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Sei freindlich, du Trottl!

Das „Jedmayer“, die Drogenszene und die Wiener Polizei: Eine eingespielte Situation droht zu eskalieren.

Ich wohne in Wien bei der U6-Station Gumpendorfer Straße. Daneben betreibt die Suchthilfe seit zwei Jahren das „Jedmayer“, eine niederschwellige sozialmedizinische Einrichtung und Drogenberatungsstelle. Oft bahne ich mir mit zwei Kindern (drei und fünf) zwischen deren Klienten den Weg. Ehrlich gesagt, war mir am Anfang dabei ein bisschen mulmig. Da sind ja wilde Kerle dabei.

Wo sich Suchtkranke aufhalten, wird gedealt und gestritten, manchmal mit Lautstärke. Suchtkrankheit ist bekanntlich ein schlechter Job, denn die müssen ihm auch an Sonn- und christlichen Feiertagen nachgehen, ihre Stimmung ist also tendenziell gereizt. Gelegentlich geschieht Seltsames: In der kalten Jahreszeit lungerte eine junge Frau am Ausgang der U-Bahn-Station und rief: „Zuamochn! Zuamochn!“ Sie versuchte gegen den Passantenstrom durchzusetzen, dass die grünen Schwingtüren geschlossen blieben: „Es ziagt so, es ziagt so!“

Ein anderes Mal stand uns ein fertiger Typ mit extrem langsamer Reaktionszeit und Zigarette in Kinderaugenhöhe im Weg. Schlecht gelaunt brauste ich auf: „Jetzt komm, weg da!“, worauf er mit überraschender Klarheit zurückgab: „Sei freindlich, du Trottl, i hob a des Recht, wiara Mensch behandelt zu werden.“ Womit der Typ mit der langsamen Reaktionszeit eigentlich recht hatte.


Stänkerer bleiben unter sich

Bald begriff ich, dass uns letztlich keine Gefahr droht. Die Stänkerer bleiben unter sich. Und sie werden ohnehin von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern professionell betreut. Wir lebten ganz gut mit den Leuten zusammen. Vor einem halben Jahr begannen jedoch massive Kontrollen durch die Polizei, täglich, nun alle drei Stunden. Im Umgang mit Süchtigen sichtlich unausgebildete Beamte perlustrieren und kontrollieren rund um die Einrichtung sinnlos kreuz und quer – was wollen die bei Drogenkranken finden, etwa Drogen? Werden sie. Meldevergehen? Fliegen wohl ebenfalls auf.

Schlimmer ist, dass die ständigen Razzien, wie ich beobachte, ein Klima der Furcht und Aggression erzeugt haben. Eine eingespielte Situation droht nun immer öfter zu eskalieren, denn die potenziell zu Kontrollierenden ziehen sich in dunkle Ecken zurück oder betreiben ihre Geschäfte hastig und unter massivem Stress. Zu meiner Überraschung versprach Wiens Sucht- und Drogenkoordinator den Anrainern in einer Boulevardzeitung jüngst „mehr Polizeipräsenz“. Zum Teufel, noch mehr? Auf meinen offenen Brief schwieg er zunächst. Ich erhielt nur eine professionelle und tendenziell zustimmende Reaktion vom Bezirksvorsteher. Nach neun Tagen hakte ich nach. Jetzt reagierte der Koordinator sofort: Er plane, auf mein Schreiben „nicht mit Textbausteinen“ zu antworten (auf diese Idee wäre ich überhaupt nicht gekommen), wofür er „eine Reaktionszeit von 14 Tagen nicht unverschämt“ fände.

Nach 14 Tagen bekräftigte der Mann mit der langsamen Reaktionszeit in einem fachlich kompetenten, freundlichen, doch ziemlich maßregelnden Brief, in dem er mir Polizeifeindlichkeit unterstellte, seine Sehnsucht nach zusätzlichen Einsätzen, da sich „PassantInnen subjektiv unsicher fühlen – und dies, obwohl die dortige Lage für Unbeteiligte ja objektiv durchaus als sicher bezeichnet werden kann“. Ich hingegen, ohne große Lust, die Exekutive zu diskriminieren, denke weiterhin, dass Polizei dort hingehört, wo es objektiv unsicher ist. ■


Martin Amanshauer, Jahrgang 1968, lebt als Autor und Reisejournalist in Wien. Dieser Tage erscheint bei Picus sein Buch „Falsch Reisen. Alle machen es“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2014)