Hillary Clinton verteidigt in ihrem zweiten Memoirenband ihre Zeit als Außenministerin. Das Theater um dieses Buch ist ein Lehrstück in politischem Erregungsmanagement.
Washington. „Hard Choices“ heißt Hillary Clintons zweite Autobiografie, doch wenn man das Aufhebens um dieses Buch beobachtet, könnte man meinen, es ginge nicht um die schweren Entscheidungen der früheren amerikanischen Außenministerin, sondern um streng geheime Invasionspläne der US-Streitkräfte. „Vor dem offiziellen Erscheinungstermin werden keine Fahnen oder Textpassagen an die Presse gegeben“, mahnt die zuständige Pressebeauftragte des deutschen Droemer-Verlages, der sich die deutschen Rechte des knapp tausendseitigen Ziegels von einem Buch gesichert hat. Bloß Clintons Vorwort darf man sich vorab herunterladen, und es beginnt mit der tiefschürfenden Einsicht: „Wir alle werden im Leben vor schwere Entscheidungen gestellt.“
Zumindest eine davon dürfte Clinton bereits getroffen haben: Ihr Antritt bei der Präsidentschaftswahl in zweieinhalb Jahren gilt als so gut wie sicher. Dieser zweite Memoirenband dient, elf Jahre nach dem ersten namens „Living History“, zur Pflege von Clintons sorgfältig aufgebautem Image als welterfahrene, verantwortungsbewusste Außenpolitikerin – als das also, was man unter einem „Staatsmann“ versteht und wofür es im Deutschen noch keine angemessene weibliche Form gibt.
Iran, Benghazi, Bergdahl
Clinton ist darum bemüht, die dunklen Flecken ihrer Amtszeit als schwierige, gar unlösbare Dilemmata darzustellen und zugleich an ihren bisweilen fragwürdigen Entscheidungen festzuhalten. Dass Amerika zum Beispiel im Jahr 2009 die iranische Jugend in ihrem Protest gegen die geschobenen Präsidentenwahlen im Stich gelassen hat, sei im Rückblick bedauerlich, aber nicht zu ändern. Was genau im September 2012 beim Angriff auf das US-Konsulat im libyschen Benghazi geschehen ist, werde sich wohl nie gänzlich klären lassen, doch solle niemand die Bemühungen Clintons kleinreden, diese Wahrheit herauszufinden und sie offen mit den amerikanischen Bürgern zu teilen. Das Schicksal des US-Soldaten Bowe Bergdahl, der vergangenen Samstag nach fünf Jahren Gefangenschaft aus den Händen der Taliban-Extremisten befreit worden ist, habe sie ständig begleitet, und sie wisse, dass es für die Amerikaner schwer zu schlucken sei, mit den Taliban direkte Gespräche darüber zu führen.
Diese Ansichten allerdings liest man nicht im allgemein zugänglichen Vorwort, sondern im Haupttext des Buches. Dass sie eine knappe Woche vor dem hochoffiziell gehüteten Erscheinen bekannt werden, ist ein weiterer Teil des in Amerika bis zur Übertreibung ausgeführten politischen Erregungsmanagements. Der Fernsehsender CBS News behauptet, ein Exemplar in einem Buchgeschäft erstanden zu haben. Wie das gehen soll, wenn die Bücher erst am 10. Juni ausgeliefert werden, weiß vermutlich nur Clintons Verlag Simon & Schuster – der zum CBS-Konzern gehört. Es ist offensichtlich, dass dieses kleine Leck von Clintons Team abgesegnet wurde, um der zuletzt am rechten Flügel des politischen Spektrums stark aufkommenden Empörung über die Freilassung des Soldaten Bergdahl entgegenzuwirken.
Die Spendenmaschine läuft
Clinton versucht also, den Austausch Bergdahls gegen fünf Taliban-Führer zu verteidigen, gleichzeitig aber Verständnis für die Sorgen der Bürger zu zeigen. Das tut Not, denn sollten die Republikaner bei den Kongresswahlen im November den Senat erobern und 2016 halten, wäre Clinton in den ersten beiden Jahren ihres Präsidentinnenamtes bis zumindest zu den nächsten Kongresswahlen 2018 gelähmt.
Ihre Anhänger sammeln jedenfalls schon eifrig Geld: die Kampagnenorganisation „Ready for Hillary“ hat seit 2013 schon gut sechs Millionen Dollar (4,4 Millionen Euro) Kleinspenden eingetrieben – noch vor Clintons Kandidatur.
AUF EINEN BLICK
Hillary Clinton wird 2016 mit großer Sicherheit einen zweiten Anlauf unternehmen, US-Präsidentin zu werden. Ihre Anhänger haben seit ihrem Rücktritt als Außenministerin 2013 unter dem Motto „Ready for Hillary“ bereits knapp sechs Millionen Dollar an Spenden gesammelt. Die Veröffentlichung ihrer Memoiren bereiten die Kampagne vor.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2014)