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Brasilien: Noch vor dem Fußball kommt die Novela

Em Família
Em Família(C) Globo TV
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Telenovelas wie derzeit „Em Família“ sind in Brasilien nationale Ereignisse. Ihnen weichen Fußballspiele und Wahlauftritte, Lokale im ganzen Land zeigen sie, und ihr dramatisches Ende fegt die Straßen leer.

Höchstens der Fußball-WM verzeihen es die Brasilianer, wenn zur Primetime der melodramatische Herzschlag des nationalen Fernsehens ausfällt: die Novela, wie die Telenovela in Brasilien heißt. Da können Neymar, Hulk, Luiz und wie die Fußballstars alle heißen, noch so emsig Tore schießen: Es gibt Helden – und vor allem Heldinnen –, deren Schicksal die Brasilianer den Rest des Jahres mehr bekümmert.

Seit Februar sind das etwa die lesbische Fotografin Marina, die junge „Hausfrau mit Kind“ Clara und ihr Verlobter Cadu. Die Unsicherheit, ob Clara sich für Marina entscheiden oder doch bei Cadu bleiben wird, beschäftigt täglich das rund 60 Millionen Zuseher umfassende Publikum von „Em Família“. Diese Novela, die im Februar als wunderbare Wien-Werbung gestartet ist (mit Schauplatz Schönbrunn, wo der berühmte Flötist Laerte seiner verloren geglaubten Liebe über den Weg läuft), ist die neue Novela das Oito auf Brasiliens wichtigstem Telenovela-Sender Globo. Eigentlich läuft diese „Novela um acht“ erst um neun, nach den Hauptnachrichten, aber das ist noch das am wenigsten Erstaunliche.

 

Die „Novela um acht“ spielt um neun

Viel erstaunlicher ist, dass die Frage, was Clara in den nächsten Wochen tun wird, ein ganzes Land in Atem halten kann. Das Schauen von Novelas ist ein Volkssport, der zumindest bei den Brasilianerinnen noch beliebter ist als der Fußball und seit Jahrzehnten fast ungebrochen anhält. Er ist so wichtig, dass Politiker deswegen Wahlauftritte verschieben, weil ihr erhofftes Publikum gerade vor dem Fernseher sitzt.

Fast jedes Lokal hat einen Fernseher, der die „Novela das 6“, „Novela das 7“ oder die „Novela das 8“ (die wichtigste) überträgt. Wenn TV-Sprecher die Übertragung eines Bundeligaspiels ankündigen, sagen sie keine Uhrzeit, sondern dass das Spiel nach der Novela das Oito stattfindet. Und wenn eine solche in das Finale steuert, sind die Straßen auffallend leer. Wochen davor erfährt man, an welchem Tag das vorletzte, an welchem das letzte Kapitel gesendet wird. Ganz recht, Kapitel, weil die Novela ja, anders als die auf potenzielle Endlosigkeit angelegte Soap Opera, ein mehrmonatiger, auf das dramatische Ende zusteuernder Fernsehroman ist. Die letzte Folge wird in Brasilien zweimal gesendet, am Freitag und am Samstag – damit keiner sie versäumt. Vor einigen Jahren kam es bei einem wichtigen Finale sogar zum Stromausfall.

Nur Mexikos Novela-Leidenschaft kann sich mit der Brasiliens messen. 1950 kreirten die beiden Länder gemeinsam den ersten Fortsetzungsroman für das Fernsehen, in den Siebzigern wurden die Telenovelas zum Massenphänomen. Damals ist auch „Die Sklavin Isaura“ enstanden, die bis heute die weltweit erfolgreichste Serie dieser Art geblieben ist. In China war sie sogar die erste Sendung mit ausländischer Protagonistin im staatlichen Fernsehen.

Vorbei aber sind die Zeiten, als derartige Kolonialzeitschinken und „Reich und Schön“-Serien den Novela-Markt beherrschten. Es gibt sie noch zuhauf, aber die wichtigsten Novelas zur Hauptsendezeit sind jetzt realistischer und voll von (tages-)aktuellen Bezügen. Sie thematisieren gesellschaftliche Problemzonen wie Abtreibung, Behinderung, Klonen, Korruption, Drogenmissbrauch und Diskriminierung. Und seit ein paar Jahren zeugen sie in Brasilien vom Aufkommen einer neuen Mittelschicht, der C-Klasse, wie sie in Brasilien genannt wird. Immer mehr Novelas spielen in diesem Milieu.

 

Publikum bestimmt Handlung mit

Wenn sich nun Clara in den nächsten Folgen von „Em Família“ – wie es scheint – von der lesbischen Marina abzuwenden beginnt, und es vielleicht doch ein Happy End mit ihrem Verlobten Cadu gibt, dann ersetzt dieser Handlungsverlauf Dutzende brasilianische Umfragen zum Thema Homosexualität. Denn der bei Weitem wichtigste Novela-Sender Globo, auf dem „Em Família“ zu sehen ist, adjustiert die Handlung ständig neu – als Reaktion auf parallel zu den Sendungen laufende Publikumsumfragen. Beim Thema Homosexualität zum Beispiel lässt sich aus den Novelas der letzten Jahre ablesen: Das katholisch geprägte Brasilien öffnet sich dem Thema; aber dass Clara wegen einer Frau einen Mann verlässt, mit dem sie ein Kind hat – das ist wohl doch zu viel der Unordnung.

Dass die Novelas in Brasilien mehr als unterhaltenden Zweck hatten und haben, ist offensichtlich. Sie wirken volksbildnerisch (basieren oft auf literarischen Klassikern Brasiliens), transportieren soziale Normen und formen kollektive Erinnerung und Identität mit. Wissenschaftler studieren sie gern, weil sie viel über die Vorlieben und Tabus, die sozialen Verhältnisse und Veränderungen der Gesellschaft aussagen. Oder eigentlich nur eines Teils der Gesellschaft: Denn wenn Novelas das Leben in den Slums und den Favelas behandeln, dann sind das Einzelfälle. Der Hauptgrund ist wohl: Favelabewohner haben heute zwar fast alle einen Fernseher, aber anders als die neue Mittelschicht nicht das Geld, um auf die Unmengen an (versteckter) Werbung so zu reagieren, wie es vom Novela-Konsumenten gewünscht wird.

TELENOVELA: KEINE SEIFENOPER!

Klarer Anfang, festgelegtes Ende: Das unterscheidet die klassische Telenovela (portugiesisch, wörtlich Fernsehroman) von der Soap Opera. So ist die Telenovela zeitlich begrenzt (in der Regel zwischen vier Monaten bis zu einem Jahr), während die Seifenoper potenziell endlos weitergehen kann und auch – anders als die Telenovela – immer neue Figuren einführt. Telenovelas haben eine klare Haupthandlung, Seifenopern führen viele Handlungsstränge gleichwertig nebeneinander. Ein weiterer Unterschied ist der stark melodramatische Charakter der Telenovelas.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2014)