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Plastik: Plage oder Paradies?

(c) APA/EPA/ANTONIO DASIPARU (ANTONIO DASIPARU)
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»Plastikgift« in unseren Getränken, tonnenschwere Müllinseln in den Ozeanen. Nach einem Jahrhundert im Plastikzeitalter ist das Image der Kunststoffe ruiniert. Zu Unrecht? Bei aller Kritik: Unser Leben ohne Plastik würde der Erde nicht weniger abverlangen.

Plastik im Bier! Spätestens nach dieser Meldung aus Deutschland war das Maß voll. Europas Gesundheitsministerien und die Lebensmittelbehörde EFSA rückten zwar prompt aus, um zu versichern, dass die winzigen Kunststofffasern, die etwa durch Zahnpasten ins Wasser gelangen, aus heutiger Sicht keine Gefahr für den Menschen darstellen. Doch eine psychologische Grenze war überschritten. Plastik, und sei es noch so klein, hat im liebsten Getränk vieler Deutscher und Österreicher nichts verloren.

Dabei ist dieses Mikroplastik nur die Spitze des Müllbergs. Nach einem guten Jahrhundert im Kunststoffzeitalter sind die ungeliebten Nebenwirkungen des billigen Werkstoffs kaum zu übersehen: In der Donau schwimmen mehr Kunststoffteilchen als Jungfische, in den Weltmeeren verenden Fische und Vögel an hunderten Tonnen Plastikschrott und wer aus Plastikflaschen trinkt, bekommt die Hormone mitunter gleich mitgeliefert. Nur, wenn die EU das Plastiksackerl zum Feind erklärt, findet der Kunststoff heute noch Freunde.

Leben in Plastik.
Es stimmt, die gewaltige Menge an Kunststoffmüll ist ein Problem und manche Zusatzstoffe für den Menschen gefährlich. Zwei wichtige Punkte gehen aber meist unter. Erstens: Kunststoff ist nicht gleich Kunststoff. In den meisten Verbindungen sind weder Weichmacher noch andere gefährliche Stoffe enthalten. Und zweitens: Unser heutiges Leben wäre ohne Kunststoffe nicht vorstellbar.

Auf Tupperware-Partys, folierte Bananen und vielleicht sogar Gummienten könnten wir noch verzichten. Doch der Kunststoff dringt viel tiefer in unser Leben ein. Nach der Geburt nuckeln wir an Plastikschnullern, wir kleiden uns in Plastik, schälen unser Essen aus Plastik. In einer Welt ohne Kunststoffe hätten wir keine Handys, keine modernen Prothesen, keine Computer, keine Sicherheitsgurte und Reifen nur aus Holz. Es hat einen Grund, warum Wissenschaftler wie der Kunststoffchemiker Wolfgang Kern von der Montanuniversität Leoben vom Werkstoff schwärmen. Kunststoffe sind so, wie die Menschen sie haben wollen: je nach Wunsch hart oder weich, durchsichtig oder bunt, immer aber extrem leicht. Mit Kunststoffen hat es die Menschheit geschafft, teure Naturstoffe zu ersetzen. Erst seit der Erfindung von Nylon müssen etwa keine Seidenraupen mehr für die Erzeugung von Fallschirmseilen schuften.

290 Tonnen im Jahr
. Die Statistik verdeutlicht den wirtschaftlichen Siegeszug der Kunststoffe: 2012 wurden allein in der EU 300 Milliarden Euro Umsatz mit Kunststoffprodukten gemacht. Weltweit wurden 288 Millionen Tonnen Kunststoff erzeugt, schätzt Plastics Europe, die Lobbyvereinigung der Branche. Vor 30 Jahren lag die Produktion noch bei einem knappen Fünftel.

Die ökonomischen Vorteile sind offensichtlich: Fünf Prozent der Erdölproduktion genügen für die Erzeugung aller Kunststoffe im Jahr. Den Ressourcenverbrauch holen sie dank ihres geringen Gewichts schon beim Transport wieder herein. „Das EU-Parlament schießt mit Kanonen auf Spatzen“, sagt Reinhold Lang, Vorstand der Chemie und Kunststofftechnik an der Johannes-Kepler-Universität in Linz, zur „Presse am Sonntag“. Ein durchschnittlicher Österreicher belastet die Umwelt mit all seinen Plastiksackerln im Jahr etwa so sehr, als würde er 15 Kilometer mit dem Auto fahren. Würde die Menschheit auf Kunststoffe verzichten (und weiterleben wie bisher), käme das die Erde teuer zu stehen, hat der Wissenschaftler berechnet: Die Gesamtmasse der Produkte würde um das 3,7-fache steigen, der Energieverbrauch um 57 Prozent, die Treibhausgase um 61 Prozent.

Noch ein Mann rüttelt an den Plastikmythen. Der Pionier der Umweltbewegung, Friedrich Schmidt-Bleek, hat eben sein Buch „Grüne Lügen“ vorgelegt. Er blickt darin auf den ökologischen Fußabdruck der Produkte und kommt zu der Erkenntnis: „Natürliche“ Güter wie Baumwolle sind wegen des hohen Wasserverbrauchs in der Produktion oft umweltschädlicher als Kunststoffe. Die Produktion von Klarsichtfolien benötigt etwa 200-mal weniger Ressourcen als Aluminium. Über die Giftigkeit der Produkte macht sich Schmidt-Bleek allerdings keine Gedanken. Denn was für Menschen gefährlich sei, müsse nicht schädlich für die Umwelt sein, argumentiert er.

Plastikgigant China. Die Menschen beschäftigt eher die Frage nach Weichmachern, Hormonen in Babyflaschen und Mikroplastik im Bier. Gefährlich ist meist nicht der Kunststoff, sondern zur Verarbeitung zugesetzte Stoffe. Sie können sich lösen und gelangen so in die Nahrungskette. Belegt ist etwa, dass Bisphenol A, Bestandteil einiger Kunststoffflaschen, bei Hitze freigesetzt werden kann und dann wie ein Hormon auf den Körper wirkt. Und auch wenn Mikroplastik per se nicht giftig ist, kann es aufgrund der großen Oberfläche Träger für schädliche Substanzen sein.

Prinzipiell vor Kunststoff fürchten muss sich deswegen aber niemand. Mehr als die Hälfte der Kunststoffe sind Polyethylen oder Polypropylen. Sie seien „komplett ungefährlich“, sagt der Chemiker Kern. Schließlich finde sich darin nur Kohlenstoff und Wasserstoff. Wasser aus PET-Plastikflaschen zu trinken sei weitgehend unbedenklich, bestätigt auch die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages). Zwar können bei langer Sonneneinstrahlung geringe Mengen Acetaldehyd ins Wasser übergehen. Das verändert mitunter den Geschmack, klingt sonst aber dramatischer, als es ist. Der Stoff ist – in weit größeren Mengen – auch in Obst und Gemüse enthalten. Anders ist das bei Flaschen aus Polycarbonat. Hier kann sich bei Erhitzung eben Bisphenol A lösen, das für Menschen schädlich ist.

Auch Weichmacher wie Phtalate, die den Organismus von Kindern schädigen können, finden sich – trotz gesetzlichen Verbots – noch immer in vielen Kinderspielzeugen, wie Erhebungen der Ages belegt haben. Die meisten von ihnen kommen aus Asien, wo fast die Hälfte des weltweiten Kunststoffs erzeugt wird. Wer Produkte in die EU einführt, muss sich zwar prinzipiell an hier geltende Normen halten. Doch schwarze Schafe finden sich immer wieder, und flächendeckend kontrollieren kann das niemand.

Der Mensch ist das Problem.
Auch das zweite Problem des Kunststoffzeitalters zeigt sich am stärksten in Asien: die Müllberge. Von 288 Millionen Tonnen jährlich erzeugtem Plastik ist über ein Drittel für Verpackungen bestimmt. Die meisten reißt man auf – und wirft sie weg. Die Kräuter in der Plastikschicht halten vielleicht ein paar Tage länger, die Verpackung hält 450 Jahre. „Ich halte nichts von kurzlebigen Kunststoffprodukten“, sagt Kern. „Da ist es schade um den Rohstoff.“ Jedes Jahr wächst der Plastikmüll um 25,2 Millionen Tonnen.

Dabei müsste es das Dilemma gar nicht geben: Kunststoffe lassen sich sehr gut wiederverwerten. In Ländern wie Österreich passiert das mit über 98 Prozent des Plastikmülls auch. Andernorts kann man davon nur träumen. Da liegen die Recyclingquoten unter zehn Prozent. Der Rest landet auf der Straße, im Wald oder in den Ozeanen – und verursacht dort all die bekannten Folgeschäden.

Doch nicht der Kunststoff ist das Problem, der Mensch ist es. Eine Plastik-Askese ist nicht nötig. Wohl aber, dass Menschen lernen, „überflüssiges“ Plastik zu meiden und gebrauchten Kunststoff richtig zu entsorgen. Auch ein „Plastic Planet“ kann ein guter Ort sein. Wenn die Menschen wissen, wie sie mit dem Rohstoff umgehen.

Kunststoffe

Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP) sind die beiden mit Abstand am häufigsten verwendeten Kunststoffe. Sie bestehen aus Kohlenstoff und Wasserstoff und kommen in der Automobilindustrie, als Lebensmittelverpackungen, Flaschen, Getränkekisten, Fässer oder Schüsseln zum Einsatz.
Polyethylenterephthalat (PET) ist eine langkettige chemische Verbindung aus Terephthalsäure und Ethylenglycol. PET-Flaschen sind empfindlich gegenüber heißem Wasser. Bei Temperaturen über 21 Grad kann sich das farblose Gas Acetaldehyd lösen.
Polyvinylchlorid (PVC) galt aufgrund des hohen Chloranteils und der bei der Verbrennung entstehenden Nebenprodukte wie Chlorgas und Chlorwasserstoff lange als umweltschädlichster Kunststoff. Zudem ist das zur Herstellung benötigte Vinylchlorid krebserregend. Im Weich-PVC kommen die berüchtigten Weichmacher zum Einsatz.
Weichmacher und Phthalate halten Kunststoffprodukte geschmeidig. Die bedeutendste Gruppe der Weichmacher sind die Phthalate. Sie kommen in Tapeten, Kinderspielzeug, Lacken, Anstrich- und Beschichtungsmitteln und Kosmetika vor. Phthalate werden durch Kontakt mit Wasser oder Fett aus den Materialien herausgelöst. Manche Phthalate stuft die EU als fortpflanzungsgefährdend ein, sie sind daher in Spielzeug verboten. Bei einem Test der Ages waren in neun von 81 Proben dennoch Phthalate enthalten.
Bisphenol A (BPA) dient als Baustein für die Herstellung von Polycarbonat-Kunststoff (PC). Polycarbonat wird unter anderem für Kunstglas, Mikrowellengeschirr oder Wasserkocher verwendet. Die Substanz kann hormonähnlich (östrogen) wirken, hat aber eine geringe akute Giftigkeit. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) warnt, dass BPA bei chronischer Aufnahme wahrscheinlich eine schädliche Wirkung auf Nieren und Leber hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2014)