Teilen statt kaufen: "Das Natürlichste der Welt"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken

Eine Gruppe hat eine Bibliothek für Gebrauchsgegenstände eröffnet. Zum Ausleihen - und Erzählen, was man mit den geborgten Dingen erlebt hat.

Als alles losging, wurden gleich einmal die eigenen Wohnungen durchforstet. Gabriella Lorenz (25) fand ein Racletteset und ein Mischpult, Daniel Gusenbauer (24) ein Moskitonetz, einen Gaskocher und eine Handkreissäge, Thomas Siebenbrunner (22) gleich mehrere Griller. Inzwischen stapelt sich eine Fülle von Dingen in dem kleinen Ecklokal in Wien Ottakring, in dem die drei gemeinsam mit vier anderen jüngst den ersten Leihladen der Stadt aufgesperrt haben.

Er funktioniert eigentlich wie eine Bibliothek, nur eben für Gebrauchsgegenstände. Wer einen geringen Jahresbeitrag zahlt, kann sich Dinge ausborgen. Demnächst soll man online nachsehen können, was vorhanden ist, und Gegenstände auch im Voraus reservieren können. Vorerst geht das offline. Da sind etwa: ein Tandem, eine Massagebank, eine Bohrmaschine, ein Schokobrunnen, eine E-Gitarre, Zelte. Gegenstände, die man bisweilen brauchen kann – aber eben nicht dauernd.

Insgesamt gibt es rund 150 Artikel zur Auswahl, es werden laufend mehr. Nicht nur, weil die Initiatoren weiter ihre eigenen Wohnungen plündern, sondern auch, weil jedes Mitglied zum Einstand einen Artikel mitbringen und dem Laden schenken (oder leihen) soll.

„Eigentlich ist es ja das natürlichste Konzept der Welt“, meint Gusenbauer. „Ausleihen ist überhaupt nichts Neues.“ Der Leihladen ist also ein Revival der traditionellen Nachbarschaft. Und er trifft irgendwie einen Nerv. Teilen ist in, Nutzen ist das neue Besitzen. Entsprechende Plattformen boomen im Internet. Spätestens mit Carsharing ist Teilen (statt Kaufen) auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Die konkrete Idee für den Leihladen haben die Initiatoren aus Berlin – woher sonst? Darauf gestoßen sind sie trotzdem in Wien, als sie den Gründer des Berliner Leihladenprototyps vor gut einem Jahr bei einem Kongress kennengelernt haben. „Ziemlich schnell war klar: So etwas wollen wir auch machen“, erzählt Lorenz. Gefunden hat sich dafür eine Gruppe von jungen Leuten, alle in ihren Zwanzigern, teils Studenten, teils Berufstätige, die sich schon vorher mit allerhand Fragen des alternativen Wirtschaftens beschäftigt haben. Den Leihladen betreiben sie ehrenamtlich, irgendwann sollen zumindest die Ladendienste bezahlt werden können.

Date mit dem geborgten Tandem

Verzicht bedeutet das Konzept „Teilen statt kaufen“ nicht unbedingt. „Im Gegenteil“, sagt Siebenbrunner. „Das ist es, was uns allen gefallen hat: Gerade weil man nachhaltig handelt, hat man ein Plus an Lebensqualität.“ Man spart Geld, weil man nicht alles kaufen muss, und kann für einen eingebrachten Gegenstand hunderte andere nutzen. Nur eben nicht ständig. Daran müssten sich viele Leute erst gewöhnen.

Gleichzeitig ist der Leihladen eine Möglichkeit, sich von Sachen zu befreien, die man nur ein paar Mal im Jahr braucht – oder die überhaupt verstauben. Vielleicht erfährt man sogar, was jemand anderer damit erlebt hat – wer will, kann das auf der Homepage erzählen. Gabriella Lorenz: „Da könnte dann stehen: ,Ich hatte einen tollen Urlaub mit dem geliehenen Koffer oder ein super Date mit dem Tandem.‘“

AUF EINEN BLICK

Der Leihladen (Herbststr. 15, 1160 Wien) ist eine Bibliothek für Gebrauchsgegenstände. Es gibt u.a. Sportartikel, Reiseausstattungen, Werkzeuge, Instrumente und Kinderartikel. Die Leihdauer ist flexibel. Jahresbeitrag: 36 Euro (ermäßigt 24 Euro). Geöffnet Di (9–13 Uhr), Do (16–20 Uhr) und Sa (15–19 Uhr).

www.www.facebook.com/leihladen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2014)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.