Staatsoper: Neuer, beachtlicher Versuch mit Erich Wolfgang Korngolds Schlager.
„Ausverkauft“, prangt auf der Sitzplatzkassa – und das bei einem Werk, das noch vor wenigen Jahren als unverkäuflich galt! „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold, einst ein Sensationserfolg, dann als „entartet“ verpönt, und nach 1945 zum Leidwesen des Komponisten, der das noch erleben musste, nicht mehr in den Spielplänen durchzusetzen . . .
Erst die postmoderne Wende in der Kunst hat dem glitzernd orchestrierten Psycho-Drama um Trauerarbeit und Vergangenheitsbewältigung eine neue Chance beim Publikum gegeben. Es ist dem amtierenden Staatsopern-Chef Ioan Holender hoch anzurechnen, dass er immer neue Protagonisten für das schwer, weil anspruchsvoll zu besetzende Werk sucht, um seine Repertoire-Tauglichkeit unter Beweis zu stellen.
In der „Wiederaufnahme“ von Willy Deckers vorsichtig stilisierender, kluger Inszenierung sah sich die bewährte, schauspielerisch glänzend differenzierende, vokal imposante Marietta Angela Denokes konfrontiert mit neuen Verehrern: Klaus Florian Vogt, ähnlich hell timbriert wie die Verführerin, vermag die höllisch schwere Partie des Paul – wiewohl weniger leuchtkräftig bei Simme als die Primadonna – mit erstaunlich viel lyrischen Qualitäten aufzuladen. Er betont das Liedhafte in Korngolds Schreibweise, geht aber nirgegendwo in den orchestralen Wogen unter, liefert vielmehr, von wenigen, allzu gradlinig absolvierten Spitzentönen abgesehen, auch die dramatischen Passagen der Selbstzweifel und seelischen Qualen mit sicherem theatralischem Instinkt.
Mild oder beißend scharf
Markus Eiche als baritonaler Widerpart verleiht dem Freund Frank einen Ton fürsorglicher Milde, parliert hingegen, wie es nötig ist, beißend scharf in der Alptraumszene – er könnte wohl auch das Tanzlied des Pierrot belcantesker phrasieren, wenn Philippe Augin am Dirigentenpult ein wenig geschmeidiger auf Korngolds melodische Elegance einginge.
Wenn Klimt-Ornamente klingen
Der Debütant sorgt immerhin für einen reibungslosen Ablauf der komplizierten Partitur. Er hält das mehrheitlich gut besetzte Ensemble, ja beinahe sogar den Kinderchor auf Kurs. Janina Baechle gibt die treu sorgende Haushälterin, die Komödianten werden von Adrineh Simonian und Michael Roider angeführt. Augin gibt auch dem Orchester genügend Sicherheit, die dem Stück innewohnende wienerische Klangsinnlichkeit wenigstens anzudeuten, wenn schon nicht freizügig auszukosten. Die tönenden Ornamente der Klimt-Ära funkeln jedenfalls reizvoll und abwechslungsreich genug, um im Auditorium hörbar für volle Zufriedenheit zu sorgen.
Die tote Stadt: Aufführungen 5, 9, 12, 16. Mai.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2008)