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»Ich habe Sehnsucht nach neuen Freunden«

Otto Schenk: „Ich habe keine Zukunft, ich habe nur eine Vergangenheit und eine wilde Wahrheitssucht.“(c) Philipp Splechtna
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»Inszenieren macht mir keinen Spaß. Es macht mir Angst. Ich will es nie wieder tun!«, sagt der Schauspieler und Regisseur Otto Schenk wenige Tage vor der Premier von »Das schlaue Füchslein« von Leoš Janáček an der Wiener Staatsoper. Nach 26 Jahren führt der 84-Jährige dort erstmals wieder Regie. Sein »Steinpilz«, Dominique Meyer, hat damit etwas zu tun.

Ihr Arbeitszimmer ist von oben bis unten proppenvoll mit Büchern. Unglaublich.

Otto Schenk: Ja, sie erdrücken mich.

 

Wirklich? Ich finde, Bücher haben etwas Trostspendendes.

Schon, aber dieser Vorwurf – er ist schwer zu ertragen. Es sind doch so viele Bücher hier, die ich nicht mehr lesen können werde.


Und einige werden Sie schon öfter gelesen haben.

Manche sind mir beim zweiten Mal völlig fremd gewesen.


Zum Beispiel?

„Malte Laurids Brigge“ von Rainer Maria Rilke, ich sage das ungern. Als ich 18 Jahre alt war, habe ich „Brigge“ über alles geliebt. Heute aber – der Pathos, der Schwung, der war mir zu jugendlich. Ich glaube, ich habe das Buch nicht einmal mehr verstanden. Mit Thomas Mann und dem Zauberberg habe ich es da einfacher gehabt. Den habe ich auch gerade wieder gelesen.

 

Zur Musik: Sie inszenieren erstmals nach 26 Jahren wieder von Leoš Janáček „Das schlaue Füchslein“ an der Wiener Staatsoper. Wieso wollten Sie hier so lange nichts mehr inszenieren?

Ich will nichts mehr und werde auch nichts mehr inszenieren nach dieser schweren Arbeit. Ich glaube nicht, dass ich dafür gesund genug bin, es kostet sehr viel Kraft.

 

Aber es macht Ihnen doch auch Spaß.

Nein, es macht mir Angst, und ich überwinde die Angst über den Humor, über die Musik. Ich muss immer ein Schlupfloch finden, wo ich mich nicht umbringen möchte. Wenn man die Arbeit beginnt, ist man plötzlich im Niemandsland der Illusionslosigkeit, und der ganze Apparat drückt auf einen. Dann soll man noch gute Laune vermitteln. Dabei weiß man ja, was alles schiefgehen kann.

 

Wenn ich Ihnen zuhöre, frage ich mich, wie es Staatsoperndirektor Dominique Meyer überhaupt gelingen konnte, Sie wieder zum Inszenieren zu bewegen!

Er ist mein Steinpilz!

Sie sind also ein Pilzsammler.

Und wenn Sie selbst auch einer sind, wissen Sie, was das Finden eines Steinpilzes für mich bedeutet, vor allem, wenn er groß und ohne Würmer ist.

 

Wann haben Sie Steinpilz Meyer gefunden?

Ich weiß nicht, er ist auf mich zugegangen. Er saß bei den Proben zur Wiederaufnahme des „Rosenkavaliers“ immer bei mir und da spürte ich so eine warme Verehrung für mich!

 

Und wer wird nicht gerne verehrt?

Ich werde nicht gerne verehrt. Aber es rührt mich, wenn mich jemand gerne hat. Ich habe Meyer auch sehr gerne. Er hat mir beim „Schlauen Füchslein“ eine wunderbare Besetzung geschenkt. Er macht möglich, was möglich zu machen ist an diesem Haus, das ja jeden Abend eine andere Vorstellung bringen muss. Aber ich weiß, dass ich mich mit meinen Sorgen immer an ihn wenden kann, und dass das Mindeste, was ich vorfinde, ist, dass ich ihm leidtue. Meistens aber versucht er einen Bypass zu legen, damit das Blut wieder durchfließen kann. (Pause.) Inszenieren ist sehr anstrengend. Aus meinem Taufschein geht auch hervor, dass ich 84 Jahre alt bin.

 

Fühlen Sie sich auch wie 84 Jahre?

Manchmal schon, weil die Älteren alle tot sind und sogar die Jüngeren schon wegsterben.

 

Dass die Freunde wegsterben könnten, das stelle ich mir am Älterwerden am schlimmsten vor.

Grauenhaft, unlösbar! Eberhard Waechter, Rolf Langenfass, Gerhard Brenner, alles Freunde, die ich ungerechterweise überlebt habe. So empfinde ich das.

 

Wieso ungerechterweise ?

Die waren ja alle viel lebendiger als ich. Und jetzt sind sie weg. Deswegen ist so eine kleine Sehnsucht nach neuen Freunden entstanden. Und zu diesen Freunden gehört Dominique Meyer dazu. Beim Kennenlernen von Michael Niavarani habe ich auch so ein Aufflackern eines Freundschaftsgefühls erlebt.

 

Sie haben die Laudatio für ihn gehalten, als er mit dem Nestroyring 2014 ausgezeichnet wurde. Wann haben Sie Niavarani kennengelernt?

Eigentlich gar nicht. Er hat sich mich als Laudator gewünscht, weshalb, weiß ich nicht. Darum haben wir uns einmal gesehen. Da war er so reizend, nett und verführerisch, dass ich ihm reingefallen bin. So ist das entstanden.

 

So schnell kann Freundschaft entstehen?

Das wissen wir ja noch nicht, wir sind Jungfrauen. Aber er verehrt mich erstaunlicherweise, dabei zähle ich zum alten Eisen.

 

Und altes Eisen kann nicht verehrt werden? Sie kokettieren.

Nein, das Theater will jung sein, will eine Zukunft haben. Ich habe keine Zukunft, nur eine Vergangenheit, Erfahrung und eine wilde Wahrheitssucht. Ich kann nur hoffen, dass diese Elemente mit der Jugend konkurrieren können.

Die wilde Wahrheitssucht – worin manifestiert sich die?

Darin, dass ich einen falschen Ton nicht aushalte, weder in der Musik noch in der Darstellung.

 

Wissen Sie denn immer, was falsch und was richtig ist?

Nicht ganz, das ist ja das Dilemma. Ich weiß eher, was falsch ist, nicht aber genau, was richtig ist. Singen zum Beispiel halte ich für eine gefährlich Sache, wenn die Sänger nicht wissen, warum sie eigentlich singen. Ich habe meinen Vater einmal als Bub gefragt: „Warum singen die auf der Bühne, warum reden die nicht?“ Er hat nach einigem Nachdenken gesagt: „Die singen halt.“ So ist das. Singen muss ganz selbstverständlich sein. Die Musik der Oper dient dazu, zu singen, was man fühlt, weil man es eben sagend nicht könnte. Man muss singen, damit die Leute wissen, was man fühlt. Mein Vater hat das verstanden.

 

Hat Ihnen Ihr Vater die Opernmusik nähergebracht?

Ja, das hat er, und zwar auch ganz selbstverständlich. Er selbst hat zwar nicht singen können, aber dafür gekrächzt. Und er hat mir „Tannhäuser“ wie ein Märchen erzählt und die Schallplatte gekauft. In den Opern-Textbüchern hat er mir immer angezeichnet, wo die schönen Stellen sind. Eines habe ich noch von „Rigoletto“. Da ist neben jedem Absatz ein Rufzeichen.

 

Sie waren schon als Bub für Opernmusik erstaunlich empfänglich. „Tannhäuser“ ist keine leichte Kost.

Wahrscheinlich war ich das. Aber ich glaube, Opernmusik muss man sich auch ein bisschen angewöhnen. So wie Kirche, die muss man sich auch angewöhnen, wenn man fromm sein will. Anders geht das nicht. Ich konnte mir halt die Kirche nie angewöhnen, mir war die Oper immer wichtiger. Die Schönheit der Musik, das Mitleiden mit Figuren habe ich das erste Mal durch die Oper kennengelernt.

 

Sie haben als Schauspieler begonnen. Was hat Sie eigentlich zum Theater gebracht?

Über den Humor, über das Blödeln, über das Imitieren bin ich zum Theater gekommen. Ich habe aber sehr lange gebraucht, bis ich das Eigene in mir entdeckt habe. Meine Stimme nämlich, unverstellt, unaufgesetzt. Ich musste lernen, so zu sprechen, wie sie gewachsen ist und noch dazu ein bisschen lauter. Das ist schwierig, denn das Lautwerden ist der erste Schritt zur Unnatur am Theater.

 

Aber auf der Bühne muss man doch laut sprechen?

Schon, aber nicht, indem man die Stimme verstärkt. Man muss wachsen und zwar als ein Ganzer. Lauter sein allein nützt nichts. Die Deutlichkeit muss vom Herzen kommen.

 

Nichts, was ein Schauspieler von heute auf morgen lernen kann. Was ist die Aufgabe des Regisseurs?

Man hat die Verpflichtung, sich und die Welt ununterbrochen zu beobachten und Wahrhaftigkeiten und Details zu speichern. Sie muss man abrufen, wenn man dem Schauspieler helfen will, eine Rolle zu gestalten. Man muss ihn zum Übermut, zum Unfug verführen. Auch jetzt bei der Arbeit mit den Kindern beim „Schlauen Füchslein“ habe ich oft gesagt: „Ich wünsche mir, dass ihr euch vor Freude auf der Erde kugelts." Zuerst haben alle verklemmt geschaut. Aber die Musik hat geholfen. Bei einer Stelle sind sie auf einmal alle auf dem Boden gekugelt und haben es gar nicht gemerkt. Da habe ich mich so gefreut!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2014)