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Welch blendende Freak-Show der Künstler!

(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Jan Bosse inszeniert Tschechows "Möwe" mit Witz und leuchtet auch in verborgene Winkel dieser oft gespielten Komödie. Das Ensemble ist phänomenal, speziell Christiane von Poelnitz, Ignaz Kirchner und Daniel Sträßer.

Frühmorgens am Strand von Lignano: Die Möwen lachen. Unheimlich. Ob Tschechow diese Mischung aus Hohn und Bruhaha im Ohr hatte, als er seine Komödie „Die Möwe“ schrieb? Ein Künstlerdrama, in dem bekannte Typen der Branche aufmarschieren: der junge Dichter, die gefeierte Schauspielerin, der Staatsrat i. R., der Autor werden wollte, das junge Mädchen mit romantischen Bühnenträumen. Im Arzt und im erfolgreichen Schriftsteller, der jedoch fürchtet, nie an Tolstoi, Turgenjew oder Zola heranzureichen, hat sich Tschechow, auch Viel- und Lohnschreiber, selbst abgebildet.

Zu Beginn präsentiert der Jungpoet Konstantin auf einem Landgut am See sein Drama, das meist ohne viel Federlesens versenkt wird: verblasenes Geschwätz. In Wahrheit wird Grundsätzliches verhandelt, die Auflösung der klassischen Dramaturgie, die Angst vor dem Weltuntergang, der selbst schwer kranke Tschechow entwirft hier eine zeitlose innere und äußere Apokalypse. Die Gesellschaft reagiert erwartungsgemäß: Sie zieht die gewaltige Vision ins Lächerliche. In Jan Bosses Inszenierung ist erstmals zu sehen, worum es zum Auftakt wirklich geht.

In der Folge verleiht Bosse zwar nicht immer gleich zwingend wie mit diesem Beginn Tschechows Gedanken Gestalt, manches wirkt allzu exaltiert, insgesamt aber ist dies ein großer Abend geworden. Besonders erfreulich, weil sich dieses Stück, das bei der Premiere 1896 durchfiel, seit Jahren besonderer Beliebtheit bei Theatern erfreut – und oft exzellent gelingt, z. B. in Luc Bondys Version im Akademietheater mit Jutta Lampe, Gert Voss, August Diehl im Jahr 2000.

Auch Bosse lässt eine Art Wiedergeburt des psychologischen Theaters feiern, illustriert aber das Stück mit Videos, die wie ein Roadmovie wirken oder auch mit einer traurigen Popballade: „Dear Darkness“ von PJ Harvey. Konstantin klimpert das Lied auf der Gitarre kurz vor seinem Selbstmord. Daniel Sträßer spielt diesen „Romeo“, dem seine „Julia“ entweicht – zum Bestsellerfabrikanten Trigorin. Wie der sanguinische, querköpfige, fantasievolle Konstantin gebrochen wird, man hört förmlich seine Knochen knacken. Grandios. Aenne Schwarz gibt der Nina, die von ihrer Gutsbesitzerfamilie verstoßen wird, als sie zum Theater geht, passende Naivität, aber auch herbe Reife.

Michael Maertens als Trigorin gibt einmal mehr sehr genau, aber wenig überraschend den schrulligen Einsiedlerkrebs, der nur drauf wartet, von weiblichen Wesen aus seinem Schneckenhaus gelockt zu werden. Dann allerdings wird er schnell gemein und brutal – Konstantin und Trigorin, der idealistische Bub und der ewige Knabe, sind, wie sich mit der Zeit herausstellt, vom gleichen narzisstischen Schlag. Sie hören sich gern reden, anderen, Frauen zumal, aber ungern zu.

Christiane von Poelnitz spielt die eitle Diva Arkadina, und es macht ihr sichtlich Spaß, ihre Zunft zu karikieren: Nach allen Seiten winkend nimmt sie anfangs mit ihrer Entourage im Akademietheater-Publikum Platz, sprengt die Vorstellung ihres Sohnes. Sie posiert, liefert herrliche Miniaturen, wenn sie Konstantin nach seiner ersten Schussattacke auf sich selbst den Kopfverband ruppig wechselt, und schreckliche Anfälle, speziell, wenn ihr etwas gegen den Strich geht. Die klassische Szene zwischen Trigorin, der sich zu Nina verabschieden will, und der Arkadina, die um ihren Liebhaber kämpft, ist hier frei von echten Emotionen, ein Machtkampf, eine Schaustellerei.

 

Vitales Gesellschaftsspiel ohne Ennuie

Trotzdem zeigt Bosse keine ironische Groteske, sondern Menschen mit Gefühlen. Barbara Petritsch macht die Sehnsucht der Gutsverwaltersfrau Polina nach Liebe und einem schicken Leben in der Stadt deutlich. Sehr ungewohnt, weil als glamourfreies Mauerblümchen, aber hinreißend wirkt Mavie Hörbiger als Mascha, Polinas Tochter, die den Lehrer (authentisch und sehr komisch: Peter Knaack) heiratet, um ihre Leidenschaft für Konstantin zu vergessen: vergeblich. Johann Adam Oest zündet präzis die Rohrkrepierer der Witze des Gutsverwalters. Martin Reinke mit Lockenperücke zeichnet diskret den Doktor, der wie Tschechow gern ins Ausland flüchtet. Wunderbar ist Ignaz Kirchner als Sorin, Bruder der Arkadina: Wie er den Kuss von Konstantin und Nina hinter der Mauer belauscht, das Mädchen befingert, seine Taschen nach einem Feuerzeug für seine Zigaretten abklopft, sein versäumtes Leben beklagt und schließlich zusammensinkt, bewusstlos oder tot... Alle Figuren wirken heutig und nicht wie sonst oft bei Tschechow elegisch oder fade, jede Nuance ist durchdacht. In dieser Freak-Show der Künstler bildet sich deren, aber auch das allgemeine Gesellschaftsspiel der Pleiten, Pech und Pannen, so komisch wie tragisch ab. Das Premierenpublikum applaudierte ausdauernd.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2014)