Museum Judenplatz: Fotoschau des Starfotografen David Rubinger zum 60.Jahrestag der Staatsgründung Israels.
Gibt es eine Aufnahme, die David Rubinger versäumt hat, einen verpassten Schnappschuss, um den es ihm nach einem langen Leben als Fotograf noch immer leid tut? Der 1924 in Wien geborene Mann, der zu einem Fotoreporter-Star bei „Time/Life“ wurde, sagt versonnen: „Ende der Siebzigerjahre trafen sich Ägyptens Präsident Anwar Sadat und Israels Ministerpräsident Menachem Begin zu Friedensgesprächen. Plötzlich geht die Tür auf, Sadat springt in den Wagen, ans Steuer, reißt die Beifahrertür auf und sagt: ,Komm, Menachem!‘ Das war ein Alptraum für die Security. Die beiden sind einige Kilometer an den Suezkanal gefahren, und ich als Einziger mit einem Bekannten hinterher. Da steht nun der Wagen am Kanal. Sadat erklärt Begin, wie der gebaut wurde, und ich fotografiere und fotografiere. Später spule ich zurück und merke, es geht sehr leicht, viel zu leicht. Ich schicke die Filme an meine Frau und sage ihr gleich am Telefon, nervös: ,Schau, was auf Rolle sechs drauf ist.‘ Nichts war drauf.“
Vielleicht sei es Vorsehung gewesen, sagt Rubinger, „damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Den Leuten von ,Time‘ habe ich das erst viel später gestanden, bei einem Jubiläum in Jerusalem, bevor sie mir eine goldene Uhr schenkten.“
Paris 1945: Eine Kamera als Geschenk
Meistens war aber sehr viel drauf auf den Abzügen von David Rubinger, der 1938 mit Hilfe der zionistischen Jugendbewegung HaShomer vor den Nazis ins britische Mandatsgebiet Palästina flüchtete. 1945 bekam er in Paris eine Kamera geschenkt. Das war der Beginn einer großen Leidenschaft, die bis heute anhält. Unlängst hat er sein Archiv mit einer halben Million Fotografien der populären israelischen Tageszeitung „Yedioth Ahronot“ gegeben, ein Leben in Bildern, genauer gesagt auch das Leben Israels; Rubinger hat die Geschichte dieses Staates seit der Unabhängigkeitserklärung am 14.Mai 1948 dokumentiert.
In der Zweigstelle am Judenplatz würdigt das Jüdische Museum Wien ab heute bis 26.Oktober2008 den großen Fotografen und sein Land. 60 Bilder aus 60 Jahren sind in drei Räumen zu sehen, sie wurden unprätentiös auf Pappkarton aufgezogen, lehnen wie absichtslos an der Wand. „Ich habe nicht die wichtigsten und sensationellsten Bilder ausgewählt, sondern die für ihr Jahr typischen. Israel besteht nicht nur aus Krieg und Politik“, sagt Rubinger, der stets auch die Not der kleinen Leute, ihre Sehnsüchte porträtiert hat, seien sie nun Juden oder Palästinenser. Das hat ihm zuhause nicht nur Freunde, international aber sehr viel Respekt eingebracht. 1997 wurde ihm der Israel-Preis verliehen, die höchste zivile Auszeichnung seines Landes.
Man sieht also die notdürftigen Unterkünfte der Flüchtlinge in der unmittelbaren Nachkriegszeit, Zelte im Bergland von Judäa 1949, Wellblechhütten 1951. Man sieht ewige Probleme: In Jerusalem herrscht 1948 Knappheit an Wasser, kübelweise wird es aus einem LKW verteilt. Die Politik ist jedoch nicht ausgespart: David Ben-Gurion, Israels erster Premier, geht nach dem Rücktritt 1953 mit seiner Frau Paula in das Kibbuz Sde Boker im Negev. Sie sieht nicht glücklich aus auf diesem Bild von 1954: „Wohin hot er mich geschleppt?“, beschwert sie sich auf Jiddisch. Die Alltagsbilder mischen sich mit Fotos von hoher politischer Symbolkraft, aber auch hier kommt es diesmal nicht auf den großen historischen Moment, das Händeschütteln der Mächtigen an, sondern auf Details, die vielleicht mehr sagen. Zum Beispiel 1979, Friede mit Ägypten: Begin stellt Sadat in Alexandria einen israelischen Soldaten vor, der im Krieg verwundet worden ist. Der ägyptische Präsident schüttelt dem Mann die linke Hand. Aus dem rechten Ärmel des Amputierten ragt eine Metallkralle.
Ein friedliches Feld, ein Schützengraben
Die heikle Beziehung zu Deutschland wird in einem friedlichen Foto dargestellt. 1963: Ein Gemüsefeld, drei junge Leute befüllen Säcke. Es sind deutsche Jugendliche, die mit der „Aktion Sühnezeichen“ nach Israel gekommen sind, um beim Aufbau des jungen Staates zu helfen. Das wirkt ganz natürlich.
Dagegen wirken Auftritte von Medienprofis gestellt. Für Rubinger und die Betrachter seiner Bilder schaufelt Israels Armeechef Moshe Dayan 1955 an einem Verteidigungsgraben gegen palästinensische Fedajin, Papst Johannes Paul II. betet für sie alle im Jahr 2000 an der Klagemauer in Jerusalem. Und 1995 ordnet der in Bücher vernarrte Spitzenpolitiker Shimon Peres seine Bibliothek. Viele Bilder aber sind nicht inszeniert, sondern Momentaufnahmen aus dem Alltag – am Bahnhof, in der Munitionsfabrik, an der Börse, im Kasino oder am Grab eines Gefallenen. Das Auswahlprinzip des Fotografen war ein simples; er suchte jene Bilder aus, die ihm am besten gefielen: „Ein Bild zu schießen bedeutet zu fühlen“, sagt er, „manchmal mit Stolz, zu anderen Zeiten mit Schmerz.“
AUF EINEN BLICK
David Rubinger wurde 1924 in Wien geboren, emigrierte 1938 in das von den Briten verwaltete Palästina. 1945 begann er mit dem Fotografieren und wurde zum Chronisten des 1948 entstandenen Staates Israel, vor allem für „Time/Life“. Er begleitete die großen politischen Momente, war in den Kriegen an vorderster Front, dokumentierte vor allem aber den Alltag.
Museum Judenplatz: „Israel. 60 Jahre – 60 Bilder. Aus David Rubingers Fotoarchiv. Bis 26.10.08. So. bis Do. 10–18, Fr. 10–14h. Eintritt 4 (ermäßigt 2,50). Katalog 7,50.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2008)