Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Faust als depressiver Pate auf dem Höllentrip

FOTOPROBE: ´FAUST´ IM RESIDENZTHEATER M�NCHEN
FOTOPROBE: ´FAUST´ IM RESIDENZTHEATER(c) APA/MATTHIAS HORN (MATTHIAS HORN)
  • Drucken

Kušej inszeniert in München Goethes Klassiker als gelungenes Fragment: originell, mitreißend und maßlos. An Werner Wölberns Seite ist Bibiana Beglau als Mephisto eine Wucht, Andrea Wenzl rührt als Margarete.

Der prototypische deutsche Gelehrte, den es zu Taten drängt, die er mithilfe des teuflischen Schalks Mephisto wie ein Pubertierender auslebt, wählt in München umgehend den Freitod. Keine Zueignung Johann Wolfgang von Goethes, kein Vorspiel auf dem Theater, kein Prolog im Himmel, nein – mitten in die Nachtgedanken springt Werner Wölbern als Faust in Martin Kušejs fragmentierter Inszenierung des berühmten Mythos. Die bildgewaltige Interpretation, die den Text des ersten Teils mit Zitaten des zweiten mischt und zudem recht Eigenes hinzufügt, kommt rasch zur Sache: Apocalypse now. Hier hat ein Spätgeborener seinen ganz persönlichen „Faust“ gefunden. Der ist tatsächlich mitreißend, wie die Premiere am Donnerstag zeigte.

 

Das Herz dieses Mannes ist bereits tot

„Ist das der Weisheit letzter Schluss?“, fragt der Protagonist im ersten Satz und weiß bereits, dass sein Herz tot ist. Er befindet sich in metallisch-kalter Industrielandschaft. Oben, nur über Treppen erreichbar, ist bedrohlich ein riesiger Kran montiert, wie in einem Frachthafen, darunter gibt es einen mit Maschendrahtzaun umschlossenen Käfig fürs Kämpfen, eine Endzeit-Disco, aus der Bässe wummern. Ganz unten befinden sich auf der Drehbühne funktionale, fast leere Räume, die Aleksandar Denić für das Residenztheater kreiert hat. Es kracht und blitzt in dieser Schau gewaltig – der Direktor aus dem Vorspiel wird hier wörtlich genommen, die Regie spart nicht an pyrotechnischen Tricks. Sie ergeben durchaus Sinn: Faust ist hier der Sprengmeister für die Moderne, kein akademischer Sonderling, sondern ein Anzug tragender Glücksritter des irren Wachstums.

Dieser Pate steht jetzt eben vor einem Waschbecken und zieht Bilanz, als ob seine Höllenfahrt bereits zu Ende ginge. Er starrt in den Spiegel, da blickt ihm der Teufel entgegen: „Ist da jemand?“ Alle sind sie da, die Geister, die er rief – Helena, Lilith, die Hexen und eine Ahnung vom Gretchen. Es herrscht gespenstische Gleichzeitigkeit. Philemon und Baucis, das idyllische Ehepaar aus dem zweiten Teil, melden sich mit Wortfetzen. Schon explodiert ihr Häuschen, brennt lichterloh. Sie werden später erneut beseitigt, durch dämonische Mafiosi, und bleiben nicht die einzigen Opfer. Der Drogenkrieg tobt, einem Kind wird ein Sprengstoffgürtel verpasst. Nach nächtlichen Schusswechseln sieht man hart ausgeleuchtet den Leichenberg. Der unheimliche Kran schwenkt zwischendurch unter Stroboskopblitzen einen Pferdekadaver. Die Bedeutung bleibt obskur. Die Himmelsstürmer beim Ritt zur Hölle?

 

Reger Austausch von Körpersäften

Was für eine Welt! Kein Wunder, dass der wissende Faust sich eingangs etwas einwirft, mit Wasser runterspült. Da erscheint als Retter – Famulus Wagner. Er lässt seinen Heros das Gift kotzen. Und schon taucht aus dem Dunkel Mephisto auf, ein androgynes, athletisches Wesen, das von Bibiana Beglau fantastisch gespielt wird. Sie dominiert den Abend, wirbt und manipuliert, eine methodische Seelenfängerin, die man nicht so leicht vergisst. Sie züngelt mit den Hexen, wirft sich und Faust in den Kampf mit rohen Gesellen, die, statt in Auerbachs Keller saufend abzuhängen, im Fight Club den letzten Kick suchen. Der Teufel ist bei Kušej immer mittendrin, er schont sich nicht, zückt das Messer, lässt die Blüten regnen. Auf dem Rücken hat er zwei lange, tiefe Narben, als ob dem gefallenen Engel die Flügel mit äußerster Rohheit ausgerissen worden wären. Auch dem Faust bereitet er bald Schmerzenslust.

Mephisto hat jedoch die Gabe der Regeneration. Wenn Faust nach einem kurzen, bizarren Osterspaziergang beim Erscheinen des Pudels an höllischen Schusswunden draufzugehen droht, genügt ein wenig Intimkontakt, um ihn zu heilen. Mit Blut wird nun flink der Kontrakt besiegelt. Die Szene ist symptomatisch für die Aufführung: originell, voller Ernst, maßlos auch statt streng, aber mit viel Energie. Dieser Teufelin kann sich kein Mann in der Lebenskrise entziehen. Ihm wird geholfen, manchmal auf drastische Weise. Wenn die Hexe ihn verjüngt, geschieht das mithilfe einer bizarren Samenspende. Die Hexe holt eine gewaltig lange, phallische Krawatte aus der Hose des Teufels, seine Gabe wird von Mund zu Mund weitergegeben. Ab nun ist Faust so notdürftig sexualisiert, dass er keiner mehr widersteht.

Immer wieder ist auch Walpurgisnacht. In den Szenen der Verführung, bei denen es zum Beispiel vor den Toren der Stadt im Grünen jede mit jedem oder jeder treibt, ist der Teufel engagiert dabei. Das alles wirkt wie geschäftsmäßige Routine. Selbst der Sex ist also bereits Industrie. Am fleißigsten betreibt ihn Frau Marthe (Hanna Scheibe), eine Virtuosin des beiläufigen Beischlafs.

 

Margarete schneidet ins eigene Fleisch

Ach, arme Margarete! In welch kalte Welt bist du geworfen? Andrea Wenzl spielt nach der Pause dieses kindfrauliche Wesen mit spröder Zartheit und romantischem Verlangen. Sie besteht mit Bravour neben diesem brütenden, egomanisch Verzweifelten und seinem dominanten Alter Ego, dem zynischen Teufel, der doch genau zu wissen scheint, woran diese gottlose Gesellschaft leidet.

Hier ist sie äußerst brutalisiert, das demonstriert vor allem ein furioses Finale. Wenn Mephisto eine Schiebetür öffnet, um Faust das verlorene Gretchen im Kerker zu zeigen, sieht man eine regungslose Figur, die ein blitzendes Messer in der Hand hält. Ihr Unterleib – ein Gemetzel! Zwischen den gespreizten Beinen stockt das Blut, hinten an der Wand liegt totes Fleisch. Das Mädchen ist bereits gerichtet, ehe der Verführer sie wiederfindet. Aber die Rettung? „Es ist vorbei“, sagt Faust, fast tonlos. Das letzte Wort hat Mephista, die sich das Nirwana herbeisehnt. Es sei so gut, als wär es nicht gewesen, lautet theatralisch ihre Endzeit-Philosophie: „Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wäre. / Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere.“ Auch so kann man den „Faust“ lesen, jenseits des Sinns. Zumindest scheint solch ein nihilistischer Schluss in dieser sehr zeitgemäßen Interpretation logisch zu sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2014)