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'Das Mädchen': Als Deutschland den Mord an einer Studentin hinnahm

„Das Mädchen - Was geschah mit Elisabeth K.?
Elisabeth KäsemannEsteban Cuya - assigned by the family Käsmann
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Eine ARD-Dokumentation rollt den Fall Elisabeth Käsemann auf: Die Deutsche wurde 1977 von der argentinischen Junta gefoltert und ermordet. Die Regierung intervenierte nicht.

„Ach, das Mädchen Käsemann." Viel mehr soll der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher einem Mitarbeiter nicht geantwortet haben, als der ihn auf den Fall einer Deutschen ansprach, die von der argentinischen Militärjunta in einem Folterlager gefangen gehalten wurde. Der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Dokumentarfilmer Eric Friedler holte dieses Zitat in den Titel seiner Dokumentation: „Das Mädchen - Was geschah mit Elisabeth K.?" Der Film hatte am Donnerstagabend in der ARD Premiere. Er zeigt, wie die deutsche Regierung den Tod der Studentin Elisabeth Käsemann hinnahm, indem sie jede Intervention unterließ.

Die junge Deutsche Käsemann ging Ende der 60er Jahre nach Südamerika, ließ sich schließlich in Buenos Aires nieder, um zu studieren und Sozialarbeit in Slums zu leisten. Als die Militärs 1976 putschen, entschied sie sich zum Bleiben. Sie half bei der Fälschung von Ausweisen, mit denen Dissidenten die Flucht ins Ausland gelang. Am 8. März 1977 wurde Käsemann gemeinsam mit einer britischen Freundin verhaftet. Die Britin kam nach wenigen Tagen frei - durch Intervention ihres Heimatlandes.

Deutschland hingegen unternahm nichts. Im Auswärtigen Amt unter Genscher wurde nicht einmal ein Krisenstab gebildet. Dabei zeigte das Beispiel anderer Länder - der Film nennt neben Großbritannien und Frankreich auch Österreich -, dass Ausländer durch diplomatische Intervention ihrer Heimatländer durchaus freibekommen werden konnten. Warum also blieb Deutschland untätig? Einige der Interviewpartner Friedlers liefern Erklärungsversuche: In Zeiten des RAF-Terrors habe „eine Phase der Hysterie, ein Klima der Terrorismus-Angst" geherrscht, sagt der damalige Staatssekretär Gerhart Baum.

Außerdem hatte Deutschland wichtige wirtschaftliche Interessen in Argentinien: Nach dem US-Waffenembargo wurde die Bundesrepublik zum wichtigsten Waffenlieferanten für die Militärdiktatur. Das wäre gleichzeitig ein Druckmittel gewesen, um Käsemann freizubekommen.

"Hinterher ist man immer mitschuldig"

Der damalige Staatsminister im Auswärtigen Amt, Klaus von Dohanyi, bereut die fehlenden Interventionen heute: Er frage sich selbst, „warum ich mich in der Frage des Protestes nicht an den Außenminister gewandt habe. Das hätte ich machen müssen." Er sei damals vermutlich „mit meinem Kopf in Europa" gewesen. "Das würde ich heute rückwirkend als einen Fehler betrachten. Hinterher ist man immer mitschuldig, mitverstrickt."

Als mitverstrickt zeigt die Dokumentation auch den Deutschen Fußball-Bund (DFB). 1978 veranstaltete Argentinien die Fußball-WM, am 5. Juni 1977 fand ein Freundschaftsspiel gegen Deutschland statt. Der DFB war über den Fall Käsemann informiert - daran, mit einer Absage des Spiels zu drohen, dachte man aber nicht. Es hätte eigentlich nur eines Anrufes des DFB bedurft, sagt der langjährige DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt: "Das kann nichts anderes hervorrufen als Unbehagen."

Als die deutsche National-Elf zum Freundschaftsspiel im Stadion von Buenos Aires einlief, war Käsemann bereits tot. Nach Wochen der Folter und Vergewaltigung (über die im Film ehemalige Mitgefangene und ein Ex-Gefängniswärter erzählen) wurde die 30-Jährige am 25. Mai mit anderen Gefangenen in ein leerstehendes Haus gebracht und erschossen. Terroristen seien im Zuge eines Feuergefechts umgekommen, verlautete die Junta. Eine Autopsie der Leiche Käsemanns sollte später jedoch beweisen, dass Käsemann aus nächster Nähe von hinten mit vier Kugeln hingerichtet wurde.

Sepp Maier: "Eine Schweinerei"

Der deutsche Botschafter Jörg Kastl wurde von dem Tod der Studentin informiert, der DFB erfuhr vor dem Freundschaftsspiel. Doch der Öffentlichkeit sagte man zunächst nichts, ebensowenig wie der deutschen Nationalmannschaft: „Eine Schweinerei", sagt Ex-Spieler Sepp Maier im Film.

Bei einer Untersuchung des Falls im deutschen Bundestag erklärte Dohanyi, es habe eine Vielzahl von Interventionen durch die Regierung und die Botschaft gegeben. Der Politiker heute: „Wenn ich das gesagt habe, dann wohl deswegen, weil es mir aufgeschrieben wurde."

Nur der (nach den Dreharbeiten verstorbene) ehemalige deutsche Botschafter Kastl zeigt sich im Film komplett uneinsichtig: Käsemann sei „nicht ganz ohne Grund ermordet" worden. „Sie wäre auch bereit gewesen, Bomben zu werfen". Anhaltspunkte für diese These gibt es keine.

Als Schlussbild zeigt Friedler einen leeren Sessel: Genscher zog die Zusage für ein Interview zurück. Zum Abspann trällert Udo Jürgens das offizielle Lied für die Fußball-WM: „Buenos Dias Argentina, guten Tag du fremdes Land!"

>> ARD-Dokumentation zum Fall Käsemann