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Peking-Gastspiel zwischen Nahkampf und Meditation

(c) Festwochen
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Tao Ye gibt bei den Festwochen mit seinen Stücken "4" und "2"Rätsel auf.

Einen ganzen Abend lang darf das Publikum orakeln: Was ist das hier? Im ersten Stück – schlicht „4“ genannt – kommt einem ein kompaktes, stets im Viereck formiertes Grüppchen entgegen, das unwillkürlich an eine Tai-Chi-Stunde denken lässt. Die Bewegungen sind völlig automatisiert und so aufeinander abgestimmt, dass die vier Individuen und ihr ständig im Fluss befindlicher Tanz zu einer Einheit, zu einem gemeinsamen Energiepunkt verschmelzen. Doch die Musik ist zu laut und zu fordernd – das passt nicht. Man denkt unwillkürlich an eine Bedrohung. Ist dieses Quartett mit den eng anliegenden Kappen und schwarz bemalten Gesichtern, die keine Identifizierung möglich machen, ja nicht einmal erkennen lassen, ob hier Männer oder Frauen tanzen, womöglich eine Gruppe Ausgestoßener, die verzweifelt darum ringt, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren? Oder ist es eine Kampftruppe, deren geschwärzte Gesichtszüge den Ingrimm der bevorstehenden Attacke ankündigen sollen? Man weiß es nicht.

 

Einfach zulassen, nicht nachdenken!

Später, nach der Pause, zeigt der chinesische Choreograf und Tänzer Tao Ye mit einer Partnerin das Stück „2“. Es beginnt reglos und schweigend. Bald machen die beiden groteske Verrenkungen, strecken Arme in die Luft, lassen Zehenballen auf den Boden plumpsen, verrenken Arme und Beine oder liegen platt im Herrenspagat, als könnten sie ihre Gelenke wie Puppen in alle Richtungen biegen. Man fühlt sich an Übungen der Shaolin-Mönche erinnert, auch weil beide den Kopf geschoren haben. Mitunter kommt einem die eine oder andere Yoga-Übung unter. Liegen die zwei in Demutshaltung geduckt auf dem Boden, oder sind sie gerade im Nahkampf – bereit zum Sprung? Auch das bleibt ein Rätsel.

Aber ist es denn so wichtig, worum es da gerade geht? Tao Ye gibt seinem Publikum ganz bewusst keine Richtung vor, indem er seine Kreationen nicht benennt, sondern sie einfach durchnummeriert. „Jeder hat dazu seine eigenen Bilder und Gefühle“, sagt er. Für das europäische Publikum ist das ebenso exotisch wie die Tanzsprache des Gründers des Pekinger Tao Dance Theater: Tao Ye bietet nicht nur keine Erklärung, er schickt seine Tänzer auch immer und immer wieder mit den gleichen Bewegungen vor, sodass man sich mit der Zeit fühlt, als wäre man in einer Meditationsübung angekommen: nicht nachdenken, nicht überlegen, einfach zulassen. (i.w.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2014)