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Das philharmonische Klangideal

(c) Wiener Philharmoniker/Terry Linke
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Die Wiener Philharmoniker sind den Salzburger Festspielen seit den 1920er-Jahren mit einer wechselvollen Geschichte verbunden.

Die Wiener Philharmoniker und Salzburg, das scheint eine unzertrennliche Einheit zu sein. Was die Festspiele im Sommer betrifft, gehört das Wiener Orchester als identitätsstiftender Faktor jedenfalls seit den Anfängen dazu. Für die Festspielgründer, voran Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, war die Verbindung zu Wien vor allem durch die Oper gegeben. Wer in Salzburg Festspiele veranstalten wollte, der sollte sich mit dem Musiktheaterwerk Mozarts, und natürlich jenem des Gründervaters Strauss (!) beschäftigen.
So wollte man zunächst Musteraufführungen von Produktionen der Wiener Staatsoper zeigen. Das gelang nur mit Anlaufschwierigkeiten. Ganz abgesehen vom „Jedermann“, der ja 1920 mutterseelenallein den Auftakt zum Salzburger Festspielgeschehen gab, wurden 1922 tatsächlich Aufführungen der Wiener Staatsoper im Landestheater gezeigt, Richard Strauss selbst dirigierte den populären „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“, was damals noch eine innovatorische Tat war! Franz Schalk stand bei der „Entführung aus dem Serail“ am Dirigentenpult. Da musizierten die Philharmoniker aber noch in ihrer Eigenschaft als Wiener Staatsopernorchester.

Das war ein Festspiel-Solitär, denn erst 1925 kam es zu einem nennenswerten Spielbetrieb von Mitte bis Ende August. 1921 aber gab es die erste Fühlungnahme der Wiener Musiker mit dem Festspielgedanken: Man bot Orchesterkonzerte im Mozarteum, bei denen Mitglieder des hauseigenen Orchesters mit solchen des Staatsopernorchesters musizierten, abendliche Programme mit Mozart-Werken, schon damals unter dem nachmals legendären Gestalter der beliebten Serenaden und Mozart-Matineen, Bernhard Paumgartner.
1925 musizierte man bereits unter dem prestigeträchtigen Namen „Wiener Philharmoniker“ unter Karl Muck, Bruno Walter und Franz Schalk, das philharmonische Rosé-Quartett steuerte schon Kammermusikprogramme bei.

Von diesem Moment an ist die philharmonische Präsenz im Salzburger Sommer garantiert. Als Bruno Walter am 12. August 1928 den Auftakt zu „Cosí fan tutte“ gibt, heißt es auf dem Programmzettel dann auch bei Opernaufführungen nicht mehr Orchester der Wiener Staatsoper, sondern: Es spielen die Wiener Philharmoniker.

Damit sichert sich Salzburg eine Papierform, die luxuriöser ist als alles, was es in der Opernwelt sonst gibt. Im Mozarteum und im (alten, später sogenannten kleinen) Festspielhaus spielt das Orchester stets eine Reihe von Konzerten. Wobei auch für Wiener Kenner die Salzburger Begegnungen mit dem Orchester unter einem besonderen Stern standen. Heute vergisst man leicht, dass über Jahrzehnte die Auftritte der Philharmoniker im Musikverein nicht unter wechselnder Leitung standen, sondern stets nur von ein und demselben Dirigenten betreut wurden. Seit 1908 hieß der philharmonische Abonnementdirigent in Wien Felix Weingartner. Erst 1927 ging die Leitung der Abonnementkonzerte auf Wilhelm Furtwängler über, 1930 übernahm Clemens Krauss, und erst 1933 begannen die Philharmoniker sich mit dem Gedanken anzufreunden, das Jahr über unter wechselnden Dirigenten aufzutreten. 
Studiert man die Salzburger Festspiel-Programme der Gründungsjahre, dann weiß man, was es für Hörer bedeutet haben mag, innerhalb weniger Tage philharmonische Konzerte unter Franz Schalk, Fritz Busch, Ernst von Dohnányi oder Hans Knappertsbusch hören zu können. Es ist eine tragische Ironie der Geschichte, dass mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland fünf prachtvolle musikalische Jahre in Salzburg heraufdämmerten: Maestri, die in Berlin oder München plötzlich unerwünscht waren oder nicht in Hitlers Reich aufzutreten wünschten, versammelten sich am philharmonischen Salzburger Dirigentenpult: Bruno Walter und Erich Kleiber, Artur Rodzinski und allen vorn natürlich Arturo Toscanini, der Bayreuth Adieu gesagt hatte und in Salzburg legendäre Produktionen betreute.
1938 war Salzburg „angeschlossen“, und Berlin entsandte aus Repräsentationsgründen die führenden Dirigenten. Wilhelm Furtwängler, Karl Böhm, Hans Knappertsbusch, später auch Clemens Krauss kehrten zurück. Der musikalische Glanz sollte so schnell nicht verblassen und übertünchte die bittere Wahrheit, bis 1944 der „totale Krieg“ auch die Abhaltung von Festspiele unmöglich machte.

Es waren aber die Wiener Philharmoniker, die sogar in diesem Moment eine Ahnung des Festspielgedankens zu bewahren wussten: Richard Strauss durfte die Generalprobe seiner „Liebe der Danae“ erleben, die Clemens Krauss dirigierte; zu einer öffentlichen Premiere kam es nicht, das Werk wurde posthum 1952 uraufgeführt. Wilhelm Furtwängler dirigierte das einzige offizielle Konzert dieses Sommers, Bruckners Achte Symphonie am 14. August. Mehr Festspiele bewilligte Berlin nicht mehr. 1945 haben bereits die alliierten Siegermächte anzuordnen, und sie erlauben immerhin Aufführungen von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ unter Felix Prohaska und einige Konzerte, zu denen aber die Wiener Philharmoniker aus der russischen Zone nicht anreisen dürfen. Erst 1946 lösen sie das Mozarteumorchester wieder ab. Seit damals gibt es aber keine Unterbrechung mehr. Über die Jahre hin dominieren zunächst die wichtigsten Maestri der nunmehr wechselnd besetzten Wiener Abonnementkonzerte, allen voran Wilhelm Furtwängler. Ende der Fünfzigerjahre sind dann Karl Böhm und die bald allmächtige Festspiel-Galionsfigur Herbert von Karajan die Salzburger Hausherren.
Eine Ära beginnt, deren musikalischer Glanz ganz wesentlich vom philharmonischen Klangideal geprägt ist, dessen Kultivierung gerade den beiden genannten Künstlern am Herzen lag. Mit Böhms Tod kam die neue Dirigentengeneration zu Salzburger Festspielehren, Maazel und Mehta, Ozawa, James Levine später Riccardo Muti waren die neuen Namen. Sie brachten ab den Neunzigerjahren konsequent auch andere bedeutende Orchester ins Spiel. Schon Karajan hatte Ende der Fünfzigerjahre „seine“ Berliner Philharmoniker regelmäßig ins Festspielhaus geholt. Heute gastieren die Berliner, das Concertgebouw-Orchester, das Philharmonia Orchestra oder das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks regelmäßig im Salzburger Sommer. Auch sitzen die Wiener Phlharmoniker längst nicht mehr bei allen Opernproduktionen im Orchestergraben. Doch haben sie unter den sommerlichen Gästen ihren Ausnahmestatus bewahrt, sind das „Hausensemble“ des luxuriösen Festivals geblieben und drücken auch dem Konzertreigen immer noch einen besonderen Stempel auf.

Wenn im diesjährigen Programm sämtliche Symphonien Anton Bruckners aufgeführt werden, dann haben die Wiener Philharmoniker dabei einen Ausnahmerang, denn die Pflege der Musik dieses Meisters steht in ihren Annalen seit den Ur- und Erstaufführungen der Symphonien an oberster Stelle!

So nimmt sich Daniel Barenboim der Vierten an, der sogenannten „Romantischen“, und koppelt sie mit einer Wiedergabe des selten gespielten „Hebbel-Requiems“ von Max Reger, bei dem niemand Geringerer als Plácido Domingo in seiner neuen Rolle als Bariton den Solopart übernehmen wird (23. Juli). Riccardo Chailly ist der Auserwählte für die abendfüllende Achte Symphonie (26./28.Juli), die in der Salzburger Chronik einen Ausnahmerang einnimmt: Furtwängler und Karajan haben dieses Werk besonders geliebt und immer wieder zu atemberaubenden Wiedergaben geführt. Philippe Jordan kombiniert die rare Zweite Symphonie mit dem prachtvollen „Te Deum“, von dem Bruckner meinte, es werde seinen Verhandlungsspielraum bei den Verhandlungen im Zuge des Jüngsten Gerichts verbessern (2./3. August). Riccardo Muti (15./16./17. August) hat nebst Schuberts Vierter Bruckners Sechste gewählt, für viele Brucknerianer eine der schönsten Symphonien des Meisters, aber von den populäreren Schwestern, die sie umrahmen, regelrecht erdrückt. Langjährige Besucher der Salzburger Festspiele werden sich erinnern: Die Sechste war einst Mutis erster Versuch auf ungewohntem wienerisch-symphonischem Terrain. Nun kommt er als Grandseigneur auf das Werk zurück.

Daniele Gatti ist der letzte Maestro im Bunde der philharmonischen Bruckner-Interpreten dieses Sommers: Er leitet eine Aufführung der Dritten, gekoppelt mit Mozarts c-Moll-Klavierkonzert (mit Lang Lang am 28./29.  August). Diese, Richard Wagner gewidmete d-Moll-Symphonie war Bruckners Schmerzenskind, auch, was die Verbindung zu den Wiener Philharmonikern anlangt, die die Uraufführung unter seiner eigenen Leitung spielten, während ein Großteil des Wiener Publikums den Musikvereinssaal verließ! Unter den wenigen, die ausgeharrt haben, war der 16-jährige Student Gustav Mahler, der sich erbötig machte, den Klavierauszug der Symphonie herzustellen, und dessen Werke heute bereits drauf und dran sind, im philharmonischen Register den Bruckner’schen Symphonien den Rang abzulaufen!

Ein einziges philharmonisches Programm des Sommers 2014 kommt ohne Anton Bruckner aus. Der venezolanische Tausendsassa Gustavo Dudamel, der aus dem aufregenden Jugendprojekt El Sistema hervorgegangene, heute international als quicklebendiger Klassikanimator beliebte Maestro, würdigt aus Anlass von dessen 150. Geburtstag den Festspielmitbegründer Richard Strauss: Die Tondichtungen „Also sprach Zarathustra“ und „Tod und Verklärung“ stehen am 23./24. August auf dem Programm, Werke, mit denen Strauss in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts seine Stellung als führender Kopf der musikalischen Avantgarde mitbegründen konnten. Ein Avantgardist aus philharmonischen Reihen kommt bei den beiden Matineen auch zu Ehren: René Staar, ein Musiker aus den Reihen des Orchesters, hat ein neues Werk komponiert: „Time Recycling“, das Dudamel zu Beginn der Programme erklingen lässt.

Vier Opernproduktionen bestreiten die Philharmoniker im Übrigen heuer als Opernorchester: „Don Giovanni“ musizieren sie unter Christoph Eschenbach in Fortsetzung des im Vorjahr begonnenen Da-Ponte-Zyklus. Dem luxuriös besetzten Verdi-„Troubadour“ mit Anna Netrebko, Plácido Domingo wird unter Daniele Gatti ebenfalls ein philharmonischer Klangteppich bereitet. Mit „Fierrabras“ widmet sich das Orchester außerdem unter Ingo Metzmacher der Raritätenpflege auf ihrem ureigensten Klanggebiet: Franz Schubert als Opernmeister ist ja nach wie vor ein auch bei den Festspielen beinah unbeschriebenes Blatt. Außerdem gibt es zum Jubiläumsjahr auch den Strauss’schen „Rosenkavalier“, den Franz Welser-Möst übernommen hat und bei dem die Musiker aufpassen müssen, denn sie werden erstmals mit der ungekürzten Version dieser im Repertoire so viel gespielten Oper konfrontiert. Es gibt auch für Mitglieder des Staatsopernorchester bei scheinbaren Heimspielen ungewöhnliche Aspekte.

("Die Presse" Kulturmagazin 7.6.2014)