroffen ist davon zum Beispiel das Braunkehlchen. Früher war das eine charakteristische Vogelart in Ober- und Niederösterreich und der Steiermark“, erklärt Uhl. So gab es in den 1970er-Jahren bis zu 3000 Paare des Wiesenbrüters. „Heute gibt es zwischen 60 und 70 Paare.“ Auch das Rebhuhn leidet unter dem Rückgang der Blumenwiesen. „Die Zahl der Rebhühner ist in den letzten 30 Jahren um 94 Prozent zurückgegangen. Der Hauptfaktor liegt in der Intensivierung der Landwirtschaft“, sagt Uhl. Dass im Zuge des Themas Bienensterben viele Hobbygärtner wieder vermehrt auf Nützlinge und deren Nährboden setzen – und etwa Blumenwiesen säen –, begrüßt er zwar. Wirklich ins Gewicht falle das aber nicht. „Landwirte haben allein durch die Flächendimension eine viel größere Verantwortung. Das Revier von einem Paar Braunkehlchen ist 15 bis 20 Hektar groß.“ Uhl ist es wichtig anzumerken, dass man den Hobbygärtner angesichts einer völlig anderen ökonomischen Ausgangslage nicht mit dem Landwirt vergleichen kann. Er würde sich seitens der Politik mehr Förderungen und Beratung für die Landwirte wünschen.

Die Biologin vom Verein Bienenschutzgarten, Carmen Dandl-Zwetti kritisiert, dass gedüngte Silage-Wiesen im Vergleich zu Magerwiesen wesentlich stärker gefördert würden. So sei im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU eine Änderung der Direktförderungen geplant, die eine Verschlechterung für Naturschutzflächen und Wiesen mit sich bringe. „Ein Beispiel: Künftig soll ein Landwirt für jeden Hektar leicht bewirtschaftbare und mit Gülle gedüngte Silage-Wiese 294 Euro Direktzahlungen erhalten. Gleichzeitig soll ein Landwirt für weniger ertragreiche, schwer zu bewirtschaftende, naturnahe Blumenwiesen, Weiden oder Almen nur 73,50 Euro bekommen.“ Wenig gedüngte, sogenannte Magerwiesen, seien aber nicht nur für Wildbienen wichtig. „Ein magerer Standort bedeutet mehr Vielfalt, dann ist die Wiese auch richtig bunt, also auch blau, violett und rot. Während es sich bei der weiß-gelben Suppe um eine artenarme Fettwiese handelt.“

Dass das Bewusstsein für das Thema vor allem bei den Hobbygärtnern steigt, hat man auch bei der niederösterreichischen Beratungsstelle „Natur im Garten“ wahrgenommen. Vor 15 Jahren hat man dort damit begonnen, naturnahe Gärten mit einer Plakette auszuzeichnen. „Damals waren es rund 20 Gärten, heute sind es ca. 12.300“, sagt der fachliche Leiter Joachim Brocks. Und: „Das Thema Nützlinge ist in den letzten fünf Jahren sehr populär geworden. Das hat auch mit den Bienen zu tun, die haben stark emotionalisiert.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2014)