Im Schauspielhaus wird Arno Geigers Roman „Es geht uns gut“ dramatisiert. Es bleibt trotz gediegener Darstellung zu episodisch.
Warum ist es so schwer, Romane in ein Schauspiel zu verwandeln? Weil das Buch für gewöhnlich nach vollbrachter Leseleistung in der Fantasie besser in Erinnerung bleibt, als es tatsächlich ist? Weil sich die Inszenierung meist zu brav an den Erzählstoff hält? Auch der Dramatisierung von Arno Geigers preisgekröntem Roman „Es geht uns gut“ (2005), einer schmalen österreichischen Version der „Buddenbrooks“, merkt man die Mühsal der Übertragung ins Szenische an, die Fassung von Andreas Jungwirth und Lars-Ole Walburg (Regie) trifft die Stimmung des Buchs atmosphärisch nur punktuell.
Letztendlich war die knapp zweistündige Uraufführung im Wiener Schauspielhaus im Rahmen der Festwochen am Sonntag bis auf ein paar starke Bilder doch zu episodisch, zu ängstlich auf Werktreue bedacht. Einzig das Engagement der Schauspieler hebt das Unternehmen über den Durchschnitt.
Die Handlung: Philipp (Max Mayer) hat nach dem Tod seiner Oma Alma (Silvia Fenz) eine Wiener Villa geerbt. Bei der Besichtigung schaut er auf den knöcheltief mit Taubendreck bedeckten Dachboden. Zwei Handwerker sollen aufräumen (großartig Steffen Höld als Steinwald, der aus Erwin Ringels „Die österreichische Seele“ zitiert, melancholisch schweigsam Akkordeonspieler Alen Dzambic). Philipp selbst gräbt inzwischen auf Anraten seiner Geliebten Johanna (die berückende Nicola Kirsch) in der Familiengeschichte. Die Utensilien des großbürgerlichen Haushalts werden auf weißen Podesten präsentiert. Ein charmantes Bühnenbild von Kathrin Krumbein: Vasen, Lampen, Dosen, eine Pendeluhr, eine Rodel. Im Hintergrund, am geschwärzten Kaminsims, stehen Bilder mit der Rückseite zum Publikum. Fallweise werden sie umgedreht. So stellt Patriarch Richard (Florentin Groll), ein Nazi-Gegner, der später Minister wird, ein Hitler-Porträt auf den Sims, als der Anschluss passiert ist, doch die große Geschichte ist nur Folie fürs häusliche Drama.
Wir erfahren, dass Richard Alma betrügt, dass der Sohn jung im Krieg stirbt, und auch vom Tod der Tochter Ingrid (Katja Jung) erhalten wir eine Vorahnung. Sie schwimmt, als ihr Sohn Philipp einen Monolog hält, durch den blau erleuchteten Kamin. Später wird Philipp, ein Aquarium über den Kopf gestülpt, erzählen, wie sie in der Donau ertrunken ist. Das sind berührende, doch seltene Momente an diesem Abend. Großteils referieren die Handelnden über sich, drei Generationen sind simultan auf der Bühne, in verschiedenen Stadien dieser Privatgeschichte.
Die wichtigste ist jene der höheren Tochter Alma. Gegen den Willen der Eltern heiratet sie sozial nach unten, den Träumer Peter (Thomas Reisinger), der ein Brettspiel erfunden und damit wenig Erfolg hat. Der Ehe entspringen zwei Kinder, Ärztin Alma leidet an der Dreifachbelastung von Beruf, Familie und schwachem Partner. Denselben Vorwurf fehlenden Elans wird sich später Philipp von Johanna anhören müssen. Es geht ihm nicht gut, aber wenigstens versucht er nun, den alten Müll loszuwerden, reist mit den Arbeitern in die Ukraine. Dass es dieser Familie gut gehe, ist bloß Schutzbehauptung der Mutter. Vom Drama der Frauen hätte man gerne mehr erfahren.
6.–10. Mai, jeweils 20 Uhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2008)