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EZB senkt Leitzins auf Rekordtief - Strafzins für Banken

European Central Bank President Mario Draghi Announces Interest Rate Decision
Bloomberg
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Der Leitzins wurde auf 0,15 Prozent gesenkt. Die Banken müssen künftig einen Strafzins von 0,10 Prozent bezahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihren Leitzins wie erwartet auf ein Rekordtief gesenkt und erstmals einen negativen Einlagensatz beschlossen. Angesichts der zuletzt sehr niedrigen Inflationsrate wird der Zins, zu dem sich die Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld leihen können, um 0,10 Punkte auf 0,15 Prozent gesenkt. Das teilte die EZB am Donnerstag nach ihrer Ratssitzung in Frankfurt mit. Weitere Zinssenkungen hält EZB-Präsident Mario Draghi für unwahrscheinlich. "Der untere Rand ist heute erreicht", sagte Draghi in der Pressekonferenz. Allerdings seien weitere kleinere "technische" Anpassungen möglich. Gleichzeitig kündigte Draghi an, dass die Notenbank die Zinsen noch über einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau belassen wird.

Der Einlagensatz, zu dem Banken kurzfristig Geld bei der Notenbank parken können, wird erstmals in den negativen Bereich gedrückt. Er sinkt von bisher null Prozent auf minus 0,10 Prozent. Der Ausleihungssatz wird um 0,35 Punkte auf 0,40 Prozent reduziert.

Europas Leitbörsen einheitlich höher

Die europäischen Aktienmärkte haben direkt nach der Zinssenkung der EBZ einheitlich höher tendiert. Der Euro-Stoxx-50 gewann 0,77 Prozent auf 3.262,93 Punkte. In Frankfurt notierte der DAX gegen 14.00 Uhr mit 9.956,99 Punkten und einem Plus von 0,31 Prozent. Der FTSE-100 der Börse London legte 0,08 Prozent zu und steht nun bei 6.824,41 Stellen.

EZB pumpt erneut Geld ins Bankensystem

Zudem will die EZB mit neuen Milliardenspritzen die Kreditvergabe vor allem in den südlichen Euroländern ankurbeln. Die Notenbank verleiht abermals billiges Geld, erstmals allerdings mit einer Laufzeit von vier Jahren bis 2018, wie EZB-Präsident Draghi mitteilte.

Die Vergabe der Notkredite wird bei dem LTRO-Programm (longer-term refinancing operations) anders als bisher an die Bedingung geknüpft, dass die Geschäftsbanken die Mittel zumindest teilweise an Unternehmen und Privatkunden weiterreichen. Damit soll die Konjunktur belebt werden. Das Programm soll zunächst einen Umfang von 400 Mrd. Euro haben.

In der Krise hat die EZB bereits Billionensummen in das marode Finanzsystem gepumpt, um den stockenden Kreditfluss in Teilen der Währungsunion zu beleben. Doch die Banken nutzten das billige Geld stattdessen, um damit höher verzinste Staatsanleihen aufzukaufen. Schon im Jänner hatte Draghi daher erklärt: "Wenn wir wieder etwas Ähnliches machen, wollen wir sicherstellen, dass das Geld in die Wirtschaft fließt."

Niedrige Inflation im Euroraum

Der negative Einlagenzins soll die Inflation antreiben: Er soll den Euro schwächen und so Importe verteuern. Zudem sollen Banken dazu gebracht werden, überschüssiges Geld nicht bei der EZB zu parken, sondern Verbrauchern und Unternehmen Kredite zu geben. Diese könnten investieren und so der Konjunktur auf die Sprünge helfen.

Die Preisaussichten haben sich aus Sicht der EZB weiter eingetrübt. Wie Mario Draghi sagte, rechnet die Notenbank für die Jahre 2014 bis 2016 mit jeweils geringeren Inflationsraten. Demnach ist für das laufende Jahr 2014 mit einer Preissteigerung von durchschnittlich 0,7 (bisher 1,0) Prozent zu rechnen. Für 2015 wurde die Rate von 1,3 auf 1,1 Prozent verringert. Im Jahr 2016 dürfte die Teuerung bei 1,4 (bisher 1,5) Prozent liegen. Der EZB-Rat halte am Inflationsziel von zwei Prozent fest, sagte der EZB-Chef.

Denn der geringe Preisauftrieb schürt Sorgen vor einer Deflation, also einer Abwärtsspirale der Preise quer durch alle Warengruppen. Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen und Anschaffungen in Erwartung weiter sinkender Preise hinauszögern. Das würde die ohnehin fragile Konjunkturerholung in Europa abwürgen.

EZB senkt BIP-Prognose 2014/15

Weiters hat die Europäische Zentralbank die Wachstumsprognosen wurden für das laufende Jahr gesenkt, für 2015 erhöht und für 2016 unverändert belassen. So rechnen die EZB-Volkswirte 2014 mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,0 (bisher 1,2) Prozent. Im kommenden Jahr dürfte sich das Wachstum auf 1,7 (bisher 1,5) Prozent beschleunigen. Im Jahr 2016 wird eine Wachstumsrate von unverändert 1,8 Prozent erwartet.

(APA/dpa-AFX)