Das Wiener Café in Istanbul

¸Sebnem Sükan leitet das Café Wien in Istanbul.
¸Sebnem Sükan leitet das Café Wien in Istanbul.Duygu Özkan

Vor rund 25 Jahren wurde in der türkischen Metropole das Café Wien eröffnet. Obwohl von Anfang an erfolgreich, ist es bis heute ein Geheimtipp geblieben.

Die Geschichte entbehrt nicht eines gewissen Witzes: Als die kleine Gruppe von Absolventen einer Tourismusschule ein Kaffeehaus in Istanbul eröffnen wollte – ein authentisches, gutes Kaffeehaus wohlgemerkt – bemerkten sie, dass die opulente Kaffeekultur in dieser brodelnden Stadt fast schon verschwunden war. Nach dem Ort mit der prominentesten Kaffeehaustradition mussten die Freunde freilich nicht lange suchen, also fassten sie einen Plan: den Wiener Kaffee zurück nach Istanbul bringen. Ausgerechnet in die Hauptstadt jenes Reiches, von wo der Kaffee überhaupt nach Wien gelangte.

Auf den Straßen des Nobelviertels Nişantaşi ist Şebnem Sükan in den feinen Nieselregen geraten, den sie am Eingang des Café Wien von ihrer Jacke schüttelt. Ein Garderobenständer steht dort – freilich ein Wiener Original –, gleich daneben hängen die Zeitungshalter. Als das Café Wien vor rund 25 Jahren eröffnete, war Nişantaşi eine verschlafene Gegend, nördlich des ganzen Trubels im touristischen Beyoğlu. Kaum jemand hat sich hierher verirrt, und dass das Konzept des Wiener Kaffeehauses trotzdem Erfolg hatte, mag im Rückblick selbst die Betreiber verwundern. Şebnem Sükan leitet das Café seit rund 17 Jahren. Wenn sie gelegentlich in Wien ist und Adressen abklappert – Café Landtmann, Hawelka, Prückel usw. – dann schaue sie sich um, was es denn für Neuigkeiten gebe, erzählt sie. Manchmal sind es die Mehlspeisen, ein anderes Mal fällt ihr etwas an der Einrichtung auf. Grosso modo aber, sagt die 40-Jährige, habe in Wien alles Bestand, während sich Istanbul quasi minütlich verändere. Diese Wiener Beständigkeit haben die Betreiber ebenfalls an den Bosporus holen wollen.

Was Sükans Team von Anfang an geplant hat, ist bis heute so geblieben: Wer ins Café Wien kommt, macht das bewusst. Etwas versteckt in einer Durchgangspassage fällt das Café den Besuchern nicht gleich auf – und man wird das Gefühl nicht los, dass das Café auch weiterhin ein Geheimtipp bleiben möchte. Werbung wird keine gemacht, und wer das Catering in Anspruch nehmen möchte, muss um das Angebot wissen. Die meisten Gäste, erzählt Sükan, sind Stammbesucher. Sie kommen, um Zeitung zu lesen, halten ihre Meetings hier ab, verabreden sich zum Essen. Das Mittags- und Abendmenü besteht unter anderem aus Gulasch und Schnitzel (Rind, Huhn), es gibt aber auch Schweinefleisch in Form von Frankfurtern. Die Kaffeekarte hat Wiener Länge: Vom Espresso über die Melange bis hin zum Einspänner sind die wichtigsten Vertreter vorhanden, und die Mehlspeisen werden in einer Konditorei gebacken. Sachertorte, Linzer Schnitte, Apfelstrudel – auch hier wurde nicht an Originalität gespart.

Bittere Note. Tatsächlich können sich die Besucher hier in Wien wähnen. Die Melange schmeckt rund und leicht bitter, wie es sich gehört, und wird mit einem Glas Wasser serviert. Die Einrichtung des Cafés wurde eins zu eins einem Wiener Pendant nachempfunden: Die Marmortische wurden eigens für das Haus hergestellt, so auch die Zeitungshalter, die es in Istanbul nicht zu kaufen gab.

Rund 150 Gäste werden hier täglich bewirtet, erzählt Sükan. Manchmal trudeln tatsächlich Gäste aus Wien ein, wenn etwa die Hotels auf das Café aufmerksam machen. Und wenn sich diese Besucher zufrieden zeigen, dann ist überhaupt alles gewonnen, sagt Sükan. Ganz unbekannt ist das Café Wien in Wien übrigens auch wieder nicht. Die Handelskammer hat nur drei Jahre nach der Eröffnung das Haus als „erfolgreichstes Wiener Kaffeehaus“ ausgezeichnet – als einziges im Ausland.

Die auferstandene Kaffeehauskultur von Lemberg

Bis heute verweisen die Ukrainer stolz darauf, dass Georg Franz Kolschitzky, geboren 1640 in Sambir nahe Lwiw (heute Ukraine, damals Polen-Litauen) das erste Wiener Kaffeehaus in der Wiener Innenstadt eröffnete. Kolschitzky, ein Geschäftsmann, der Türkisch sprach und während der Zweiten Türkenbelagerung 1683 als Spion ins osmanische Lager gelangte, soll von seinen Auskundschaftungen den Kaffee mitgebracht haben.

Auch wenn diese Geschichte in Historikerkreisen den Status einer Legende hat: Lemberg hat ein spezielles Verhältnis zum Kaffee. Das ist wenig verwunderlich, zumal Galizien Teil des k.u.k.Reichs war und der Kaffee ja irgendwie herkommen musste. In Lemberg hat man die aromatische Bohne in den vergangenen Jahren neu entdeckt. Bei Touristen kommt das gut an, es könnte langfristig auch die ukrainische Kaffeekultur heben: Denn im Rest des Landes sind der bittere Löskaffee oder die modernere Variante „Drei in eins“ (fertige Kapseln mit Kaffeepulver, Milch und Zucker) verbreitet.

Lemberg also vermarktet seine kaffeeaffine Geschichte äußerst erfolgreich: Es gibt fahrende Kaffeewagen im Nostalgiestil, deren galizische Baristas unter freiem Himmel einen „Latte“ zubereiten, ein Kaffeefestival, viele Kaffeegeschäfte und natürlich Kaffeehäuser.

Das bekannteste Café liegt am Freiheitsprospekt 12. Stolz nennt es sich Wiener Kaffeehaus – ein Name als Qualitätsauszeichnung. So altehrwürdig es ist, in seinem Inneren erinnert es „bedauerlicherweise eher an den Wartesaal des lokalen Hauptbahnhofs als an ein gemütliches Wiener Kaffeehaus“, wie ein Online-Reiseführer treffend notiert. Die Lemberger schätzen es dennoch. Die Karte ist groß, das Essen gut, die Süßspeisen fein. Hier wird längst nicht nur Kaffee, sondern auch viel Lemberger Bier konsumiert.

Blick auf den Freiheitsprospekt. Am besten ist das Kaffeehaus in der warmen Jahreszeit. Auf der Sonnenterrasse – gleich hinter dem Bronzedenkmal für Nationaldichter Taras Schewtschenko, nur ein paar Schritte vom Opernhaus entfernt – hat man freien Blick auf den Freiheitsprospekt, die beste Flaniermeile der Stadt. Da bleibt keine Zeit zum Zeitunglesen. Die Autos lärmen zwar, doch könnte man hier nicht so unbeschwert im Freien sitzen, wenn nicht in der Kaiserzeit die Straße gebaut worden wäre. Sie überdeckte den Fluss Poltwa, eine (damals zumindest) stinkende Kloake. Einen Blick auf die Poltwa werfen kann man übrigens in der Oper, wo eine Treppe zum steinernen Flussbett hinabführt. Aber das ist eine andere Lemberger Geschichte. (Jutta Sommerbauer)

Kaffee verkehrt: Wien liegt nördlich von Berlin

Das Kaff heißt Hohen Neuendorf. Es liegt in der Mark Brandenburg im Norden von Berlin und ist gerade noch mit der S-Bahn zu erreichen. Eines dieser Schläferstädtchen mit viel Ost-Tristesse, holprigen Straßen und Diskontmärkten. Ein Ort, wie geschaffen für Schützenvereine, Kännchenkaffee und Schwarzwälder Kirsch. Ausgerechnet hier haben Eva und Axel Bollmann ein Wiener Kaffeehaus eröffnet, das vor Authentizität nur so trieft.

Vergessene Varianten. Noch dazu in der eigenen, pittoresk verwitterten Gründerzeitvilla: Sie zogen einfach aus der Beletage in den Stock darüber. Bilder, Teppiche und Bücher blieben da, hinzu kamen Thonetstühle und Kaffeehaustische mit Marmorplatten und gusseisernem Fuß. Auf die Karte des „Morgenrot“ setzten sie Altwiener Varianten wie Kaffee verkehrt oder den überstürzten Neumann, die selbst hierzulande kaum noch jemand kennt. „Oh Gott, das klappt nie“, stöhnten Freunde. „So was läuft hier oben nicht“, erklärte fachkundig die Bankberaterin und verweigerte jeden Kredit. Bis dahin hatte das Ehepaar eine Werbeagentur in Berlin betrieben und seinen Kunden verrückte Ideen präsentiert. Jetzt mussten sie selbst daran glauben.

Axel (53) wuchs in Wien auf, Eva (48) ist aus Frankfurt. Als Ostpioniere restaurierten sie die Kaufmannsvilla, bekamen zwei Töchter – und erkannten 2004, dass ihnen der Stress zu viel wurde. Wehmütig dachte Axel an seine Bummelstudentenzeit zurück, als er Nachmittage im Kaffeehaus als verlängertem Wohnzimmer verträumte – und der Plan ward geboren.

Eva schupft den Laden (ihr zweiter Vorname ist Tiffany, was ihr nun erlaubt, mit „Frühstück bei Tiffany“ zu werben). Axel sorgt für originale Zutaten: Weine vom Kattinger aus Stammersdorf, Römerquelle, Almdudler, Mautner Markhof Senf zu den Debreczinern. Selbst die Teebutter ist aus Österreich. Die Torten liefert ein Edelpatissier aus Berlin. Barista-Autodidakt Axel bereitet seine eigene Bohnenmischung zu und reist zu Plantagen in Guatemala und Ruanda. Das beeindruckt sogar den Klub der Wiener Kaffeehausbesitzer, die das „Morgenrot“ zum bisher einzigen „Botschafter der Wiener Kaffeehauskultur“ erhoben.

Gäste kommen mittlerweile von weit her. Am Wochenende oder bei Heurigenabenden mit Zithermusik ist ohne Reservierung kaum ein Platz zu bekommen. Aber wer einmal sitzt, darf bleiben, so lang er will. Erst ist sie den Nordlichtern sehr fremd, dann lernen sie sie lieben: Die Kunst der Entschleunigung, die zum Kaffeehaus gehört wie das Glas Wasser zur Melange. (Karl Gaulhofer)

Österreich im schicken Norden Londons: Semmel und Schnitzel im "Kipferl"

Wer ein Wiener Kaffeehaus der alten Schule mit hohen Räumen, dünnem Kaffee und grantigen Kellnern sucht, wird enttäuscht werden. Wer hingegen eine gelungene Verknüpfung von Tradition und Gegenwart finden will, wird vom „Kipferl“ begeistert sein. Steht eine dampfende Tasse Kaffee und ein Stück Sachertorte mit Schlag vor dem glücklichen Kunden, könnte er glatt vergessen, dass er sich an einer der schicksten Ecken des Nordlondoner Trendbezirks Islington befindet.

Das „Kipferl“ ist das Lokal des Österreichers Christian Malnig, der seit 17 Jahren in London lebt und hier nach einem Wirtschaftsstudium zunächst auf dem Finanzsektor gearbeitet hat. „Ich hatte immer schon den Wunsch, im Gastgewerbe aktiv zu werden“, erzählt er. Was zunächst als Feinkostladen für österreichische Spezialitäten mit einer kleinen, feinen Auswahl an selbst zubereiteten Speisen auf dem Smithfields Market begann, hat sich mittlerweile zu einem florierenden Gastbetrieb entwickelt: „Am Wochenende haben wir 500–600 Gäste am Tag.“

Die Gäste bekommen hier das volle Angebot der traditionellen österreichischen Küche, vom Wiener Frühstück mit Originalsemmel und Marillenmarmelade über das Wiener Schnitzel bis zum Kaiserschmarren. Die Lebensmittel werden teilweise eingeführt: „Versuchen Sie einmal, brauchbare Semmelbrösel in London zu finden“, sagt Malnig. Das Stadtmagazin „Time Out“ schreibt in seinen Empfehlungen: „Ein viel aufregenderes Frühstück als ein Müsli.“ Bestseller am Vormittag ist aber das Bauernomelett, das von den Kunden in einem Facebook-Wettbewerb auf die reguläre Karte gehievt wurde. Das Preisniveau kann für Londoner Verhältnisse als günstig bezeichnet werden: „Bei uns kann man unter zehn Pfund mittagessen, und das wollen und können sich viele leisten.“

Das „Kipferl“ hat ein schickes und entspanntes Ambiente. Erst auf den zweiten und dritten Blick enthüllen sich viele liebevoll angeordnete Kleinigkeiten, wie etwa Schwarz-Weiß-Aufnahmen von österreichischen Nationalhelden wie Bruno Kreisky, Hans Krankl und Mundl Sackbauer. Die Fotos sind überraschend klein, das Lokal drängt sich nicht auf, sondern lädt ein zum Verweilen. Auch österreichische Zeitungen hängen aus (an dem Angebot wird noch gearbeitet).

„Wenn jemand auf einen Kaffee kommt und drei Stunden Zeitung liest, ist mir das auch recht“, meint Malnig. An den meisten Tischen hat das vorwiegend junge Publikum aber neben Kaffee und Kuchen auch einen Laptop stehen.

Zweites Kaffeehaus. Die Gäste sind vorwiegend aus Österreich, Deutschland, Osteuropa und Israel. „Die meisten leben heute in London, haben aber irgendeinen Österreich-Bezug“, sagt Malnig. In wenigen Wochen steht die Eröffnung eines zweiten „Kipferl“ im Westen der Stadt bevor. Malnig, der mittlerweile 25 Leute beschäftigt, über sein Erfolgsgeheimnis: „Es ist die Liebe zum Detail, die unsere Gäste am meisten schätzen. Das reicht vom Schriftzug unseres Lokals bis zu der Art, wie der Löffel serviert wird.“ Und wie es sich gehört, wird zum Kaffee – der freilich aus Österreich eingeführt wird – ein Glas Wasser gereicht. (Gabriel Rath)

Legende

Georg Franz Kolschitzky, so lautet die Legende, erhielt für seine Dienste während der zweiten Türkenbelagerung 1683 das Privileg, das erste Kaffeehaus in Wien zu eröffnen. Tatsächlich wurde das erste Kaffeehaus von dem Armenier Johannes Theodat –er wurde in Istanbul geboren – in der heutigen Rotenturmstraße eröffnet. Kolschitzky erhielt das Privileg nach Theodat. Ob Kolschitzky je ein Kaffeehaus eröffnet hat, ist nicht bekannt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2014)