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Keine Frauendomäne: Männer und Depression

Depressionen
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Leiden wirklich mehr Frauen an Depressionen? Die Medizin geht nun auf geschlechtsspezifische Unterschiede ein.

„Frauen leiden angeblich viel häufiger an Depressionen. Statistisch gesehen sollen sie doppelt so oft betroffen sein wie Männer. Aber stimmt das?“, fragt Anita Rieder, Leiterin des Instituts für Sozialmedizin der Medizinischen Universität Wien. „Bei Männern äußern sich Depressionen nur anders, daher werden die Symptome häufig verkannt“, ergänzt Henriette Walter, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie an der Medizinischen Universität Wien. „Depressive Männer sind grantig, unleidlich, missmutig, gereizt. Sie neigen zu Alkoholmissbrauch und Aggression, während Frauen eher mit Rückzug, Traurigkeit, Schuldgefühlen reagieren.“ Jahrzehntelang gab es in der medizinischen Literatur und Praxis keine weiblichen und männlichen Depressionssymptome, „heute geht man immer öfter darauf ein“, so Walter.

Depression nach der Geburt. „Frauen mit Depressionsproblemen gehen viel häufiger zum Arzt, suchen viel früher Hilfe. Männer kommen – wenn überhaupt – erst, wenn es brennt“, weiß Rieder. Da ist es dann auch nicht verwunderlich, dass dem weiblichen Geschlecht viel häufiger die Diagnose Depression gestellt wird. „Bei Frauen sind Depressionen sicher überdiagnostiziert, bei Männern ist das Gegenteil der Fall“, sagt Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien. Depression passe einfach nicht ins Männerbild, Burn-out schon eher. Kautzky-Willer: „Dabei haben gar nicht so wenige Männer auch eine postnatale Depression, im Volksmund Baby Blues, der eigentlich nur Frauen zugeschrieben wird. Männer leiden darunter, dass sie nun nicht mehr im Mittelpunkt stehen, dass ihre Ehefrau nun mehr oder weniger rund um die Uhr für den Säugling da ist und weniger Interesse an ihrem Mann und an Sex zeigt.“ Klar äußert sich auch diese Art der Depression beim Mann verstärkt mit Aggression und Gereiztheit, einen Psychotherapeuten oder Psychiater wird er deswegen nicht aufsuchen.

In einschlägigen Praxen herrscht Frauenüberschuss. Es liegt daher eigentlich auf der Hand, dass ihnen viel öfter und viel mehr Psychopharmaka verschrieben werden. „Frauen erhalten um etwa 70 Prozent mehr Antidepressiva“, sagt Walter, „Männer bekommen wahrscheinlich zu wenig davon.“ Dennoch wurden sehr viele auf dem Markt befindliche Antidepressiva vor allem am männlichen Geschlecht getestet. „Erst vor Kurzem hat sich das geändert“, bekrittelt Walter. Daher weiß man noch gar nicht so lang: Bei Frauen wirken Antidepressiva viel stärker, sie haben bei gleich hoher Dosis viel höhere therapeutisch wirksame Spiegel davon im Blut, „dies sollte von Anfang an in den Dosierungen berücksichtigt werden“, fordert Christiane Handl, ärztliche Leiterin des Fachbereichs Rehabilitation psychischer Erkrankungen im Lebensresort Ottenschlag.

Vorsicht sei auch bei einer anderen Gruppe von Psychopharmaka geboten: Neuroleptika (sie werden hauptsächlich zur Behandlung von Halluzinationen eingesetzt, die bei psychischen Störungen auftreten können; aber auch als Beruhigungsmittel und in neuerer Zeit immer öfter bei Depressionen) führen öfter bei Frauen als bei Männern zu Herzrhythmusstörungen. Handl: „Wenn Frauen über längere Zeit Neuroleptika erhalten, sollten sie auf das höhere Risiko aufmerksam gemacht und engmaschiger kontrolliert werden.“

Antidepressiva machen Frauen dicker.
Jene Antidepressiva (und auch andere Medikamente) wiederum, die zu einer Gewichtszunahme führen, tun das bei Patientinnen stärker als bei Männern. „Daher setzen viele Frauen die Therapie oft aus diesem Grund eigenständig ab.“ Männer, die überhaupt Antidepressiva schlucken, brechen eine Therapie häufig aus anderen Gründen ab, „zum Beispiel, weil manche Antidepressiva die Potenz beeinträchtigen können“, sagt Walter. Und allein das könne so manchen Mann erst recht depressiv machen.

die Unterschiede

Für mehr männerspezifische Aufklärung und Angebote in der Medizin sowie für mehr männerbezogene Zugänge zum Gesundheitswesen setzt sich die neue österreichische Gesellschaft für Mann und Gesundheit (ÖGMuG) ein. „Daher wollen wir unter anderem ein Netzwerk schaffen, das Männern die Arztsuche im Internet erleichtert“, meint Michael Eisenmenger, Präsident der ÖGMuG.
www.mann-und-gesundheit.at

Einen Lehrstuhl für Gender-Medizingibt es an der Medizinischen Universität Wien seit 2010. Wegen des großen Interesses wurde der postgraduelle Universitätslehrgang Gender-Medicine nun auch für Pharmazeuten, Ernährungswissenschaftler, Pflegewissenschaftler, Biologen und Soziologen geöffnet.

Diabetes und Geschlecht: Stress und schlechte Bildung erhöhen bei Frauen das Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken, stärker als bei Männern. Frauen mit einer Zuckerkrankheit leiden auch doppelt so häufig an Depressionen wie Männer.

Depressionen und Osteoporose werden bei Männern häufig nicht erkannt, dafür haben Frauen in der Nephrologie, Urologie und Kardiologie oft schlechtere Therapieergebnisse und werden teilweise falsch oder nicht leitlinienkonform behandelt. Auch darum will sich die Österreichische Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin einsetzen.
www.gendermedizin.at

Testosteron. Bei Männern wurde die Sexualhormonproduktion im Rahmen einer US-Studie chemisch völlig stillgelegt. Sie erhielten über Monate Testosteron in unterschiedlicher Dosierung.Jene Männer, die gar kein Testosteron bekamen, nahmen allesamt sofort viel zu, auch an Bauchfett, ihre Muskelkraft verringerte sich dagegen signifikant. Mit steigender Testosterondosis gab es weniger Bauchfett und mehr Muskelkraft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2014)

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