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Irak: Türkei erwägt Militärintervention

Ein Opfer eines Bombenanschlags im irakischen Falludscha wird beerdigt
Ein Opfer eines Bombenanschlags im irakischen Falludscha wird beerdigtREUTERS
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Ankara könnte gegen die Extremisten im Nachbarland vorgehen, die gegen Bagdad vorrückten. Die irakische Luftwaffe bombardierte Stellungen der Aufständischen in Mossul, das Parlament ist handlungsunfähig.

Angesichts der immer kritischer und chaotischer werdenden Lage im Nachbarland Irak erwägt die Türkei einen Militäreinsatz, der sich gegen die islamistischen Extremisten richten soll. Diese haben in den vergangenen Tagen 80 türkische Staatsbürger in ihre Gewalt gebracht, darunter einen Konsul. 31 wurden am Donnerstag allerdings wieder freigelassen.

Schon bisher hat die türkische Regierung ein Mandat für einen Einsatz gegen kurdische Rebellen im Grenzgebiet, das aber im Oktober ausläuft. "Die Disskussion dreht sich unter anderem um die Frage, ob das bisherige Mandat ausreicht oder ob ein neues Mandat benötigt wird“, sagte Justizminister Bekir Bozdag am Donnerstag. Derzeit arbeite die Regierung aber nicht an einem neuen Mandat, so Bozdag.

Die 80 Türken waren in den vergangenen Tagen von Kämpfern der Islamistengruppe Islamischer Staat im Irak und der Levante (ISIS) verschleppt worden. Bei einem Angriff auf das türkische Konsulat in Mossul wurden am Mittwoch 49 Menschen entführt, darunter sogar Spezialeinsatzkräfte der Armee. Bereits am Dienstag hatten die Islamisten 31 türkische Lastwagenfahrer in der zweitgrößten irakischen Stadt entführt. Diese Gruppe gaben die Islamisten am Donnerstag frei.

Außenminister Ahmet Davutoglu hatte mit Vergeltung gedroht, sollte den Geiseln etwas zustoßen. Auf Antrag der Türkei hatte die NATO am Mittwochabend über die Entwicklung im Irak beraten.

Vormarsch auf Bagdad

Die islamistischen Rebellen haben ihren Vormarsch im Nordirak zuletzt ungehindert fortgesetzt und immer mehr Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht. Sie drohen mittlerweile mit einem Marsch auf Bagdad und sind auf 90 Kilometer an die Hauptstadt herangerückt. Gleichzeitig hat die irakische Luftwaffe am Donnerstagnachmittag Stellungen der Aufständischen in und um Mossul bombardiert, das seit zwei Tagen in der Hand der Jihadisten ist, die dort bereits ein religiöses Schreckensregime errichteten.

Das Parlament ist derweil handlungsunfähig und schaffte es am Donnerstag nicht, den landesweiten Notstand auszurufen. Dies liegt daran, dass sunnitische und türkische Abgeordnete die Sitzung boykottierten. sie wollten dem schiitischen Premier Nuri al-Maliki keine Sondervollmachten geben.

Häme aus Russland

Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat den Vormarsch islamistischer Extremisten im Irak als einen Beleg für das Scheitern der US-geführten Irak-Invasion vor elf Jahren bezeichnet. „Die Ereignisse im Irak verdeutlichen den vollkommenen Misserfolg des Abenteuers, an dem sich die USA und Großbritannien beteiligt haben“, sagte Lawrow am Donnerstag der Nachrichtenagentur Itar-Tass.

Lawrow sieht die Einheit des Iraks bedroht. Die „Explosion des Terrorismus“ sei darauf zurückzuführen, dass die „Besatzer nichts für den nationalen Dialog getan haben". Moskau habe schon seit langem davor gewarnt, dass der Einmarsch der USA und Großbritanniens „kein gutes Ende haben wird“, erklärte Lawrow. „Vor elf Jahren hat der US-Präsident den Sieg der Demokratie im Irak verkündet, seitdem hat sich die Lage drastisch verschlechtert.“


(APA/Reuters)