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"Watch Dogs": Guter böser Hacker

Alles wird zentral gesteuert – auch Ampeln und Straßenblockaden.
Alles wird zentral gesteuert – auch Ampeln und Straßenblockaden.Ubisoft
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Mit großer Fanfare hat Ubisoft sein neues Spiel "Watch Dogs" auf den Markt gebracht. Das Hacker-Epos weiß zu gefallen, kann aber nicht alle Erwartungen erfüllen.

Wenn alle persönlichen Daten aller Menschen von einem zentralen System verwaltet werden, wie mächtig ist jemand, der Zugriff auf all diese Informationen hat? Und: Was wird er mit dieser Macht anfangen? Diese beiden Grundfragen stecken im Kern des neuen Videospiels „Watch Dogs“ des Herstellers Ubisoft. Der vom Spieler gelenkte Protagonist, Aiden Pearce, hat Zugriff auf gewissermaßen das Betriebssystem von Chicago in der nahen Zukunft. Per Knopfdruck weiß man sofort, wer alle Passanten im Umkreis sind, was sie arbeiten, was sie verdienen, und kann bei manchen Letzteres gleich reduzieren, indem man ihr Bankkonto hackt. Selbstverständlich inkludiert die Allmacht des Hackers auch Kontrolle über Überwachungskameras, die an jeder Ecke positioniert sind, sowie Ampeln, Straßensperren und diverse andere Gegenstände.

Es ist ein umfangreiches Arsenal, das dem Spieler von Anfang an zur Verfügung gestellt wird. Doch wie man es nutzt, bleibt einem selbst überlassen. Will man wirklich 200 Dollar von einem krebskranken Obdachlosen stehlen? Oder wendet man immer gleich tödliche Gewalt an, selbst wenn es möglich wäre, die Gegner nur ins Reich der Träume zu schicken? Apropos Gegner: Natürlich gibt es Widersacher, die der Familie von Pearce ans Leder wollen. So wird (fast schon klassisch) der umfangreiche Gewalt- und Hacking-Einsatz für den Spieler legitimiert – abgesehen davon, dass es durchaus Spaß macht, die technologische Übermacht auszureizen.


Bekannt. Doch die Freude an den Hack-Optionen flaut bald ab. Zu repetitiv nutzt man sie im Lauf des Spiels, und sonderlich anspruchsvoll ist die Aktivität auch nicht. Denn egal, welche Funktion man nutzt, es ist immer dieselbe Taste, die gedrückt werden will. Die einzige Herausforderung in kritischen Sequenzen ist, das richtige Timing zu wählen. Hinzu kommt, dass einem viele Elemente des Spiels recht bekannt vorkommen. Eine offene Spielwelt, in der man ohne sonderliche moralische Bedenken tun kann, was man will? Als einzige Strafe immer intensiver in Erscheinung tretende Polizeiaufgebote, wenn man wie wild um sich ballert? All das kennt man seit 2001, als „Grand Theft Auto III“ auf den Markt kam. Die Hack-Fähigkeiten und die damit aufkommenden Fragen zu Privatsphäre und Überwachungswahnsinn schaffen es aber, „Watch Dogs“ aus der Masse der GTA-Klone abzuheben – „Grand Hack Auto“ gewissermaßen.

Etwas getrickst hat Ubisoft bei den Ankündigungen zu dem Spiel. Bei der ersten Präsentation auf der E3 2012 sah „Watch Dogs“ fantastisch aus. Das Erscheinen der neuen Konsolengeneration im Vorjahr ließ die Hoffnung aufkeimen, dass der Titel die volle Grafikpower dieser Geräte ausreizen würde. Doch obwohl das Spiel durchaus gut aussieht, kommt es selbst auf PlayStation 4, Xbox One und einem PC bei vollen Details nicht an das heran, was auf der Messe vor zwei Jahren als Demo gezeigt wurde.

Trotz der diversen Enttäuschungen bleibt „Watch Dogs“ gute Unterhaltung, die den Spieler stundenlang an den Bildschirm fesseln kann – besonders, wenn man den zähen ersten Teil der Story hinter sich hat. Vielleicht waren die Erwartungen an ein Spiel mit Fokus auf Hacker in Zeiten von Snowden und NSA einfach zu hoch gegriffen. Denn Spaß macht es allemal. Und die guten Verkaufszahlen sind positive Vorzeichen für Fortsetzungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2014)