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Der gläserne, vorhersehbare Mensch

Marc Elsberg hat mehr als 600.000 Exemplare von seinem Energiethriller „Blackout“ verkauft.
Marc Elsberg hat mehr als 600.000 Exemplare von seinem Energiethriller „Blackout“ verkauft.Clemens Lechner
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Der Österreicher Marc Elsberg hat mit seinem Bestseller "Blackout" einen Sensationserfolg gefeiert. Sein Nachfolger "Zero" ist thematisch spannend, schwächelt aber erzählerisch.

Marc Elsberg hat von seinem Energiethriller „Blackout“ allein im deutschsprachigen Raum mehr als 600.000 Exemplare verkauft. Darin schilderte der österreichische Autor eindrücklich die Abhängigkeit der modernen Gesellschaft von Strom und was passiert, wenn dieser nicht mehr fließt. Sein Leben hat sich seit dem Erfolg schlagartig verändert. Er reist als gefragter Experte durch halb Europa und kann mittlerweile vom Schreiben leben.

Nun liegt sein neuer Roman „Zero“ vor. Im Zentrum seiner Geschichte stehen diesmal sogenannte Datenkraken, also Konzerne wie Google und Facebook. Diese wissen immer mehr über uns – manchmal sogar mehr als wir selbst. „Wir sind nicht nur gläsern, sondern auch vorhersehbar für viele Unternehmen“, sagt Elsberg zur „Presse am Sonntag“.

Schöne, neue Datenwelt.
In seinem Buch heißt die Datenkrake Freemee. Sie sammelt und analysiert Daten ihrer Nutzer und verspricht im Gegenzug ein besseres und erfolgreicheres Leben. Doch ein Kollektiv von Onlineaktivisten, „Zero“, warnt vor der beliebten Internetplattform. Als in London ein Jugendlicher erschossen wird, beginnt auch die Journalistin Cynthia Bonsant zu recherchieren. Denn der Jugendliche trug zum Todeszeitpunkt eine Datenbrille. Mit dieser konnte er kurz zuvor einen flüchtigen Straftäter identifizieren. Als er diesen verfolgt, wird er von dem Flüchtigen erschossen.

Bonsant steht der rasanten technischen Entwicklung skeptisch gegenüber. Sie ist geschockt, als sie das Geschäftsmodell von Freemee durchschaut: Wer persönliche Daten von sich preisgibt, kann damit Geld machen – und gleichzeitig seinen „Wert“ in der digitalen Welt steigern.

Sogenannte „Act-Apps“ des Konzerns helfen in jeder Lebenssituation – ob beim Laufen, bei der Ernährung oder beim Dating. Dass Privatsphäre zu einem Fremdwort wird, scheint niemanden zu stören. Hauptsache man steigt im sozial relevanten Freemee-Ranking, das es dann wieder ermöglicht, seine Daten lukrativer zu verkaufen.

Elsberg schreibt in „Zero“ über Dinge, die jetzt schon im Ansatz möglich sind oder bald möglich sein werden. Das sei nicht generell negativ zu sehen, sagt Elsberg, der seine Leser mit vielen brisanten Fragen konfrontiert: Wie sehr werde ich manipuliert? Wie viel gebe ich zu welchen Kosten von meinem Leben preis? Habe ich wirklich nichts zu verbergen?

Als Erzähler kann Elsberg diesmal aber leider nicht überzeugen. Zu sehr ist er bemüht, jedes wissenswerte Detail in die Handlung zu pressen. Darunter leiden Dialoge und Figuren. Erstere dienen allzu oft dem Zweck, Botschaften zu vermitteln und Dinge zu erklären. Sie wirken dadurch oft bemüht. Seine Figuren sind eindimensional gezeichnet und bleiben blass. Teilweise kratzen sie am Kitsch. Als sich die über 40-jährige Cynthia, Mutter einer Tochter im Teenageralter, in einen indischen IT-Forensiker verliebt, liest sich das so: „In seinen dunklen Augen kann Cyn nicht lesen, aber das will sie auch gar nicht. Versinken möchte sie darin. Seine Haut schimmerte in der Farbe ewigen Sommers.“Auch inhaltlich wirken manche Dinge unausgegoren. Ein 20-Millionen-Dollar-Angebot von Freemee in der U-Bahn für einen Jugendlichen, der hinter düstere Firmengeheimnisse gekommen ist? Das ist schwer vorstellbar. Die flott zu lesende Verfolgungsjagd in der Wiener Kanalisation wirkt wie eine unglaubwürdige Mischung aus „Dritter Mann“ und „Running Man“. Es ist alles ein wenig zu viel und ein wenig zu plakativ. Wenn man dann auch noch zum zwanzigsten Mal „Willkommen in Paranoia“ liest, stört das ebenfalls. Die Botschaft versteht man auch so.

Zu rasch auf dem Buchmarkt? Elsberg hat mit „Zero“ wieder ein wichtiges Thema aufgegriffen, über das es in der Öffentlichkeit bislang nur wenig bis gar kein Bewusstsein gibt. Allein deshalb sind ihm viele Leser zu wünschen. Allerdings wird man das Gefühl nicht los, dass der Verlag nach dem Erfolg von „Blackout“ auf einen zügigen Nachfolger gedrängt hat. Vielleicht hätte man Elsberg mehr Zeit geben sollen.

Neu Erschienen

Marc Elsberg
„Zero“
Blanvalet
480 Seiten
20,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2014)