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„Sexuelle Übergriffe durch Kinder leider häufig“

Jede dritte Vergewaltigung wird von Kindern verübt. Opfer schweigen häufiger als bei erwachsenen Tätern.

Wien.Ein Kind vergewaltigt ein Kind – was zunächst unglaublich klingt, gehört für Yvonne Seidler zum Alltag. „Leider passiert so etwas häufig“, sagt die Leiterin von „Hazissa“, einer Grazer Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern. In der Öffentlichkeit werde bloß nicht darüber gesprochen.

„Dieses Thema ist noch stärker tabuisiert, als es sexueller Missbrauch ohnehin schon ist“, sagt Seidler. Studien aus Deutschland zeigten, dass ein Drittel der sexuellen Übergriffe – von Grapschen bis erzwungenem Sex – auf das Konto von Kindern und Jugendlichen geht. Und zwar schon immer. „Es gibt nicht mehr junge Täter als früher, sie werden bloß erst jetzt wahrgenommen.“

Offizielle Statistiken der Polizei sucht man jedoch vergebens. Schließlich wird die große Mehrheit der Sexualstraftaten durch Kinder wegen der fehlenden Strafmündigkeit nicht verfolgt.


Sehr hohe Dunkelziffer

Der Großteil der Fälle dringe nicht einmal bis zur Polizei vor, so die Pädagogin. Opfer von jungen Tätern würden nämlich noch öfter schweigen, als wenn ein Erwachsener sich an ihnen vergeht. Einerseits, weil die Eltern sie gelehrt hätten, ihre Probleme „untereinander zu regeln“; andererseits wegen der Annahme, dass Erwachsene „ja doch nichts tun können“, erklärt Seidler. Mit der Polizei wollen sie meist nichts zu tun haben.

Kommt es in einem Fall zur Anzeige, landen Täter unter 14 nicht vor dem Richter, sondern werden von einem Sozialarbeiter betreut und nehmen – im Idealfall – an einem Präventionsprojekt teil. „In Kärnten gibt es allerdings wenig Angebot“, nimmt die Grazer Expertin Bezug auf den aktuellen Fall (siehe Artikel oben).

Gegenmaßnahmen seien unbedingt notwendig, um eine spätere „Karriere“ als Sex-Täter abzuwenden. Immerhin zeigen Studien, dass ein Drittel in der Kindheit auffällig geworden war. Das Ziel einer Therapie: „Der Bursche muss lernen, dass er seine Bedürfnisse nicht mit Gewalt durchsetzen darf.“ Und das Mädchen? „Sie braucht auf jeden Fall therapeutische Unterstützung.“ Den ersten Schritt um die Vergewaltigung zu verarbeiten habe die Achtjährige getan, indem sie ihrer Mutter Bescheid gegeben habe. Seidler: „Kinder geben sich oft selbst die Schuld. Es ist toll, dass sie den Mut gehabt hat, sich Hilfe zu holen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2008)