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„Die Neger“: Nicht für Schwarze – gegen Weiße!

Probenfoto
(c) Röder / JU Ostkreuz
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Werden Aktivisten die Bühne stürmen, wenn die Wiener Festwochen am Dienstag Jean Genets „Die Neger“ aufführen? Das Stück hat schon vor 50 Jahren schwarze Bürgerrechtler begeistert – und empört.

Ich bin ein Neger“, sagte Jean Genet selbst: „Je suis un nègre.“ Er meinte es symbolisch und im Zusammenhang mit seinem Stück „Les nègres“. Am Dienstag hat es in einer Inszenierung des Niederländers Johan Simons Premiere bei den Wiener Festwochen – und seit Monaten gibt es Proteste dagegen: gegen die schwarz geschminkten Gesichter auf den Plakaten, die schwarzen Masken in der Aufführung, denn beides sei ein Mittel rassistischer Darstellungstradition; vor allem aber gegen den Titel „Die Neger“. Österreichische Autoren wie Jelinek und Turrini haben diesen verteidigt, der Regisseur Johan Simons war bereit, ihn zu ändern, durfte aber nicht (der deutsche Übersetzer Peter Stein verbot es); und so wird am Dienstag vielleicht wirklich eintreten, was Simons den Schauspielern prophezeite: Sie müssten in den ersten fünf Minuten ihr Bestes geben, bevor Aktivisten die Bühne stürmen.

 

Jean Genet, der „poète maudit“

Genet, Skandal: Diese Worte wurden auf dem Theater lange in einem Atemzug genannt. Genet, bis heute am meisten für das Drama „Die Zofen“ bekannt, war in den Sechzigerjahren, zum Teil noch bis seinem Tod (1986) Inbegriff des „poète maudit“: ein Dichter aus der Gosse, uneheliches Kind, aufgewachsen bei Pflegeeltern und bald in Besserungsanstalten, Prostituierter, Dieb, jahrelang in Haft, wo er zu schreiben begann. Der (ebenfalls homosexuelle) Dichter Jean Cocteau entdeckte ihn, Sartre stilisierte ihn zum „Heiligen“, bot nach dem Krieg gemeinsam mit Picasso an, statt Genets ins Gefängnis zu gehen. Genet wurde begnadigt, schrieb noch ein paar Stücke und verstummte dann. „Les nègres“ war sein vorletztes, es entstand 1958, kurz bevor Frankreichs Kolonien in Afrika ihre Unabhängigkeit erklärten.

Die Uraufführung in Paris regte auf, aber aus gegenteiligen Gründen wie jetzt in Wien. Der Schriftsteller Eugène Ionesco verließ das Theater, er verstand, was Genet selbst versicherte: „Les nègres“ war nicht für Schwarze, sondern gegen Weiße geschrieben. Schwarze Schauspieler führten darin deren groteske Vorstellungen von „den Negern“ vor: Vor einem weißen Hofstaat (bei Genet weiß maskierte Schwarze) spielen Schwarze die Ermordung einer Weißen, samt anschließender Verurteilung durch ein weißes Gericht. Am Ende fällt der weiße Hofstaat mit der Königin an der Spitze, die im Stück für eine ganze sterbende Zivilisation aus Kathedralenfenstern oder auch Tiroler Liedern steht. Und hinter den Kulissen scheint der Kampf gegen die kolonialen Unterdrücker zu beginnen. Der Text war 1959 mehr, als sogar viele schwarze Schauspieler in Frankreich vertragen konnten. Es war schwer, heißt es, in den Schauspielern den nötigen Hass für die Aufführung zu entfachen. Diese wurde ein Triumph, bald wurde das Stück auf Englisch übersetzt.

Der Titel „The Niggers“ war selbst Genet zu explosiv, aber er wollte das Pejorative, man wählte „The Blacks“. 1961 zündete das Stück in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, wurde in vier Jahren über 1400 Mal aufgeführt. Aber – und das ist im Hinblick auf den aktuellen Streit interessant – manche schwarzen Aktivisten lehnten das Stück ab. Genet spiele mit Abstraktionen, er interessiere sich nicht für das Schicksal realer Schwarzer, auch er sehe sie als das faszinierend Exotische. „The Blacks“ sei „eine Konversation weißer Männer über sich selbst“.

 

Genet sah sich selbst als Unterdrückten

Haben sie Genet nicht verstanden? Vielleicht haben sie ihn zu gut verstanden. Er konnte wirklichen Revolutionen nichts abgewinnen, in einem späten Interview brachte er es auf den Punkt: „Mein Standpunkt ist sehr egoistisch. Ich möchte, dass die Welt sich nicht verändert, damit ich mir erlauben kann, gegen die Welt zu sein.“ Nicht nur seine Dichtung, auch seine Biografie belegt das. Egal, ob er sich später für die militanten Black Panthers in Amerika erwärmte oder für die Palästinenser (nur solange sie keinen eigenen Staat hatten), immer war seine Sympathie eine ästhetisch-erotische. „Les nègres“ stehe für alle Unterdrückten, sagte er, und als solcher sah er sich selbst. Aber nicht die Befreiung aus dem Herr-Knecht-Verhältnis steht im Mittelpunkt (die in der Regel nicht gelingt, auch in „Les nègres“ alles andere als klar ist und vielleicht gar nicht wirklich gewünscht), sondern das (sadomasochistisch) gefärbte Abhängigkeitsverhältnis selbst.

Genet politisch korrekt, geht das? Moral interessierte den Dichter nicht. Derselbe erklärte Hass des Außenseiters auf Frankreich, der in „Die Neger“ zum Hass auf „die Weißen“ wird, hat Genet auch (zumindest eine Zeit lang) zum Fan Hitlers gemacht – weil der Frankreich überrollt und gedemütigt hatte.

Trotzdem eignet sich „Les nègres“ auch heute noch für Auseinandersetzungen mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, mit den Zerrbildern vom „anderen“ – vor allem dann, wenn man den Text als freie Spielwiese benutzt. Das tut der Niederländer Johan Simons, und angesichts dieses freien Umgangs hätte man das Stück auch problemlos und durchaus sinnvoll von „Die Neger“ in „Die Weißen“ umbenennen können. Peter Stein, der sein Veto eingelegt hat, ist selbst nicht das beste Beispiel für Werktreue. Genet erlaubte ihm zwar ausnahmsweise, statt schwarzer Schauspieler weiße einzusetzen (wie es jetzt auch Simons tut). Aber er klagte danach, Stein habe sein Stück „ausgeblutet“ – „saigné à blanc“, was wörtlich, höchst passend, „weißgeblutet“ heißt.

Selbst wenn der Titel anders lautete, das N-Wort wäre freilich immer noch unzählige Male bei den Festwochen präsent – im gesprochenen Stücktext. Aus diesem lässt es sich nun einmal nicht ausradieren. Haben die Aktivisten unrecht, sich dagegen zu empören? Natürlich kann man sie als ahnungslose Polizisten politischer Korrektheit abtun. Aber vielleicht schwingt in ihrer Ablehnung auch ein Nachhall jenes Unbehagens mit, das schon vor einem halben Jahrhundert afroamerikanische Kritiker spürten: das Misstrauen jener, für die Rassismus bittere Wirklichkeit war, gegenüber jenen, für die es, letztlich und trotz allem, „nur“ Theater ist, ein Spiel, mit Worten. Man kann gespannt sein, wie die Begegnung dieser Welten bei den Festwochen funktionieren wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2014)