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Großbritannien auf dem Weg zur „Weltklasse-Bürokratie“

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Die Verwaltung Großbritanniens wird laufend überarbeitet. Auch die aktuelle Regierung setzte zu einer umfassenden Reform an.

London. Die Geschichte der öffentlichen Verwaltung in Großbritannien ist die Geschichte ihrer Reformen. Mit den Ursprüngen in der legendären East India Company wurden 1854 die Grundlagen für das noch heute geltende System des Civil Service gelegt, aber schon ein Jahr später erfolgte die erste Überarbeitung. Es sollte nicht die letzte sein, und auch die aktuelle konservativ-liberale Regierung setzte 2012 zu einer umfassenden Reform der staatlichen Verwaltung an.

Eine „Weltklasse-Bürokratie“, so der zuständige Minister Francis Maude, soll durch einen radikalen Umbau erreicht werden, der eine Verkleinerung des Beamtenapparats um 20 Prozent bis 2015 vorsieht. Mit 412.000 Ganztagsbeschäftigten hat der Civil Service bereits heute den tiefsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht.

Zugleich legte die Regierung ein 18-Punkte-Programm vor, das auf massive Effizienzsteigerungen durch neue Technologien und Zusammenlegung von Diensten setzt. So will Großbritannien seine Verwaltung bis 2015 digitalisieren und den Bürgern den Zugang zu den Behörden per Internet ermöglichen. Allein durch die Digitalstrategie erhofft sich die Regierung Einsparungen bis zu umgerechnet zwei Milliarden Euro im Jahr.

Der andere Pfeiler der Reform ist die verstärkte Zusammenlegung interner Tätigkeiten (etwa im Rechtsbereich oder bei Buchhaltung und Personalführung) und der Austausch von Experten, die ihr Fachwissen nicht mehr nur einem Ministerium zur Verfügung stellen sollen. In der Versuchsphase befindet sich ein Policy Lab, in dem nach dem Vorbild Dänemarks politische Maßnahmen erst auf ihre Wirkung quer durch alle Verwaltungsbereiche getestet werden sollen, ehe sie eingeführt werden.

Verstärkt wird durch die Reform die Ausrichtung der Bürokratie auf den Markt. Schon jetzt muss jedes Ministerium alle drei bis fünf Jahre seine gesamte Tätigkeit auf den Prüfstand stellen und untersuchen, welche Aufgaben besser von Privatunternehmen wahrgenommen und welche überhaupt eingestellt werden können. Allein durch die Verbesserung und Effizienzsteigerung bei der Umsetzung von Projekten sollen 1,5 Milliarden Euro eingespart werden.


Wenig Verdienst. Die Beamten haben harte Jahre hinter sich. Wer seinen Job retten konnte, musste Reallohnverluste durch Lohnanpassungen unter der Inflation hinnehmen. Während das Ethos des unpolitischen Dienstes am Staat (wie 1854 festgeschrieben) hochgehalten wird, regt sich Unmut über die wachsende Zahl „politischer Berater“, die an der Bürokratie vorbei Zugang zu politischen Entscheidungsträgern haben. Unter Tony Blair waren es 20, jetzt sind es 83.

Der Civil Service untersteht direkt dem Premierminister, die Leitung der Verwaltung führen ein Cabinet Secretary und der Head of the Civil Service. An der Verwaltungsspitze jedes Ministeriums steht ein Permanent Secretary. Sie dienen nicht einer Partei, sondern dem Staat.

Das System ist streng zentralistisch ausgerichtet, alle Ministerien haben ihren Sitz in London. Unter den Beamten stößt die von der Politik eingeführte häufige Jobrotation auf wenig Gegenliebe.

Ein weiteres Problem der britischen Bürokratie ist das geringe Lohnniveau. Derzeit liegt das Durchschnittsgehalt in der Verwaltung mit umgerechnet 31.032,47 Euro deutlich unter jenem im Privatsektor. Die von der Politik oft geforderten Überflieger aus der Wirtschaft lockt man damit nicht. John Manzoni, ein früherer BP-Manager, der jetzt für den Staat in der Projektumsetzung arbeitet, sagte zur „Financial Times“: „Es fehlen uns oft die Kenntnisse und Fähigkeiten des Privatsektors.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2014)