Rolling Stones: Dieses Teenage bleibt uns bis zum Tod

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Am Montag treten die Rolling Stones zum zehnten Mal in Wien auf. Sie sind über 70 – doch keiner fragt mehr, ob das nicht zu alt sein könnte. Ist der Rock 'n' Roll ein Altherrensport geworden? Wo bleibt der »Young Man Blues«? Warum singt Jagger nicht mehr »Mother's Little Helper«? Und was sagt Mephisto dazu?

„What a drag it is getting old!“ Mit diesem Satz beginnt ein Song, den die Rolling Stones verständlicherweise nie live spielen: „Mother's Little Helper“, der erste Track auf dem Album „Aftermath“ (1966), ein höhnisches Liedchen über Mütter, die den Psychopharmaka verfallen sind. Ob Mick Jaggers geliebte Mutter, Eva, es gehört hat? Sie war damals 53. Ihr Sohn ist heute 70, seit Kurzem Urgroßvater, und er singt immer noch, bei jedem Konzert, ganz am Schluss, den Song, der in den Sechzigerjahren als Fanal der aufbegehrenden Jugend verstanden wurde und heute noch in ältesten Knochen juvenile Zuckungen weckt: „(I Can't Get No) Satisfaction“.

„I'd rather be dead than sing ,Satisfaction‘, when I'm 45“, hatte Mick Jagger einst erklärt, nach anderen Quellen soll er die Altersgrenze mit 40 oder sogar mit 33 angegeben haben. Schärfer noch sagte es Pete Townshend beziehungsweise Roger Daltrey, sein Sprachrohr bei der Band The Who, 1965: „Hope I die before I get old“, stotterte Daltrey in „My Generation“.

Altersdiskriminierung? „My Generation“ wurde oft nachgespielt, u. a. von Patti Smith und Oasis, die vielleicht bemerkenswerteste Coverversion erschien 2007, von einer Band namens „The Zimmers“, die damals ein Durchschnittsalter von 78 Jahren hatte, der Name kommt von einer in England bekannten Firma für Gehhilfen. Den Who, die „My Generation“ damals selbstverständlich noch im Live-Programm hatten, sagte man indessen längst nach, sie sollten ihren Bandnamen aufgrund ihrer (freilich nicht nur durchs Alter bedingten) Schwerhörigkeit auf „The What“ ändern . . .

Nein, Altsein ist ganz offensichtlich keine Schande, kein Nachteil mehr in der heutigen Popmusik. Das gilt für alle Sparten. Auch für Heavy Metal. Beim Nova-Rock-Festival, das derzeit in Nickelsdorf stattfindet, haben die Headliner-Bands gestern, Samstag, und heute, Sonntag, ein Durchschnittsalter von 65 Jahren (Black Sabbath) bzw. 58 Jahren (Iron Maiden). Sieht nicht gerade nach Dominanz der Jugend aus.

Gegen etwaige letzte Reste der Altersdiskriminierung im Pop wehrt sich z. B. Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards, der nicht viel jünger aussieht als seine 70-jährige Haut, beharrlich. „Immer diese Nörgelei, dass wir alte Männer sind“, schrieb er in seiner Autobiografie „Life“: „Tatsache ist doch: Wenn wir schwarz wären und Count Basie oder Duke Ellington hießen, würde uns jeder anfeuern, yeah, yeah, yeah. Für weiße Rock'n'Roller in unserem Alter ist so etwas anscheinend nicht vorgesehen.“

Der gute Richards denkt da offensichtlich an die Vergangenheit seiner Zunft. In seinen Anfängen war der Rock 'n' Roll tatsächlich, was er heute längst nicht mehr ist: eine exklusiv jugendliche Kulturform, der Soundtrack der Teenager, die in den Fünfzigerjahren erstmals von der Unterhaltungsindustrie entdeckt wurden. „Als sie losgingen und nach Sachen suchten, für die sie ihr frisch erworbenes Geld ausgeben konnten, fanden sie absolut nichts“, schrieb Pop-Chronist Nik Cohn: „Sie hatten keine eigene Musik, keine eigene Mode, keine eigenen Clubs – eben keine Stammesidentität. Alles mussten sie mit den Erwachsenen teilen.“ In seinem – von den Who nachgespielten – „Young Man Blues“ fasste Mose Allison das in den zornigen Schrei: „A young man ain't got nothing in the world these days!“

Bis dann eben der Rock 'n' Roll kam. „Hail, hail, Rock 'n' Roll, deliver me from the days of old“, sang Chuck Berry 1957 in „School Days“: Das Leben beginnt, wenn die Pausenglocke läutet, wenn „Sweet Little Sixteen“, wie es in einem anderen seiner großen Songs heißt, den „grown-up blues“ spürt. Der bekommt dann Anfang der Twens einen leicht bitteren Beigeschmack. „I was 21 years when I wrote this song; I'm 22 now, but I won't be for long; time hurries on“, sangen Simon And Garfunkel 1967 in „Leaves That Are Green“. Texter Paul Simon war damals 25, so wie der britische Singer-Songwriter Billy Bragg, der 1983 in „New England“ diese Zeilen (wenn auch ohne den Nachsatz „Time hurries on“) einfach übernahm.

Derselbe Jahressprung ging auch dem jungen James Osterberg alias Iggy Pop durch den Kopf, als er seine Fadesse im Stooges-Song „1969“ so beschrieb: „Last year I was 21, I didn't have a lot of fun, and now I'm gonna be 22, I say oh my and a boo-hoo.“

Nun ja, 21 und 22, das geht ja noch. Aber wie wird es, wenn wir dann noch älter werden? Können, dürfen wir überhaupt älter werden? Diese Frage hat den Pop schon geplagt, als seine Proponenten noch keine 30 waren. Paul McCartney war 25, als er „When I'm Sixty-Four“ sang, das war 1967. Jethro Tull ließen sich 1968 auf dem Cover ihres ersten Album „This Was“ als alte Männer abbilden; acht Jahre später veröffentlichten sie „Too Old To Rock 'n' Roll: Too Young To Die“. Neil Young sang 1972: „Old man, look at my life, I'm a lot like you were.“ Er singt den Song heute immer noch, genauso wie das genauso dick auftragende „Heart of Gold“: „And I'm growing old“, heißt es darin in edler Resignation.

Als die Musik starb. Das war damals, 1972, keine Koketterie. Todesfälle führen einem immer die eigene Endlichkeit vor Augen, und der Pop hatte gerade eine massive Häufung von Todesfällen hinter sich: Brian Jones 1969, Jimi Hendrix 1970, Janis Joplin 1970, Jim Morrison 1971, um nur die Größten zu nennen. Don McLean schrieb seinen Song „American Pie“ – mit der Schlüsselzeile „The day the music died“ – zwar in Gedenken an die frühen Rock 'n' Roller Buddy Holly, Ritchie Valens und J. P. Richardson („The Big Bopper“), die 1959 bei einem Flugzeugabsturz gestorben waren, doch er wurde stets mit der aktuellen Sterbewelle assoziiert.

Im Konzert der Rolling Stones im Hyde Park am 5. Juli 1969 gedachte Mick Jagger seines verstorbenen Exgitarristen Brian Jones mit Zeilen aus Shelleys Elegie „Adonais“: „Peace, peace! He is not dead, he doth not sleep, He hath awaken'd from the dream of life.“ Nein, es sind wir, die Überlebenden, die verloren sind, heißt es weiter bei Shelley: „We decay like corpses in a charnel; fear and grief convulse us and consume us day by day.“
Durch „Gimme Shelter“, einen der großartigsten Songs der Rolling Stones, scheint der Sturm aus diesen Zeilen zu wehen. Acht Jahre später widmeten die Stones auf dem Cover von „Love You Live“ ihrem verstorbenen Toningenieur Keith Harwood ein Zitat von Oscar Wilde: „Those whom the gods love grow young.“ Nicht „die young“, sondern „grow young“. Auch eine Möglichkeit, das Paradoxon des Pop zu formulieren: Er altert mit seinen Akteuren und Konsumenten, bleibt aber trotzdem dem Lebensabschnitt treu, den er von Beginn an gefeiert hat, der Jugend. Er ist sozusagen im Rückblick jung, ein ewig rollendes Retro-Rad der Erinnerung an die „Glory Days“ der Adoleszenz. In denen man mit Patti Smith rief: „I'm so goddamned young!“ Oder mit der Britpop-Band Suede auf alle lästige Fragen eine Antwort hatte: „Because we're young.“ So halt. Oder gar, deutlich ironischer, mit dem Neue-Welle-Duo DAF skandierte: „Schön und jung und stark.“ Der Song hieß übrigens „Verschwende deine Jugend“; er klingt noch sarkastischer, wenn's nichts mehr zu verschwenden gibt . . .

So ist die Frage, bis zu welchem Alter man heute Rock- bzw. Popmusiker sein kann, längst beantwortet: Bis zum Ende. Bis zum Tod. James Brown hat das Motto bereits 1973 ausgegeben: „Doing It To Death“. Die erste und zweite Generation des Rock 'n' Roll weigern sich standhaft, zu Lebzeiten abzutreten, und sogar die dritte Generation, die Punk-Generation, gefällt sich in der Altherren- bzw. Altdamenseligkeit. „Rock 'n' Roll is an old man's game now“, sagte der liebenswerte (und erst 61-jährige) Robyn Hitchcock unlängst, „so I'm staying in it“.

Das ist verständlich: Keine Kulturform ist so vergangenheitsselig wie die Popmusik, es gilt heute als völlig normal, dass eine junge Band wie die Beatles, wie The Stooges und/oder wie Velvet Underground klingt und auch gar nicht anders klingen möchte. So wird für Popkritiker in den nächsten Jahren der Nachruf die wichtigste Textform sein. Dem Pop steht bevor, was der Jazz hinter sich hat: der Abschied von seinen letzten Gründervätern und -müttern. Die in Wahrheit keine Nachfolger haben: Niemand denkt heute mehr im Ernst daran, dass der Titel „Greatest Rock 'n' Roll Band on Earth“, den sich die Rolling Stones erworben haben, je à la Iffland-Ring an eine andere Band weitergegeben werden könnte.

The Last Time?
Kein Wunder, dass der Abschied schwerfällt. Und das seit Jahrzehnten. Schon 1982, beim ersten Rolling-Stones-Konzert im Praterstadion (davor war die Stadthalle ihr Wiener Stammlokal), summten viele: „This could be the last time . . .“ Es war noch lange nicht das letzte Mal. Heute tragen Menschen, die über ein halbes Jahrhundert jünger als die Rolling Stones sind, ihr Lippen-und-Zunge-Emblem auf dem T-Shirts. Und applaudieren ihnen. Bis heute bleibt Mick Jagger das Schicksal des Mephisto erspart, der dem „jüngeren Parterre“ sagen muss: „Ihr bleibt bei meinem Worte kalt, euch guten Kindern lass ich's gehen; bedenkt: Der Teufel, der ist alt – so werdet alt, ihn zu verstehen!“

Vielleicht fällt dem alten britischen Bildungsbürger Sir Michael Philip Jagger manchmal dieses Faust-Zitat ein. Und dann singt er vielleicht gerade „Sympathy for the Devil“: „Please allow me to introduce myself . . .“ Einmal geht's immer noch.

Viele alte Songs

Die Setlist
Was die Stones zuletzt am 13. Juni in Paris spielten: Jumpin' Jack Flash (1968), You Got Me Rocking (1994), It's Only Rock 'n' Roll (1974), Tumbling Dice (1972), Wild Horses (1971), Doom And Gloom (2012), Bitch (1971), Out of Control (1997), Honky Tonk Women (1969), You Got the Silver (1969), Can't Be Seen (1989), Midnight Rambler (1969), Miss You (1978), Gimme Shelter (1969), Start Me Up (1981), Sympathy for the Devil (1968), Brown Sugar (1971), You Can't Always Get What You Want (1969), Satisfaction (1965).